Schwachstellen im Schulsystem

Seit gerau­mer Zeit bewe­ge ich mich mehr in einer Beob­ach­ter­po­si­ti­on im Schul­sys­tem. Ich habe regel­mä­ßig Kon­takt mit allen denk­ba­ren Hier­ar­chie­ebe­nen. Das liegt vor allem dar­an, dass Medi­en­be­ra­tung mas­siv in Fokus gerät, seit­dem „Digi­ta­li­sie­rung“ als eines der poli­ti­schen Haupt­the­men in Erschei­nung tritt. Zuneh­mend fährt man als medi­en­päd­ago­gi­sche Bera­tung nicht mehr „unter dem Radar“, son­dern ich bin mit mei­nen Kolleg:innen durch­aus in Pro­zes­se von lan­des­wei­ter Bedeu­tung hier in Nie­der­sach­sen ein­ge­bun­den. Dadurch dass alles gera­de „ganz schnell“ gehen muss, kommt es immer wie­der zu Begeg­nun­gen mit sehr grund­sätz­li­chen Schwach­stel­len im Sys­tem, die m.E. man eigent­lich „nur“ gezielt „unter Feu­er“ neh­men müss­te, um Ver­än­de­run­gen zu beschleu­ni­gen. Als Beam­ter fehlt aller­dings das Instru­men­ta­ri­um, bzw. es soll­te tun­lichst im Schrank blei­ben, wenn die eige­ne Macht­po­si­ti­on ledig­lich eine ideel­le ist. „Unter Feu­er neh­men“ ist dabei wirk­lich kein schö­ner Aus­druck, aber ein guter Spie­gel so man­ches Wun­sches, der einem manch­mal kommt. Wel­che Schwach­stel­len mei­ne ich?

Schwachstelle 1: Alle müssen unter allen Umständen ihr Gesicht wahren können

Im Schul­sys­tem arbei­ten Men­schen in Lei­tungs­po­si­tio­nen, die Feh­ler machen. Darf man das offen benen­nen? Einer der wesent­li­chen stil­len Ver­trä­ge schreibt m.E. unge­sagt fest, dass das nicht gesche­hen darf. Ich ken­ne Schul­lei­tun­gen, die ver­sucht haben, offen damit umzu­ge­hen und erle­ben muss­ten, dass ihnen das nicht als Stär­ke ange­rech­net wur­de. Es gibt „Sprach­re­ge­lun­gen“ – durch­aus auch für mas­si­ves Fehl­ver­hal­ten, z.B. „nicht den not­wen­di­gen Abstand zu Schüler:innen ein­ge­hal­ten“. Im Grun­de geht es für mich dabei dar­um, Ver­ant­wor­tung zu ent­per­so­na­li­sie­ren. Auf Schul- und Schul­amts­ebe­ne wird nur das repro­du­ziert, was u.a. Pres­se­ab­tei­lun­gen von Minis­te­ri­en vor­le­ben. Wenn sich etwas nicht 120%ig auf eine Rege­lung oder einen Erlass zurück­füh­ren lässt, gibt es äußerst sel­ten schrift­li­che Aus­künf­te oder Gesprä­che in grö­ße­ren Grup­pen. Das gespro­che­ne Wort genießt in Deutsch­land einen hohen Schutz­sta­tus und ist rela­tiv leicht glaub­haft im Nach­hin­ein erin­ne­rungs­tech­nisch modifizierbar.

Ich bin selbst Teil die­ser stil­len Ver­trä­ge. Mate­ria­li­en und Vor­ga­ben, die ich oder mei­ne Kolleg:innen pro­du­zie­ren, erschei­nen „ent­per­so­na­li­siert“ auf offi­zi­el­len Web­sei­ten und sind von außen nur immens schwie­rig einer Per­son zuzu­ord­nen. Das ist manch­mal ganz ange­nehm, aller­dings pro­fi­tie­re ich auch indi­rekt davon, was ich an ande­rer Stel­le kri­ti­sie­re. Ich kann Inhal­te set­zen – ganz ohne Verantwortung.

