Aufgaben abarbeiten – was die die beste Strategie?

Wir alle haben jeden Tag eine Fül­le von Auf­ga­ben zu erle­di­gen. Eini­ge bekom­men das sehr gut hin und ant­wor­ten z.B. immer schnell auf Anru­fe oder E‑Mails, schrei­ben Kon­zep­te oder Arti­kel in der vor­ge­ge­ben Zeit und schaf­fen auch sonst sehr viel offen­bar mit spie­len­der Leich­tig­keit. Ande­re ver­zet­teln sich – man bekommt lan­ge kei­ne Rück­mel­dung oder muss ewig oft nachfragen.

Dar­in unter­schei­den sich Men­schen erst­mal gar nicht so sehr von einem Haupt­pro­zes­sor in einem Com­pu­ter. Es ste­hen auch dort begrenz­te Res­sour­cen zur Abar­bei­tung von Auf­ga­ben zur Ver­fü­gung. Es gibt unter­schied­li­che Stra­te­gien, wie ein Betriebs­sys­tem mit Bear­bei­tungs­zeit „umgeht“. Das nennt sich dort „Sche­du­ling“. Lässt sich davon viel­leicht etwas ler­nen für den eige­nen All­tag? Sind viel­leicht sogar All­tags­über­le­gun­gen mit in Betriebs­sys­tem­ar­chi­tek­tu­ren eingeflossen?

Vier gän­gi­ge Ver­fah­ren von soge­nann­tem „Task-Sche­du­ling“ sind unten ein­mal visua­li­siert. Ich idea­li­sie­re in einem ers­ten Schritt ein­mal und neh­me an, dass zu einem Zeit­punkt x sämt­li­che Auf­ga­ben T für einen Tag bereits vor­lie­gen. Die Auf­ga­ben T1 bis T5 benö­ti­gen unter­schied­li­che Zeit­ein­hei­ten (E), um erle­digt wer­den zu kön­nen. Die War­te­zeit mei­nes Gegen­übers auf die Erle­di­gung einer Auf­ga­be ist durch einen grü­nen Pfeil sym­bo­li­siert. Eine wei­te­re Idea­li­sie­rung besteht dar­in, dass wäh­rend der gesam­ten Bear­bei­tungs­zeit kei­ne Unter­bre­chun­gen auftreten.

Strategie 1: First in, first out

Dazu sor­tie­re ich mir die Auf­ga­ben nach der Zeit ihres Ein­tref­fens. Die von Frei­tag­abend kom­men vor denen von Sonn­tag­mit­tag, wenn ich am Mon­tag im Büro sit­ze. Wir schau­en uns jetzt mal die War­te­zei­ten an, die mei­ne Gegen­über haben, wenn ich nach die­sem Prin­zip arbei­te. Alle War­te­zei­ten (grü­ne Pfei­le) addie­ren wir zusam­men. Das sind in unse­rem ers­ten gra­fi­schen Bei­spiel 39 Zeiteinheiten.

Strategie 2: Shortest Processing Time First

Hier pas­siert eine wesent­li­che Ände­rung: Ich sor­tie­re mir die Auf­ga­ben so, dass ich zunächst das erle­di­ge, was schnell geht. Man sieht es schon an der Län­ge der Pfei­le: Die durch­schnitt­li­che War­te­zeit sinkt dras­tisch, d.h. mehr mei­ner Gegen­über erhal­ten schnel­ler von mir eine Ant­wort (26 Zeit­ein­hei­ten). An einem All­tags­bei­spiel: Wenn man an einer Super­markt­kas­se immer die­je­ni­gen mit weni­gen Tei­len vor­lässt und kei­ne neu­en Kun­den zur War­te­schlan­ge hin­zu­kom­men, sinkt im Mit­tel die War­te­zeit für alle. Übri­gens sind wir Men­schen in der Vor­her­sa­ge, wie schnell etwas geht, einer Maschi­ne meist überlegen.

 

Zwischenbilanz

Ein kur­ze mitt­le­re Ant­wort­zeit ist oft genau das, was mich nach außen hin als „orga­ni­siert“ erschei­nen lässt. Intui­tiv wür­den Men­schen mir für kom­ple­xe­re Auf­ga­ben auch mehr Zeit zuge­ste­hen. Wenn ich aber eine ganz kur­ze Fra­ge lan­ge lie­gen las­se, gel­te ich schnell als lang­sam. Einen Com­pu­ter wür­den wir auch als lang­sam emp­fin­den, wenn so etwas ver­meint­lich Bana­les wie die Maus über den Bild­schirm ruckelt. Dass gleich­zei­tig z.B. das Video im Hin­ter­grund schnel­ler geren­dert wird, erfas­sen wir intui­tiv nicht. Wir sind aber immer noch äußerst idea­li­siert unterwegs.

 

Strategie 3: Highest Priority First

Am All­tag etwas dich­ter dran ist die Stra­te­gie, nach Prio­ri­tä­ten zu sor­tie­ren. Je dunk­ler die Auf­ga­be T in der fol­gen­den Gra­fik ist, des­to höher ist ihre Prio­ri­tät. Wenn wir die glei­chen Annah­men machen wie für die bei­den ers­ten Stra­te­gien (z.B. alle Auf­ga­ben lie­gen am Tages­be­ginn vor), ist das Ergeb­nis für die mitt­le­ren Ant­wort­zei­ten dras­tisch schlecht, was natür­lich aber auch mit am kon­kre­ten Bei­spiel liegt. In der Ten­denz lässt sich das aber durch­aus verallgemeinern.

Wir stel­len durch die­se Stra­te­gie zwar die wich­tigs­ten Auftraggeber:innen schnell zufrie­den, zah­len das aber mit dem rela­tiv hohen Preis, dass umso mehr Men­schen lan­ge auf unse­re Ant­wort war­ten müssen.

Strategie 4: Preemptive Highest Priority First

Damit wir auch mal den Gegen­pol sehen am Schluss noch mehr Rea­lis­mus mit der Zusatz­an­nah­me, dass Auf­ga­ben unter­schied­li­cher Prio­ri­tät zu unter­schied­li­chen Zei­ten über den Tag hin­zu­kom­men. Auf­ga­ben höhe­rer Prio­ri­tät unter­bre­chen dabei die Abar­bei­tung nied­ri­ger prio­ri­sier­ter Auf­ga­ben. Die­se wer­den dann fort­ge­setzt, wenn alle „höher­wer­ti­gen“ Auf­ga­ben erle­digt sind. Das sieht erst­mal gut aus, scheint ziem­lich opti­mal zu sein und kommt der Rea­li­tät viel­leicht am nächs­ten, aber da ste­cken auch wie­der star­ke ver­steck­te Idea­li­sie­run­gen und Pro­ble­me drin.

  • Es ist wahr­schein­lich, dass nied­rig­prio­ri­sier­te Auf­ga­ben wäh­rend der Abar­bei­tung höher­prio­ri­sier­ter Auf­ga­ben kom­men und nicht wie in mei­nem fik­ti­ven Bei­spiel gleich bear­bei­tet wer­den, weil sie immer gera­de da sind, wenn nichts zu tun ist. Dadurch stei­gen die im Mit­tel erfor­der­li­chen Ant­wort­zei­ten (x+1).
  • Jeder Auf­ga­ben­wech­sel ist res­sour­cen­mä­ßig teu­er. Man muss sich jedes­mal neu ein­den­ken, vor allem, wenn eine kom­ple­xe Auf­ga­be unter­bro­chen wird. Auch ein Betriebs­sys­tem muss Zustän­de von Pro­zes­sen sichern und wie­der­her­stel­len. Das kos­tet Rechenzeit.
  • Immer neue Auf­ga­ben mit hoher Prio­ri­tät kön­nen Auf­ga­ben mit nied­ri­ger Prio­ri­tät ver­drän­gen, sodass sie gar nicht mehr bear­bei­tet wer­den. Bei Betriebs­sys­te­men spricht man davon, dass Pro­zes­se ver­hun­gern, im All­tag blei­ben Ver­wal­t­un­g­arbei­ten ger­ne mal lie­gen – so wie Kor­rek­tu­ren (deren Prio­ri­tät steigt aber mit der Zeit auto­ma­tisch von alleine …).
Wie mache ich das?

Ich kom­bi­nie­re SPF und PHPF. SPF sorgt dafür, dass Ant­wort­zei­ten kurz sind, PHPF lässt mich gegen­über für mich wich­ti­gen Per­so­nen „gut“ daste­hen. Wei­ter­hin ver­su­che ich, indi­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen zu ver­mei­den. Wenn ich mer­ke, dass jemand etwas für einen ande­ren bei mir lösen möch­te, las­se ich die Anfra­ge ent­we­der bewusst ver­hun­gern oder ver­su­che, eine direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zu eta­blie­ren. Indi­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen sind sehr teu­er, weil man die Bedürf­nis­se meh­re­rer Per­so­nen mit­den­ken muss.

Wei­ter­hin ver­mei­de ich in Arbeits­pha­sen Unter­bre­chun­gen bzw. ver­su­che Men­schen klar zu machen, wie pro­ble­ma­tisch Unter­bre­chung sind (spon­ta­nes Vor­bei­kom­men, Tele­fon­an­ru­fe). Als Aus­gleich schaf­fe ich Pha­sen, in denen ich klar signa­li­sie­re: „Ich bin bereit für ‚Wo ich dich gera­de sehe …‘ “. Irgend­was an uns ist ja dann schon anders als bei einem Betriebssystem …

Lehrkräfte gewinnen – Lehrkräftemangel überwinden

Unterrichten ist ein toller Beruf

Lehr­kraft ist ein tol­ler Beruf. Ich gehe mit eini­gen Stun­den nach den Som­mer­fe­ri­en zurück in den Unter­richt, weil mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren das Unter­rich­ten sehr gefehlt hat. Ich wer­de mit mei­ner gerin­gen Stun­den­zahl nicht oder kaum mit den Wid­rig­kei­ten kon­fron­tiert sein.

Das Lehr­kraft­sein ist in Deutsch­land sehr gut bezahlt. Frau­en und Män­ner wer­den gleich ver­gü­tet. Durch die Ver­be­am­tung win­ken wirk­lich aus­kömm­li­che Pen­sio­nen bei einem rund­rum siche­ren Job. Rech­net man die Per­si­ons­leis­tun­gen mit ein, müs­sen in der frei­en Wirt­schaft erheb­li­che Jah­res­ge­häl­ter zur Bedie­nung der pri­va­ten Alters­ver­sor­ge erwirt­schaf­tet wer­den, um dann auf ein ähn­li­ches Lohni­veau zu kom­men. Beam­te mit Kin­dern unter 18 Jah­ren kön­nen ihre Arbeits­zeit sehr fle­xi­bel gestal­ten, für allen ande­ren wur­de über Jah­re die fle­xi­ble Reduk­ti­on von Stun­den ermög­licht, soweit „dienst­li­che Grün­de“ nicht entgegenstanden.