Eigent­lich steckt für mich dahin­ter ins­ge­samt viel Angst. Angst z.B. vor einer media­len Dar­stel­lung, die sehr ver­kürzt und oft „pla­ka­tiv“ ope­riert, damit Kom­ple­xi­tät mög­lichst ein­fach zu ver­ste­hen ist. Oder Angst, an Glaub­wür­dig­keit zu ver­lie­ren. Die­se Angst ist gera­de im Beam­ten­sta­tus objek­tiv eigent­lich völ­lig unbe­grün­det (zumin­dest wirt­schaft­lich), aber auch ich muss beim öffent­li­chen Schrei­ben die­se im Sys­tem ver­an­ker­ten Ängs­te immer mit­den­ken und im Blick haben – zumu­te ist mir manch­mal durch­aus anders.

Ich arbei­te in einem Umfeld, in dem mein Vor­ge­setz­ter mir bei Feh­lern immer sagt: „Und Maik, has­te was draus gelernt?“ – und danach wird bespro­chen und es geht wei­ter. Das pas­siert übri­gens inner­halb des Sys­tems. Abso­lut ist nichts.

Schwachstelle 2: Angst vor Öffentlichkeit

Eigent­lich hängt die­se Schwach­stel­le sehr eng mit der ers­ten zusam­men. Im Beam­ten­sys­tem ist immens stark regle­men­tiert, wer sich zu was im Sys­tem öffent­lich äußern darf. Die Kon­se­quen­zen bei einer Über­schrei­tung sind rela­tiv deut­lich. Das bekom­men Jour­na­lis­ten zu spü­ren, die zitier­ba­re Aus­sa­gen von Lehr­kräf­ten in Inter­views erhal­ten möch­ten. Oft bin ich schon gefragt wor­den, ob ich Schu­len ken­nen wür­de, die dies und jenes schon rea­li­siert haben oder in die­ser oder jener Pro­blem­stel­lung ste­cken. Natür­lich ver­su­che ich, Kon­tak­te her­zu­stel­len, aller­dings steht davor immer das Bera­tungs­ge­heim­nis: Ich ent­schei­de nicht, ob eine Schu­le sich zu die­ser oder jener Sache äußern möch­te. Ich iden­ti­fi­zie­re nicht für Jour­na­lis­ten Schu­len, die zu die­ser oder jener Fra­ge­stel­lung pas­sen OHNE mir vor­her die Legi­ti­ma­ti­on zu holen. Und genau da wird es immer wie­der schwie­rig: Das braucht u.U. so viel Zeit, dass Dead­lines in Redak­tio­nen dann schon längst ver­stri­chen sind und die Sache dann im San­de ver­läuft. Es gibt eine unglaub­li­che Scheu, sich als Schul­lei­tung öffent­lich zu bestimm­ten Abläu­fen im Schul­sys­tem zu äußern – wahr­schein­lich weil die Abhän­gig­kei­ten sehr groß sind, z.B. bei der Lehrer:innenversorgung. Zu all­ge­mei­nen poli­ti­schen Aus­sa­gen geht das zuneh­mend. Zu Her­aus­for­de­run­gen, die „dienst­in­tern“ auf­tre­ten, geht das nicht, da die Treue­pflicht dem ent­ge­gen­steht. Aller­dings sit­zen in Schul­vor­stän­den, in denen sol­che Din­ge dis­ku­tiert wer­den, stets auch Per­so­nen, die nicht die­sen Regu­la­ri­en unter­lie­gen und die direk­te Anfra­gen ohne Ein­hal­tung des Dienst­we­ges an die Behör­de stel­len könn­ten – was im ers­ten Schritt ein Gebot der Fair­ness wäre, bevor man nach außen geht. Den­noch: Die Angst vor Öffent­lich­keit ist tief ver­wur­zelt im Schul­sys­tem und sie ist daher geeig­net, Ver­än­de­run­gen zu beschleunigen.

Schwachstelle 3: Rang sticht inhaltliche Kompetenz

Der/Die A15er:in ent­wirft Kon­zep­te, der/die A14er:in setzt die­se dann in der Schul­ge­mein­schaft um!“ (Bit­te nicht über die Besol­dungs­stu­fen wun­dern, ich kom­me aus einem gym­na­sia­len Sys­tem). Anders geht es anschei­nend nicht. Die­ses Den­ken ist tief ver­wur­zelt in man­chen Schul­struk­tu­ren. Als ich damals ange­fan­gen habe, kon­se­quent nach die­sem Anspruch zu arbei­ten, hat­te ich auf ein­mal viel weni­ger zu tun (und weni­ger Moti­va­ti­on, viel weni­ger Spaß sowie erst­mal schlaf­lo­se Gewis­sens­näch­te). Ich war ja nur der­je­ni­ge, der umsetzt. Die gan­zen Trans­ak­ti­ons­kos­ten für unaus­ge­go­re­ne Pro­jek­te konn­te ich dann nach oben wie­der abge­ben. Um die­sen Mecha­nis­mus aus­zu­he­beln, muss man nur auf­hö­ren, unaus­ge­go­re­ne Über­le­gun­gen aus Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein „zu ret­ten“ und „nach­zu­steu­ern“. Man könn­te die Ver­ant­wor­tung ein­fach nur dahin umlei­ten, wo sie hin­ge­hört, anstatt sich selbst ver­ant­wort­lich zu füh­len und inhalt­lich etwas bewe­gen zu wol­len. Wenn das alle machen wür­den, wäre Schu­le viel, viel ärmer, aber die Struk­tur bekä­me mehr und mehr Ris­se. Gera­de das The­ma Digi­ta­li­sie­rung legt feh­len­de Kom­pe­ten­zen recht scho­nungs­los offen. War­um nicht die insti­tu­tio­nell „Höher­ste­hen­den“ ein­fach in die Ver­ant­wor­tung neh­men, statt immer­zu zu ret­ten, was zu ret­ten ist?

Und damit ist nichts einfach …

Das Spiel heißt im Grun­de immer wie­der „Anpas­sung und Wider­stand“. Und es heißt auch Ver­ant­wor­tung und ste­ti­ges Abwä­gen, wenn „dienst­li­chen Inter­es­sen“ sinn­haf­tem Ver­hal­ten manch­mal ent­ge­gen­ste­hen. „Das Sys­tem“ ist im Grun­de nicht so stark, wie es manch­mal scheint. Von innen her­aus ist man als Kri­ti­ker immer sehr stark auf die Soli­da­ri­tät von ande­ren ange­wie­sen, sonst kann es schnell zu insti­tu­tio­nel­len Macht­aus­brü­chen und Kurz­schlüs­sen kom­men, bei denen man das Ein­zel­ner kaum bestehen kann – außer wenn „öffent­li­che Schein­wer­fer“ das ermög­li­chen – aber auch die­ser labi­le „Schutz“ ist extrem flüchtig.

Der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr umkehren kann

Die Schu­len sind sicher. Das beschlos­se­ne Maß­nah­men­pa­ket muss in sei­ner Wir­kung erst ein­mal beob­ach­tet wer­den. Das Coro­na­vi­rus ist letzt­lich nur eine Grippe.

Das sind so eini­ge Annah­men, die von unter­schied­li­chen Men­schen momen­tan gelebt wer­den. Falls sich die­se Annah­men als falsch oder gra­du­ell falsch her­aus­stel­len, könn­ten die Kon­se­quen­zen sowohl für das Indi­vi­du­um, die so etwas behaup­tet als auch für uns als demo­kra­ti­sche Gesell­schaft erheb­lich sein. Daher müs­sen sol­che Annah­men irgend­wann stim­men. Man kommt hin­ter sie nicht mehr zurück, ohne als kom­plet­ter Voll­idi­ot dazu­ste­hen, der das Offen­sicht­li­che nicht sehen woll­te. Wenn man sei­ne Ansicht ändert, anders han­delt, ist man den­noch in der Wahr­neh­mung oft der Voll­idi­ot, der vor­her z.B. gelo­gen hat. Egal, wie ich mich ver­hal­te, ich kom­me da nicht heil her­aus. Ich kann also zwi­schen dem Tun­nel wäh­len, der mich als Indi­vi­du­um vor mir selbst nach eine Wei­le sym­bo­lisch intakt lässt oder der Selbst­auf­ga­be und der Kon­fron­ta­ti­on mit mei­nem eige­nen Ver­hal­ten. Auf der Ebe­ne des Indi­vi­du­ums ist das maxi­mal tragisch.

Es ist leich­ter, Koali­ti­ons­ver­trä­ge aus­zu­han­deln, als sich dem Drau­ßen zu stel­len. Die­se Struk­tur ist bekannt, in „nor­ma­len“ Zei­ten legi­ti­miert, ein ein­ge­spiel­tes Mus­ter. Sich dem Drau­ßen zu stel­len, bedeu­tet letzt­lich, mit Struk­tu­ren und Mus­tern kom­plett zu bre­chen, die als poli­ti­scher Plot seit Jahr­zehn­ten ablaufen.