Es gibt aus unter­schied­li­chen Grün­den auch ange­stell­te Lehr­kräf­te. Da sieht es deut­lich schlech­ter aus. Vor allem bei der Bezah­lung, den Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten inner­halb des Schul­sys­tem und der Rente.

Wir haben einen ekla­tan­ten Man­gel an Lehr­kräf­ten in allen Schul­for­men. An Gym­na­si­en sieht es noch ver­gleichs­wei­se gut aus. Zukünf­tig wird sich die­ser Man­gel immens ver­schär­fen. Irgend­was scheint nicht zu stim­men, obwohl die Arbeits­be­din­gun­gen sicher und gut sind.

Zwei Arbeitsverträge

Jeder Mensch hat zwei Arbeitsverträge.

Der eine regelt das For­ma­le. Wie viel Geld gibt es für wel­che Arbeit? Wie sieht es mit der Ver­ein­bar­keit von Arbeit und Beruf aus? Wie kann ich mei­ne Arbeits­zeit an mei­ne momen­ta­ne Lebens­si­tua­ti­on anpas­sen? Wie viel Urlaub steht mir zu?

Die­ser ers­te Arbeits­ver­trag ist von außen sicht­bar. Im Lehrer:innenberuf für alle – selbst die Ent­loh­nung auf den Cent genau. Die Feri­en­zei­ten. Dar­an ent­zün­den sich mit ste­ter Regel­mä­ßig­keit die übli­chen Kli­schee­dis­kus­sio­nen von „nach­mit­tags frei“ und „12 Wochen Urlaub“. Da sol­len die Lehr­kräf­te auch etwas für leis­ten – so die ein­hel­li­ge Meinung.

Der ande­re Arbeits­ver­trag regelt das Ideel­le: Kann ich sinn­stif­tend arbei­ten? Erfah­re ich Unter­stüt­zung und Aner­ken­nung? Wel­che Hier­ar­chien gibt es und wie lebt Lei­tung die­se? Errei­che ich Zie­le? Wer­de ich den Men­schen in mei­nem beruf­li­chen Umfeld gerecht? Wel­che Erwar­tun­gen stellt die Gesell­schaft an mich?

Die­ser zwei­te Arbeits­ver­trag ist von außen nicht sicht­bar. Defi­zi­te in die­sem Bereich las­sen sich sehr oft durch eine ent­spre­chen­de Kom­pen­sa­ti­on im ers­ten Arbeits­ver­trag aus­glei­chen. Aber das hat Gren­zen. Gren­zen äußern sich dar­in, dass ein Beruf nicht mehr ange­wählt oder ver­las­sen wird – im Lehrer:innenberuf gar nicht so sel­ten durch „inne­re Kündigung“.

In die­sem Sta­di­um wir­ken Anreiz­sys­te­me finan­zi­el­ler Art nicht mehr – eher wird sogar bewusst auf Geld ver­zich­tet, um den ideel­len Arbeits­ver­trag sinn­stif­tend aus­ge­stal­ten zu können.

Das politische Dilemma

Man hat sich aus mei­ner Sicht poli­tik- und behör­den­sei­tig über Jah­re dar­auf ver­las­sen, dass man mit dem for­ma­len Arbeits­ver­trag – vor allem mit der Beam­tung – schon hin­rei­chend punk­ten wird, um immer genü­gend Lehr­kräf­te auf dem frei­en Markt zur Ver­fü­gung zu haben. Lan­ge Zeit war das auch so. Das kippt aber – übri­gens auch ganz ohne die aktu­el­le Flücht­lings­kri­se, die kata­ly­siert das Pro­blem „nur“.

Wahl­wei­se mag auch der eine oder die ande­re Politiker:in dar­auf gesetzt haben, dass sich die Her­aus­for­de­rung zumin­dest teil­wei­se durch Digi­ta­li­sie­rung löst. Das klappt auch so bedingt. Und jetzt steht man da.

Die poli­ti­sche Lösung sieht dann oft so aus, dass man Geld bereit­stellt und in die­sem Fall Kultusbeamt:innen den Auf­trag erteilt, mit die­sem Geld dafür zu sor­gen, dass das Pro­blem weg­geht oder es nach außen zumin­dest so aus­sieht, als wür­de man etwas dafür tun, dass das Pro­blem weggeht.

Hier­ar­chi­sche Sys­te­me nei­gen dann dazu, dar­auf zu schau­en, wie man an dem for­ma­len Arbeits­ver­trag (z.B. „Bonus­zah­lun­gen“) so schrau­ben kann, dass mehr Men­schen kom­men bzw. die­je­ni­gen blei­ben, die schon im Sys­tem sind. Das Pro­blem liegt aber gar nicht auf der for­ma­len Ebene.

Alter­na­tiv kann man die bis­her kulan­ten Teil­zeit­re­ge­lun­gen beschnei­den oder beam­ten­recht­li­che Mit­tel wie die Abord­nung oder Ver­set­zung nut­zen, um Per­so­nal­res­sour­cen bes­ser aus­zu­nut­zen. Bei­des dürf­te aber zu Las­ten des ideel­len Arbeit­ver­tra­ges gehen und das Pro­blem in ziem­lich kur­zer Zeit ziem­lich ver­schär­fen. Aber: Wir wer­den die­se Maß­nah­men mei­ner Mei­nung nach sehen.