Ana­lo­ges mag für die Denk­struk­tu­ren der Impf­ver­wei­ge­rer gel­ten. Wenn es wirk­lich so ist, dass sie die Ver­ant­wor­tung für erneu­te Ein­schrän­kun­gen des Frei­heits­rech­te, ein Zusam­men­bre­chen der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung und erheb­li­che sozia­le Ver­wer­fun­gen auf ihr Kon­to gehen, dann haben die­se Men­schen ein Pro­blem vor sich selbst.

Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men bedeu­tet momen­tan, dass Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den müs­sen. Die­se kön­nen sich als falsch her­aus­stel­len. Gerich­te kön­nen die­se Maß­nah­men und Ent­schei­dun­gen im Nach­hin­ein kas­sie­ren. Das ist dann so. Es gibt aber auch ein nicht uner­heb­li­ches Risi­ko, dass gera­de das Nicht­han­deln oder das Behar­ren auf Posi­tio­nen und Struk­tu­ren erheb­li­che Kon­se­quen­zen nach sich zieht.

Ziem­li­che Sicher­heit dürf­te dar­in bestehen, dass Imp­fun­gen nichts an der bestehen­den Situa­ti­on ändern wer­den. Die Men­schen sind infi­ziert. Sie wer­den zu unter­schied­li­chen Antei­len bei Geimpf­ten und Unge­impf­ten im Kran­ken­haus enden. Mit hoher Wahr­schein­lich­keit wer­den wir Men­schen ver­lie­ren, die wir ken­nen. Und wir haben bereits Pfle­ge­per­so­nal ver­lo­ren und wer­den das auch weiterhin.

Das sind jedoch alles offen­bar kei­ne Argu­men­te, um kon­kret zu han­deln. Die Struk­tur des Zögerns und hin­ter der Situa­ti­on Hin­ter­her­lau­fens bleibt nach wie vor sta­bil. Die Struk­tu­ren sind immun gegen Fak­ten. Auch gegen sol­che, die mit dem Fort­schrei­ten der Pan­de­mie nicht mehr durch ihre his­to­ri­sche Bei­spiel­lo­sig­keit ent­schul­digt wer­den können.

Die Stra­te­gie des Erklä­rens ver­fängt nicht. Die Stra­te­gie des Mütend-Seins ver­fängt nicht. Erst kon­kre­te For­de­run­gen der Exper­ten nach „Lock­downs“ oder „Pro­tes­te der Ver­nünf­ti­gen“ bie­ten ggf. den poli­ti­schen Ent­schei­dern die Art „Legi­ti­ma­ti­on“, die zum rea­len Han­deln erfor­der­lich ist. Wenn schon die ande­ren nicht mehr umkeh­ren kön­nen – wir kön­nen es in Bezug auf die Mit­tel, die wir bis­her ange­wen­det haben, um uns Gehör und „denen“ Legi­ti­ma­ti­on zu verschaffen.

Die Alter­na­ti­ve ist, dass es ganz schlimm wird – wenn das noch geht.

Dieses Blog war noch nie besonders politisch … (Laschet)

… aber das, was gera­de im Kon­text der unbe­schreib­li­chen Flut­ka­ta­stro­phe an Ver­hal­ten von einem Bun­des­kanz­ler­kan­di­da­ten zu sehen war, hat für mich dann doch grund­sätz­li­che Bedeutung.

Bun­des­prä­si­dent Stein­mey­er hält eine Rede im Kri­sen­ge­biet – auch dar­über kann man eigent­lich schon­mal reden. Anna­le­na Baer­bock wur­de vor­ge­wor­fen, nicht ins Kri­sen­ge­biet gefah­ren zu sein. Mei­ne Bekann­ten zum THW-Zug aus Clop­pen­burg haben zu bei­den Ansät­zen so ihre Mei­nung, spre­chen z.B. von „Zusatz­be­las­tung“ von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen im Kon­text von Pres­se­ter­mi­nen vor Ort.

Im Hin­ter­grund ist Armin Laschet zu sehen, wie er – von wahr­schein­lich Par­tei­kol­le­gen – ange­spro­chen wird und mit ihnen herz­haft lacht. Im Vor­der­grund wird von Herrn Stein­mey­er gleich­zei­tig betrof­fen gesprochen.