Alles, was man kurz­fris­tig tun kann, ver­schärft das Pro­blem. Sinn­vol­le­re Maß­nah­men wir­ken nicht recht­zei­tig vor der nächs­ten Wahl oder sind wahl­wei­se nicht „öffent­lich­keits­gän­gig“. Mit sym­bol­träch­ti­gen öffent­lich­keits­gän­gi­gen Maß­nah­men wer­den im bes­ten Fall knap­pe Res­sour­cen nicht sinn­voll gebunden.

Was also tun?

Men­schen blei­ben in einem Beruf, den sie für sich als sinn­stif­tend erle­ben – das ist mei­ne Über­zeu­gung. Daher kann der Weg nur über den zwei­ten Arbeits­ver­trag führen.

War­um schau­en wir nicht ein­mal ganz kri­tisch auf das Refe­ren­da­ri­at? Ich war erstaunt, was für einen schlech­ten Ruf die­se Aus­bil­dungs­pha­se ins­ge­samt bei mei­nen Student:innen hat­te. Wir soll­ten die­se Wahr­neh­mung wirk­lich ernst neh­men, auch unse­re eige­ne … Viel­leicht hilft schon das Ange­bot(!) einer exter­nen(!) frei­wil­li­gen(!) Super­vi­si­on, um Wahr­neh­mung einzuordnen.

War­um machen wir es gera­de Berufsanfänger:innen am Anfang nicht etwas leich­ter, indem wir das Depu­tat zeit­lich begrenzt sen­ken? Natür­lich ver­schen­ken wir dadurch Unter­richts­stun­den, aber wel­che Lehr­kraft ist bes­ser für das Sys­tem: Die­je­ni­ge, die nicht da ist oder die­je­ni­ge, die zumin­dest 80% arbei­tet? (Ich weiß, dass das recht­lich schwie­rig ist – aber Recht lässt sich gestalten).

Schul­for­men ohne die Mög­lich­keit(!) des Erwerbs eines Abiturs wer­den gesell­schaft­li­che Pro­ble­me akku­mu­lie­ren. Immer. Wir soll­ten drin­gend davon weg­kom­men und eine ech­te Zwei­glied­rig­keit ins Auge fas­sen. Es hat Grün­de, war­um ins­be­son­de­re an Ober- und sons­ti­gen „Mit­tel­schu­len“ der Lehr­kräf­te­man­gel ekla­tant ist.

Die ver­schie­de­nen Hier­ar­chie­be­nen im Schul­sys­tem müs­sen ihre Wirk­lich­kei­ten abglei­chen und erfah­ren. Behördenmitarbeiter:innen soll­ten ver­bind­lich im Fünf­jah­res­tur­nus an Schu­len z.B. im Büro ein­ge­setzt wer­den. Ministeriumsmitarbeiter:innen soll­ten in Kon­takt mit Schu­le und Unter­richt kom­men, z.B. in Form von Hos­pi­ta­tio­nen. Lehr­kräf­te soll­ten Ver­fah­ren in Schul­be­hör­den haut­nah durch Hos­pi­ta­tio­nen erle­ben könn­ten oder es soll­te nie­der­schwel­li­ge Fall­be­spe­ch­un­gen mit unter­schied­li­chen Hier­achie­ebe­nen geben. Wir brau­chen drin­gend gegen­sei­ti­ge Ein­bli­cke in die Arbeit.

Wir soll­ten uns als Gesell­schaft fra­gen, in wel­chem Ver­hält­nis per­sön­li­che Bedürf­nis­se und Lebens­ent­wür­fe zu der Erfül­lung des All­ge­mein­wohls ste­hen. Der Lehrer:innenberuf ist wie kein ande­rer einer, der im All­ge­mein­wohl die­nen soll­te. Das bringt bestimm­te Ein­schrän­kun­gen im per­sön­li­chen Umfeld mit sich, die aber an ande­rer Stel­le kom­pen­siert wer­den – z.B. durch den for­ma­len Arbeits­ver­trag im Fal­le der Verbeamtung.

Das löst die momentane Herausforderung nicht

Nein. Nichts davon löst das. Wir müs­sen Unte­richt kurz­fris­tig wahr­schein­lich tat­säch­lich strei­chen und damit das Pro­blem „öffent­lich­keits­gän­gig“ machen. Das ist eine poli­ti­sche Bank­rott­erklä­rung. Aber der Glau­be, lang­fris­tig ent­stan­de­ne Pro­ble­me durch kurz­fris­ti­ge Maß­nah­men lösen zu kön­nen, ist bes­ten­falls naiv – eben­so die Absicht, kon­kret „Ver­ant­wort­li­che“ für das Dilem­ma benen­nen zu wol­len. Dann weiß man zwar, dass es an Herrn Mey­er und Frau Schul­ze liegt, aber das Pro­blem ist ja immer noch da.

 

 

Schulkritik und Komfortzone

Ich habe ges­tern die Doku­men­ta­ti­on „Jugend ohne Abschluss“ aus der Rei­he „45 Minu­ten“ des NDR gesehen:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=tYOJ0nllvC4

Mir wird bei sowas immer wie­der klar, dass sich Schu­le nicht durch Ver­stel­len eini­ger Schrau­ben ver­än­dern lässt.