Deutsch­land erlebt eine Kri­se von inter­na­tio­na­lem Aus­maß – wenn­gleich rela­tiv klein im Ver­gleich zu ande­ren Kata­stro­phen in der Welt. Laschet wird ggf. Kanz­ler wer­den. Stel­len wir uns ein­mal vor, er besucht ein Kri­sen­ge­biet in einem ande­ren Land und ver­hält sich in die­ser Art und Wei­se. Sei­ne Reak­ti­on auf Kri­tik an sei­nem Ver­hal­ten auf Twit­ter sah so aus:

Er bedau­ert den Ein­druck, der ent­stan­den ist. Bis zu die­sem Punkt hät­te ich es irgend­wie erklä­ren kön­nen, war­um man als Über­sprungs­hand­lung in einer sol­chen Situa­ti­on lacht – mei­nen Kin­dern hät­te ich das nicht durch­ge­hen las­sen. Pas­sen­der­wei­se hat Twit­ter gleich eine ana­lo­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie her­aus­ge­sucht.Bei­de ent­schul­di­gen sich nicht für ihr Ver­hal­ten, son­dern für den Ein­druck, die ihr Ver­hal­ten in der Öffent­lich­keit womög­lich hin­ter­las­sen hat. Es geht über­haupt nicht um die Betrof­fe­nen oder die Situa­ti­on: Es geht allein dar­um, mög­li­chen Scha­den von der eige­nen Per­son oder Insti­tu­ti­on abzu­wen­den. Das ist natür­lich poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, die von Berater:innen erson­nen wur­de, die nicht im Dienst der Öffent­lich­keit ste­hen. Zudem flammt jetzt noch in der Pres­se auf: „Stein­mey­er hat ja auch gelacht!“ – wenn dem so ist, ist das natür­lich auch nicht Ord­nung, aber zur Ver­tei­di­gung Lasche­ts jetzt nicht so optimal.

Was hätte ich gerne von Herrn Laschet in dieser Situation gesehen?

Herr Laschet wird humor­voll von Parteikolleg:innen ange­spro­chen. Ich hät­te jetzt ger­ne einen schar­fen Blick und beschwich­ti­gen­de Hän­de mit ein­deu­ti­ger Ges­te gese­hen. So gehört sich das für einen Men­schen, der einen Lei­tungs­an­spruch in Deutsch­land erhebt. Das ist mein Maß­stab. Viel­leicht ist der über­höht. Viel­leicht unter­schät­ze ich den Druck, unter dem Herr Laschet per­sön­lich steht.

Er hat es maxi­mal ver­fehlt. Mir ist nicht so klar, ob ihm sel­ber die­ses Licht auf­ge­gan­gen ist, oder ob er mit sei­nem State­ment ledig­lich auf die öffent­li­che Kri­tik reagiert.

Was er aus mei­ner Sicht hät­te sagen müs­sen, ist sowas hier:

Mein Ver­hal­ten war ange­sichts der Situa­ti­on pie­tät­los gegen­über den Opfern, Hel­fern und Betrof­fe­nen in die­ser bei­spiel­lo­sen Flut­ka­ta­stro­phe. Im Wahl­kampf ste­he ich unter enor­men Druck, was zu mei­nem Feh­ler mit bei­getra­gen hat. Ich bit­te alle Betrof­fe­nen um Ver­zei­hung. Ich stel­le mich nun der aus mei­nen Fehl­ver­hal­ten resul­tie­ren­den öffent­li­chen Debat­te und über­neh­me dafür die Verantwortung.

Wenn ich Herrn Laschet maxi­mal nega­tiv den­ke, wer­den wir unter sei­ner mög­li­chen Kanz­ler­schaft als ers­te Maß­nah­me eine Regu­lie­rung der sozia­len Medi­en sehen – damit sol­che „Ein­drü­cke“ künf­tig schon im Keim erstickt wer­den kön­nen. Rezo, wo bist du? Mehr Vor­la­gen braucht es nicht für ein neu­es Video.

Kompetenzsimulationen und Prüfungsformate

Axel Krom­mer hat mit der Über­tra­gung des Gedan­ken­ex­pe­ri­ments des „Chi­ne­si­schen Zim­mers“ (Sear­le) eine bemer­kens­wer­te Ana­lo­gie zum dem for­mu­liert, was nach sei­ner Wahr­neh­mung oft in deut­schen Klas­sen­zim­mern pas­siert. In dem fol­gen­den Vor­trag wer­den die Kern­ge­dan­ken poin­tiert sichtbar.