Selbst wenn wir Din­ge wie ver­än­der­te Prü­fungs­kul­tur, sinn­stif­ten­des Ler­nen und Pro­jekt­ler­nen umset­zen, wür­de sich ohne wei­te­re gesell­schaft­li­che Para­me­ter wahr­schein­lich wenig ändern – vor­aus­ge­setzt, wie bekä­men ohne das Schrau­ben an ande­ren gesell­schaft­li­chen Para­me­tern das über­haupt hin.

Das hat für mich damit zu tun, dass Auf­wach­sen in einer Gesell­schaft dem Auf­wach­sen in einer Her­de gleicht und Päd­ago­gik für mich eigent­lich eine Auf­ga­be der Her­de ist, bzw. dass in der Rea­li­tät die „Her­de“ das impli­zit immer tut und übernimmt.

Die Schüler:innen in der Doku­men­ta­ti­on sind für mich geprägt von ihrer per­sön­li­chen Ent­wick­lung in einer Gesell­schaft, zu der das Schul­sys­tem sach­lo­gisch ganz gut passt und die Erfah­run­gen des Ver­sa­gens ver­stärkt. Aber Schu­le ist eben ein Lern­ort von vie­len, ver­än­der­te Prü­fungs­kul­tur, sinn­stif­ten­des Ler­nen und Pro­jekt­ler­nen kann nicht vor­aus­set­zungs­los statt­fin­den und voll­zieht sich immer auf der Basis der gesell­schaft­li­chen Pro­zes­se, in die Schu­le nun­mal ein­ge­bun­den ist.

Sorgt z.B. gen­der­ge­rech­te Spra­che dafür, dass die Benach­tei­li­gung von Frau­en in einer Gesell­schaft mit kapi­ta­lis­ti­schem Betriebs­sys­tem abge­baut wird? Wür­de eine Gesell­schaft, in der Frau­en nicht mehr benach­tei­ligt sind, eine ande­re Spra­che her­vor­brin­gen? Wür­de eine Gesell­schaft mit einem ande­rem Betriebs­sys­tem eine ande­re Schu­le her­vor­brin­gen oder eine ver­än­der­te Schu­le eine ande­re Gesellschaft?

Was wir seit Jah­ren gut kön­nen, ist zu beschrei­ben, was wir wol­len. Wir suchen uns dafür ein­zel­ne Aspek­te her­aus, die wir beson­ders gut beschrei­ben kön­nen. Digi­ta­li­sie­rung, Prüfungsformate

Gen­der­ge­rech­te Spra­che beschreibt für mich bis­her ledig­lich einen Wunsch. His­to­risch hat Spra­che immer Gesell­schaft abge­bil­det. Hat ver­än­der­te Spra­che allein schon­mal gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se ver­än­dert? Besteht nicht die Gefahr, dass nach anfäng­li­cher Irri­ta­ti­on über „ver­ge­wal­tig­te“ Spra­che ange­nom­men wird, dass Frau­en jetzt doch schon ganz schön mehr gleich­be­rech­tigt sind? Oder dass durch eine ver­än­der­te Prü­fungs­kul­tur das kapi­ta­lis­ti­sche Betriebs­sys­tem auto­ma­tisch umpro­gram­miert wird?

Übri­gens: Huma­nis­ti­sche Päd­ago­gik ist im Rah­men der Bera­tung von Unter­neh­men durch­aus salon­fä­hig gewor­den, um Gewinn­ma­xi­mie­rung unter dem Deck­man­tel von „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­sen auf Augen­hö­he“ zu betrei­ben. Die Hier­ar­chien sind noch vor­han­den – und viel­leicht bloß ste­alth geor­den hin­ter „akti­vem Zuhö­ren“, „Joi­ning“ und „Socia­li­zing“.

War­um soll­te sich z.B. sinn­stif­ten­des Ler­nen nicht eben­falls nach einer kapi­ta­lis­ti­schen Logik nut­zen lassen?

Lie­be Mitarbeiter:innen, 30% eurer Arbeits­zeit könnt ihr mit euren sinn­stif­ten­den Pro­jek­ten ver­brin­gen, das habt ihr in der Schu­le pri­ma gelernt, aber weil wir so gut zu euch sind und das über­haupt erst ermög­licht, haben wir das Vor­kaufs­recht auf eure Ideen!“.

Ist damit z.B. die For­de­rung nach einer ver­än­der­ten Prü­fungs­kul­tur am Ende ein Fei­gen­blatt? Ist gen­der­ge­rech­te Spra­che am Ende ein Fei­gen­blatt? So qua­si eine Art intel­lek­tu­el­ler Ablass­han­del? „Seht, ich habe es gese­hen und beschrie­ben, lest und ver­steht end­lich! Und macht end­lich, dass es sich ändert!“.

Men­schen, die sich für Gleich­be­rech­ti­gung ein­set­zen, wis­sen, dass Spra­che das dünns­te Brett ist – aber eben am leich­tes­ten zu bear­bei­ten, weil man dann weni­ger mit dem Stech­ei­sen im Hart­holz her­um­wür­gen muss. Gen­der­ge­rech­te Spra­che als intel­lek­tu­el­le Kom­fort­zo­ne. Dar­über lässt sich schrei­ben, strei­ten, dis­ku­tie­ren, ohne dass es all­zu dicht kommt. Weder muss ich als Mann dafür mei­nen Ange­stell­ten mehr zah­len, noch mei­nen gleich­be­rech­tig­ten Teil bei der Haus­ar­beit oder Kin­der­be­treu­ung leis­ten. Ein wenig Gen­öle auf Social­me­dia oder in den Feuil­le­tons ertra­gen, das war es auch schon.