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=JONXT6H4PrQ

In der Kür­ze des Vor­trags sind – wie er selbst ein­räumt – eher pla­ka­ti­ve und ver­kürz­te Aus­sa­gen not­wen­dig. Ich ver­su­che unter die­ser Prä­mis­se die Kern­ge­dan­ken des Vor­trags ein­mal recht kom­pri­miert wiederzugeben.

  1. In Schu­le wer­den statt des ech­ten Ver­ständ­nis­ses von Inhal­ten gele­gent­lich nur Lösungs­re­zep­te zum Nach­weis einer Kom­pe­tenz benö­tigt. Eine gute Note kann ent­we­der durch Aus­wen­dig­ler­nen oder das Schau­en von z.B. You­tube­vi­de­os erreicht wer­den, ohne dass ein ech­ter Kom­pe­tenz­er­werb erfolgt.
  2. Das Vor­han­den­sein zahl­rei­cher „Rezep­tevi­de­os“ und der Erfolg des damit ver­bun­de­nen Geschäfts­mo­dells ist ein Hin­weis dar­auf, dass es in Schu­le oft genau so funktioniert.
  3. Star­tups und Eduin­flu­en­cer zei­gen durch ihre Spra­che – z.B. „Schu­le hacken“ – ein pro­ble­ma­ti­sches Ver­hält­nis gegen­über Schule.
  4. Im Kon­text des För­der­pro­gram­mes „Schlie­ßung von Bil­dungs­lü­cken“ besteht die rea­le Gefahr, dass Star­tups und Influ­en­cer geför­dert wer­den, die die­sen pro­ble­ma­ti­schen Ansatz verfolgen.
  5. Die­se Star­tups neh­men für sich in Anspruch, das Schul­sys­tem ret­ten zu wol­len, zemen­tie­ren letzt­lich jedoch durch „Kom­pe­tenz­si­mu­la­ti­ons­an­ge­bo­te“ den Sta­tus Quo.
  6. Ech­te Ver­än­de­run­gen müs­sen anders ein­ge­lei­tet wer­den, etwa durch ver­än­der­te Prüfungsformate.

In sich ist die­se Argu­men­ta­ti­on für mich voll­kom­men schlüs­sig. Ich bin nicht voll­stän­dig davon über­zeugt, dass ver­än­der­te Prü­fungs­for­ma­te ein geeig­ne­ter Hebel­punkt sein kön­nen, weil die­se für mich nicht vor­aus­set­zungs­los sind. Gedan­ken zur Ver­än­de­rung von Schu­le gibt es schon, sehr sehr lan­ge. Es hat auch vie­le Ansät­ze gege­ben, am Sys­tem etwas zu ändern. Als der größ­te Wurf und größ­te didak­ti­sche Hoff­nung mag dabei viel­leicht die Ein­füh­rung der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung in Kern­cur­ri­cu­la gelten.

Ist es nicht erstaun­lich, dass heu­te – mehr als zwei Jahr­zehn­te spä­ter – immer noch Begrif­fe wie „Kom­pe­tenz­si­mu­la­ti­on“ eine schlüs­si­ge Argu­men­ta­ti­on bedin­gen? Ist es nicht erstaun­lich, dass Unter­richt sich offen­bar nach Aus­sa­ge die­ses Vide­os so wenig ver­än­dert hat? Hät­te es das Inter­net bereits 1980 gege­ben – wäre der Erfolg von Influ­en­cern ein ande­rer? Leh­rer­ge­nera­tio­nen wur­den aus­ge­tauscht, aber das Kom­pe­tenz­mo­dell wird immer noch oft genug belä­chelt? War­um eigent­lich? War­um soll­te es bei Prü­fungs­for­ma­ten anders sein? Läuft doch gut mit dem zar­ten Pflänz­chen der „Prä­sen­ta­ti­ons­prü­fung“, oder?

Bei der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ist man so vor­ge­gan­gen, dass man Vor­ga­ben gemacht hat. Im Wesent­li­chen war es das aber schon. Die Öff­nung für wei­te­re Prü­fungs­for­ma­te sind für mich im Kern auch erst ein­mal Vor­ga­ben bzw. wer­den die­se sich in die­ser Form im bestehen­den Sys­tem eta­blie­ren – wenn sie sich dann eta­blie­ren. So wie die Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung sich ja eta­bliert hat.

Mei­ner Ansicht nach, ver­liert man oft aus dem Blick, dass Lehrer:innenausbildungsphasen den Grund­stein für eine Hal­tung legen muss, die Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung und mei­net­we­gen „zeit­ge­mä­ße Prü­fungs­for­ma­te“ ermög­licht. Und: Der „Dome­sti­fi­ka­ti­ons­ef­fekt“ des bestehen­den Sys­tem bedarf einer wie auch immer gear­te­ten Kompensation:

Was nützt die super­du­per uni­ver­si­tä­re Aus­bil­dung, wenn man danach am phi­lo­lo­gi­schen Ereig­nis­ho­ri­zont eines Klaf­ki-Aus­bil­dungs­se­mi­nars zer­schellt? (Sowas gibt es natür­lich nicht – ist eine rhe­to­ri­sche Überspitzung).

Mei­ne Wahr­neh­mung ist, dass man sich im uni­ver­si­tä­ren Bereich ger­ne auf das eige­ne Fach­ge­biet zurück­zieht. Ich glau­be, dass da in den letz­ten Jah­ren Gro­ßes gedacht und geleis­tet wor­den ist. Der Anspruch an Schu­le ist dann aber gele­gent­lich ver­netz­tes, sys­te­mi­sches Denken.

Ich kann die Kon­zen­tra­ti­on auf Prü­fungs­for­ma­te ver­ste­hen. Es ist greif­bar, es ist kon­kret, man kann auf bestehen­de For­schung zurück­grei­fen. Ich bin mir nicht so sicher, ob da mehr dabei her­aus­kommt, wie bei der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Axels Argu­men­ta­ti­ons­gang lässt sich ja durch­aus so lesen, dass das in der Hin­sicht kom­plett opti­mier­bar ist.

Stei­le The­se also:

Unter dem Strich ist die (allei­ni­ge) Beschäf­ti­gung mit Prü­fungs­for­ma­ten eine Schul­ver­än­de­rungsil­lu­si­ons­si­mu­la­ti­on, wenn sie auf der inhalt­li­chen Ebe­ne verharrt.

Und ich fin­de als „Techi“ den Begriff „hacken“ gar nicht so feind­se­lig. Letzt­lich wen­det man beim Hacken ledig­lich ein Sys­tem gegen sich selbst – was (in der Soft­ware­ent­wick­lung) oft zu sub­stan­ti­el­len Ver­bes­se­run­gen führt und damit in die­ser Ana­lo­gie durch­aus ein Bau­stein für prag­ma­ti­sche Schul­ent­wick­lung sein kann. Das ist in Bezug auf die Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie einer Star­tup­sze­ne viel­leicht gera­de doof, zumal den „Guten“ genau dafür oft die Mit­tel feh­len. Ande­re Schul­kul­tur, ande­re Startups.

So ist das halt. Viel­leicht reicht Trom­meln in den Echo­kam­mern wis­sen­schaft­li­cher Publi­ka­ti­ons­kul­tur halt nicht – Axel darf sich in dem Punkt aus­drück­lich nicht ange­spro­chen fühlen.

 

Herzensprojekt: medienbildungskonzept.de ist online …

Ich habe ein Teil des­sen, was ich über die Bera­tun­gen zum Digi­tal­pakt über die letz­ten 6–7 Jah­re gelernt habe, in einem Wiki zusam­men­ge­schrie­ben. Mei­ne ordi­nä­re Leis­tung dabei ist das reflek­tier­te Schrei­ben: Die Erfah­run­gen stam­men nicht allein von mir und selbst gehan­delt habe ich dabei auch oft nicht, son­dern sehr oft nur dane­ben gestan­den und beobachtet.

Die Inhal­te hat­te ich auch Ver­la­gen ange­bo­ten, aber durch­weg wur­de „kein Markt“ und „kei­ne Ziel­grup­pe“ dafür gese­hen. Das stimmt ja auch: Außer Medienberater:innen kön­nen – objek­tiv betrach­tet – im Prin­zip wohl nur sehr weni­ge Men­schen etwas damit anfan­gen – kei­ne sehr gro­ße Ziel­grup­pe also.