Ich den­ke gera­de viel dar­über in mei­nen Bera­tun­gen über die­se Struk­tu­ren nach – ist ja schon irgend­wie auch eine schrä­ge Ana­lo­gie. Mei­ne Posi­ti­on ist ver­dammt kom­for­ta­bel. Ich muss mei­ne Hal­tung nicht ändern oder mei­ne Arbeits­rou­ti­nen. Das ist oft auch der Grund dafür, dass ich mich manch­mal bewusst in ande­re Posi­tio­nen bege­be und im mei­nem pri­va­ten Umfeld die Viel­falt suche. Ich bin sehr glück­lich, dass ich dabei auch manch­mal unge­fil­tert rück­ge­mel­det bekom­me, „wie das so ankommt in die­ser Realität“.

PS:

Ich ver­wen­de zuneh­mend gen­der­ge­rech­te Spra­che und set­ze mich für ver­än­der­te Rou­ti­nen im Schul­sys­tem ein. Die die­sem Ein­satz ver­bun­de­ne „Leis­tung für gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se“ hal­te aller­dings in mei­nem Fall nicht für beson­ders rele­vant. Die Magie kommt für mich von woan­ders. Und manch­mal fängt sie ganz banal an, z.B. bei der Unter­stüt­zung bei der Ein­rich­tung von irgend­wel­chem Gerätekrams.

 

 

Wir wundern uns …

… war­um Kul­tus­mi­nis­te­ri­en ande­rer Bun­des­län­der unter allen Umstän­den ver­hin­dern wol­len, dass ande­re Regeln für sie vor Ort inter­pre­tie­ren oder gar auf Basis einer eige­nen Ein­schät­zung der Lage vor Ort umset­zen. Das sieht man gera­de sehr hübsch am Fall Dort­mund.

Ich glau­be, dass es dabei im Kern gar nicht um den kon­kre­ten Ein­zel­fall geht. Wenn „Auf­stän­de“ an Schu­len Schu­le machen, müs­sen die Minis­te­ri­en irgend­wann ihre Kar­ten in Form von z.B. Dis­zi­plar­maß­nah­men gegen „wider­spens­ti­ge“ Beam­te auf den Tisch legen, die Ihnen eine Durch­set­zung ihre Anord­nun­gen ermöglichen.

Was käme da in Fra­ge? Sus­pen­die­rung von Lehr­kräf­ten oder Schuleiter:innen? Kür­zung von Bezü­gen? Dis­zi­pli­na­ri­sche Gesprä­che in einer Zeit, in denen jede ein­zel­ne Schul­be­hör­de wahr­schein­lich völ­lig über­las­tet ist? In der Pan­de­mie? Im Lehrer:innenmangel?

Wür­den die­se Maß­nah­men über­haupt einer juris­ti­schen Über­prü­fung stand­hal­ten, wenn – nur ein hypo­the­ti­scher Fall – z.B. die Hygie­ne­maß­nah­men an Schu­len nicht dem Stan­dard ent­sprä­chen, der nach über einem Jahr rea­lis­tisch auch im Rah­men der Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn erwart­bar gewe­sen wäre?

Ver­fas­sungs­treue und damit die unbe­ding­te Pflicht, die Gesund­heit von Schüler:innen und Kolleg:innen zu schüt­zen nennt der Amts­eid der Beam­ten noch vor der Gehor­sam­s­pflicht. Dar­aus dürf­ten sich hüb­sche juris­ti­sche Unwäg­bar­kei­ten ergeben.

Sobald Unge­hor­sam Schu­le macht, sobald Lehr­kräf­te sehen wür­den, dass es im Schul­sys­tem im dis­zi­pli­na­ri­schen Bereich ein immenses Voll­zugs­de­fi­zit gibt, sobald sie damit „durch­kom­men“, besteht die rea­le Gefahr, dass das Sys­tem ins­ge­samt mit all sei­nen stil­len Ver­trä­gen schlicht kom­plett kol­la­biert. Das dar­aus „Gelern­te“ lässt sich ja auch auf ande­re The­men­be­rei­che übertragen.

Das wäre kurz­fris­tig fatal für Schüler:innen, die sich jetzt im Sys­tem befin­den. Das muss man bei aller viel­leicht still emp­fun­de­nen „Das wäre doch mal fällig!“-Stimmung lei­der auch sehen.

Des­we­gen ist es logisch (logisch ist hier beschrei­bend, nicht wer­tend gemeint), dass sich Kul­tus­mi­nis­te­ri­en ande­rer Bun­des­län­der über Bun­des­ver­ein­ba­run­gen gele­gent­lich hin­weg­set­zen und in ört­li­che Behör­den­ent­schei­dun­gen teil­wei­se hineinreden.

Ich sehe dar­in ein immenses Risi­ko: Es ist „All in“ bei einem durch­aus aus­bau­ba­ren Blatt. Geht das schief, war es das. Wenn das Voll­zugs­de­fi­zit im Sys­tem erkannt und ver­stan­den wird, bricht der Damm.

Ich habe den Ein­druck, dass das nie­der­säch­si­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um bei aller Kri­tik, die auch dort ankom­men wird, genau so nicht vor­geht. Die Ent­schei­dun­gen über Schul­schlie­ßun­gen über­lässt man ent­spre­chend den getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen schon län­ge­re Zeit kom­plett den jewei­li­gen Landkreisen.