Wenn, dann müs­se ich die­ses oder jenes strei­chen oder das und das eher für eine spe­zi­fi­sche Ziel­grup­pe zuschnei­den. Das woll­te ich nicht. Das wür­de den Ein­druck erwe­cken, als kön­ne man die Trans­for­ma­ti­on von Schu­le für die Digi­ta­li­tät ein­fach in Arbeits­pa­ke­te zer­le­gen und dann wird schon alles gut, wenn jeder sei­nen Kram macht: Die Didak­ti­ker schrei­ben schlaue Tex­te in Fach­ver­la­gen, die Lehr­kräf­te neh­men das end­lich mal wahr und set­zen das end­lich mal um, die Trä­ger schaf­fen end­lich mal Hard­ware über den Digi­tal­pakt an und war­ten die­se end­lich mal, die Schu­len erfin­den end­lich mal ihren Unter­richt neu, die Ver­la­ge lie­fern end­lich mal das Mate­ri­al und die Poli­tik schafft end­lich mal irgend­wel­che Rahmenbedingungen.

Mei­ne Erfah­rung der letz­ten Jah­re ist, dass das so nicht klappt, weil da The­ma ins­ge­samt viel kom­ple­xer ist und die ein­zel­nen Akteu­re viel­fäl­tig von­ein­an­der abhän­gen, so dass Kom­mu­ni­ka­ti­on und ver­netz­tes Arbei­ten die eigent­li­chen Schlüs­sel sind. Auch die Fähig­keit, die Per­spek­ti­ve des Gegen­übers ein­zu­neh­men, ist dafür unab­ding­bar. Das Gan­ze lässt sich mit Tot­holz schlicht nicht abbil­den, mit Hyper­tex­ten schon eher – und es ist noch immer alles irgend­wie chao­tisch. Da bin ich ein alter Stie­sel und unbe­lehr­bar. Außer­dem ver­liert man bei einer Ver­öf­fent­li­chung über Ver­la­ge so ziem­lich alle Ver­wer­tungs­rech­te für ein paar läp­pi­sche Tan­tie­men und sehr viel Arbeit.

Es sind im Netz auch digi­ta­le Vor­den­ker unter­wegs, die das Ende der Guten­berg-Ära beschwö­ren und Schu­le im Wür­ge­griff einer über­hol­ten Buch­kul­tur sehen. Die­se Vor­den­ker schrei­ben nun Bücher und publi­zie­ren ihre Ideen auf Papier oder PDF (also struk­tu­rel­lem Papier) – eine Form die für mich im kras­sen Wider­spruch zu allem steht, was sie sonst als Kul­tur der Digi­ta­li­tät for­mu­lie­ren. Natür­lich kann und muss man her­vor­he­ben, dass auf die­se Wei­se Men­schen ohne aus­ge­präg­te Netz­af­fi­ni­tät erreicht werden.

Manch­mal muss ich mir auch anhö­ren, dass vor allem Wis­sen­schaft halt so funk­tio­niert und allein die Kri­tik an die­ser offen­bar gott­ge­ge­be­nen Publi­ka­ti­ons- und Repu­ta­ti­ons­struk­tur schon laten­te Wis­sen­schafts­feind­lich­keit impli­ziert. Gleich­zei­tig muss sich das Schul­sys­tem aus die­sen Rei­hen auch so eini­ges anhö­ren – was aber kei­nes­falls abwer­tend oder gar „feind­lich“ sein soll – son­dern eben struk­tu­rel­le, kon­struk­ti­ve Kritik.

Mir scheint es aber zumin­dest gele­gent­lich auch dar­um zu gehen, die Repu­ta­ti­ons­me­cha­nis­men einer Kul­tur zu nut­zen, die man in ande­ren Kon­tex­ten als über­holt bezeich­net. Die­sen Wider­spruch bekom­me ich für mich nicht auf­ge­löst und habe mich daher schluss­end­lich zumin­dest für eine Form ent­schie­den, die die Orga­ni­sa­ti­on der Inhal­te als ler­nen­den Text ermög­licht – zunächst aller­dings nur für mich selbst, aber wer weiß: Viel­leicht arbei­ten ja irgend­wann auch ande­re an den Tex­ten mit. Tech­nisch und lizenz­recht­lich mög­lich ist das ja ohne weiteres.

Viel­leicht ist das alles aber auch so in die­ser Form total sinnlos.

Aber auch dann hat es mir gehol­fen, sehr vie­les für mich klar zu bekom­men. Was ich ein­mal geschrie­ben und selbst for­mu­liert habe, wird mir zu eigen. Das ist im Prin­zip das Glei­che mit die­sem Blog hier. Mal schau­en, ob und was draus wird.

 

 

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