Tja. In Land­kreis Clop­pen­burg (Inzi­denz ges­tern > 220) lässt sich zur­zeit dar­über lei­der auch nicht so viel diskutieren …

 

Wirklichkeitsentkoppelt

Neu­es For­mat. Eine Gedan­ken­samm­lung. Erst­mal vier Geschichten.

Die erste Geschichte

Yvonne Gebau­er erwirbt eine Drei-Jah­res-Lizenz der Brock­haus-Onlineenzy­klo­pä­die zur Nut­zung durch alle Schüler:innen in NRW. Der Spott der Onlinecom­mu­ni­ty und eini­ger kri­ti­scher Jour­na­lis­ten ist ihr sicher.

Ich bin mir sicher, dass Frau Gebau­er das maxi­mal ver­wirrt: Schließ­lich hat sie ja nicht direkt die­sen Deal ein­ge­fä­delt, son­dern die Vor­be­rei­tun­gen und die Idee dazu kom­men ja aus ihrem Minis­te­ri­um von Fachrefe­ra­ten. Sie hat sich auf die­se inhalt­li­che Vor­ar­beit ver­las­sen, die lei­der an den momen­ta­nen Bedar­fen gering­fü­gig vor­bei­geht. Die Mit­tel, die dafür ein­ge­setzt wur­den, sind höchst­wahr­schein­lich Mit­tel aus dem Digi­tal­pakt: Ein Teil der Zuwen­dun­gen an die Län­der ist für Vor­ha­ben auf Lan­des­ebe­ne vorgesehen.

Die zweite Geschichte

Unter vie­len Jour­na­lis­ten gibt es ein Nar­ra­tiv, dass die Digi­tal­pakt­mit­tel ein­fach nicht abge­ru­fen wer­den. Die Nach­fra­gen an die Kul­tus­mi­nis­te­ri­en tür­men sich. Mich haben auch schon eini­ge Anfra­gen dazu erreicht, aber mei­ne Ant­wor­ten stie­ßen auf wenig Gegen­lie­be: Zu wenig pla­ka­tiv, zu kom­plex, in der Öffent­lich­keit nicht ver­mit­tel­bar. Jetzt gibt es in Nie­der­sach­sen einen 10-Punk­te-Plan Digi­ta­li­sie­rung. Die­ser sieht als Ziel­vor­ga­be vor, noch im Jahr 2021 min­des­tens 50% der Digi­tal­pakt­mit­tel „zu bin­den“. Denn: Zah­len – so wichtig!

Dass die Ursa­chen für den gerin­gen Mit­tel­ab­fluss ganz woan­ders lie­gen (und der Stau bzw. Kno­ten sich recht bald lösen wird), hät­te Recher­chen vor­aus­ge­setzt. Statt­des­sen schaut man lei­der im Jour­na­lis­mus oft ger­ne auf Zahlen.

Und Poli­tik lie­fert die­se dann, weil so das Spiel funk­tio­niert. Ich sehe für Nie­der­sach­sen momen­tan eine gro­ße Gefahr, dass unter dem öffent­li­chen Druck das Pen­del von „sinn­vol­ler Digi­ta­li­sie­rung von schu­li­schen Pro­zes­sen“ stark hin­über­schwingt: „Die Koh­le muss raus, lass‘ mal Gerä­te anschaf­fen!“ Mit inhalt­li­cher und päd­ago­gi­scher gelun­ge­ner Arbeit ist kei­ne Pro­fi­lie­rung mög­lich. Ein schi­ckes Foto vor dem LCD-Panel ist da viel fluffi­ger: Für alle Sei­ten: Jour­na­lis­ten, Poli­tik und Schu­le. Und hin­ter­her wird dann gejam­mert, dass man sich ja viel zu wenig Gedan­ken gemacht hat.

Die dritte Geschichte

Es gibt Dienst­ge­rä­te zur Aus­stat­tung von Lehr­kräf­ten. Unter dem Begriff wer­den in der öffent­li­chen Dar­stel­lun­gen ganz vie­le Din­ge in einen Topf gewor­fen. Das Sofort­aus­stat­tungs­pro­gramm des Bun­des führt gera­de nicht zur Anschaf­fung von Gerä­ten, die im dienst­li­chen Kon­text rechts­si­cher ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Allen­falls wird es vie­ler­orts schul­ge­bun­de­ne Gerä­te geben, die an Lehr­kräf­te von den Trä­gern „ver­lie­hen“ wer­den, um deren rechts­kon­for­men Ein­satz und um deren Admi­nis­tra­ti­on sich die Lehr­kräf­te selbst küm­mern müs­sen. Um das zu begrei­fen, muss man För­der­richt­li­ni­en lesen (und zur Ver­fü­gung haben). Letzt­lich bekom­men die­se Gerä­te dann den Sta­tus eines Pri­vat­ge­rä­tes, was man dann nur nicht selbst finan­zie­ren muss. Gera­de für die Ziel­grup­pe unter den Lehr­kräf­ten, für die das inter­es­sant wäre, näm­lich die bis­her digi­tal Vor­sich­ti­gen, ist der tat­säch­li­che Nut­zen dann doch eher begrenzt. Die­se Dis­kre­panz aus öffent­li­cher Dar­stel­lung und schmuck­lo­ser Rea­li­tät bringt mich hier an die Gren­ze des­sen, was ich noch sach­lich in der Bera­ter­tä­tig­keit ver­mit­teln kann.

Die vierte Geschichte

Mei­ne Twit­ter­ak­ti­vi­tä­ten sind sehr begrenzt gewor­den, ich fil­te­re viel und mute Din­ge, die mich ggf. trig­gern könn­ten. Vor Grals­hü­tern kann man sich auch durch die­se Tak­tik kaum schüt­zen. Sach­lich stimmt alles, Schu­le ist voll reform­be­dürf­tig und Prü­fungs­kul­tur muss sich ändern – kein Dis­senz soweit. Aber in der pan­de­mi­schen Situa­ti­on neh­me ich gera­de ande­re Bedürf­nis­se und ande­re Not­wen­dig­kei­ten wahr – nicht alle gefal­len mir inhalt­lich. Eini­ges lässt sich durch bestimm­te Wei­chen­stel­lun­gen in Bah­nen len­ken, die spä­ter eher einen offe­nen Ent­wick­lungs­rah­men bie­ten. Und es wer­den nicht die Men­schen gehört, die inhalt­lich am wei­tes­ten sind, son­dern die­je­ni­gen, die die momen­ta­nen prag­ma­ti­schen Not­wen­dig­kei­ten am ehes­ten bedie­nen. Schon schlimm, ich weiß. Ich bin vol­ler Bewun­de­rung für Bücher, die zum neu­en Ler­nen gera­de ent­ste­hen. Ich könn­te erst nach län­ge­rer Erfah­rung über die­se Din­ge schrei­ben und weiß noch viel zu wenig über Distanz­ler­nen oder die Gestal­tung von Videokonferenzen.

Was ist das Gemeinsame an allen Geschichten?

Ich habe sehr lan­ge gesucht, ob es irgend­ei­nen gemein­sa­men Nen­ner gibt. Ich glau­be vor­sich­tig, dass der Schlüs­sel im Begriff der Pro­fi­lie­rung liegt und dass Digi­tal­the­men hier in beson­de­rem Maße unpro­duk­ti­ve Pro­fi­lie­rung fördern.

Poli­tik muss sich pro­fi­lie­ren, was oft genug über Zah­len funk­tio­niert. Das ist so gelernt, dass man dar­an letzt­lich gemes­sen wird. Man­che Jour­na­lis­ten müs­sen sich pro­fi­lie­ren, weil Digi­tal­the­men nun­mal ganz oben in der Wahr­neh­mung sind. Ver­ant­wort­li­che für Beschaf­fungs­pro­zes­se kön­nen sich pro­fi­lie­ren, indem mög­lichst schnell mit mög­lichst gro­ßen Zah­len etwas beschafft wird. Beschaf­fun­gen sind dann gut, wenn sie öffent­lich sicht­bar sind, d.h. wenn man sich vor ihnen foto­gra­fie­ren las­sen kann. Dann ist „die Öffent­lich­keit“ zufrie­den und damit auch die Poli­tik. Mit mög­lichst radi­ka­len The­sen zum Umbau des Schul­sys­tems kann man sich pro­fi­lie­ren und wird gehört. Das ist z.B. auch eine mei­ner Pro­fi­lie­rungs­an­sät­ze, das „Brain“ zu sein, zu hin­ter­fra­gen, es kom­plex zu machen.  Mit immer neu­en Meta-Platt­for­men kann man sich pro­fi­lie­ren und zwar bit­te jede Insti­tu­ti­on immer wie­der neu. Da geht es gar nicht um Inhal­te, da geht es um Darreichungsformen.

Päd­ago­gi­sche Kon­zep­te und päd­ago­gi­sche Arbeit kann man nicht foto­gra­fie­ren. Man braucht zudem Zeit, um sie zu ver­ste­hen. Und es braucht noch mehr Zeit, um sie zu ent­wi­ckeln und in die­sem Ent­wick­lungs­pro­zess zu ler­nen. Es ist dif­fu­ses Wis­sen in einer Regi­on, was die eine Schu­le kann und die ande­re nicht. Der Erfolg sol­cher Kon­zep­te ist ein stil­ler. Gefühlt sind mei­ne Bera­tun­gen erfolg­rei­cher, wenn ich stil­ler bin, mehr zuhö­re, weni­ger pla­ka­tiv auf­tre­te, mich zurück­neh­me – weil ich dann bes­ser weiß, was ich sagen oder fra­gen „darf“.  Pro­fi­lie­rung ver­gif­tet inhalt­li­che Arbeit, sie stellt sich davor und über­strahlt mit ihrem LED-Kalt­licht­schein­wer­fer jedes war­me Glü­hen. Ich erle­be es oft, dass wir Män­ner damit ein viel grö­ße­res Pro­blem als Frau­en haben.

Vie­le Lehr­kräf­te machen sich gera­de auf den Weg und neh­men zum ers­ten Mal Tech­nik in die Hand. So wie sie es tun, hat es viel­leicht zunächst noch nichts mit Digi­ta­li­sie­rung zu tun. Was nicht pas­sie­ren darf ist, jetzt zusätz­lich zu sagen: „Du musst es von Anfang an mit einem ande­ren Mind­set­ting dar­an! Die bist erwach­sen und stu­diert!“ Pan­de­mie + Tech­nik + Mind­set ist viel­leicht – zumin­dest für ganz „nor­ma­le“ Men­schen – gera­de dann doch etwas ein klein wenig zu viel.

 

 

 

 

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