Die Hybris der Nerds

(Die Über­schrift ist gemei­ner­wei­se völ­lig sinn­ent­stel­lend aus einem aktu­el­len Zusam­men­hang geris­sen, aber die For­mu­lie­rung trifft es für mich so gut …)

Im Jah­re 2014 geneh­mig­te die EU-Kom­mis­si­on den Zusam­men­schluss von Whats­App und Face­book. 2017 stell­te sich her­aus, dass Face­book in wich­ti­gen, geneh­mi­gungs­re­le­van­ten Bereich Anga­ben mit einem eige­nen Ver­ständ­nis von Wirk­lich­keit gemacht hat­te. Kon­kret ging es um die Fra­ge, ob es mög­lich sein wür­de, die Daten­be­stän­de bei­der Unter­neh­men zusam­men­zu­füh­ren, um z.B. mehr Infor­ma­tio­nen für per­so­na­li­sier­te Dienst­leis­tun­gen zu gewin­nen. Face­book stritt die­se Mög­lich­keit 2014 ab und muss­te 2017 eine Stra­fe im unte­ren drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich zah­len.

Was muss man mei­ner Mei­nung nach „Nerdi­ges“ wis­sen, damit man hät­te abschät­zen kön­nen, wie viel Wahr­heits­ge­halt die Behaup­tung von Face­book hat­te, dass die Daten­be­stän­de bei­der Unter­neh­men nicht zusam­men­führ­bar sei­en?

Man muss wis­sen, dass Daten­ban­ken prin­zi­pi­ell irgend­wie ana­log zu Tabel­len orga­ni­siert sind. Face­book hat­te eine Tabel­le mit u.a. Nut­zer­na­men und E‑Mailadresse, Whats­App eine mit Han­dy­num­mer und Nut­zer­na­men, z.B. sowas:

Face­book:

Nut­zer­na­me E‑Mailadresse
finchen74 harari@gmail.com
lisa56 l.fellner@freenet.de
peter.mueler89 peter.mueller@yahoo.com
[…] […]

Whats­App:

Nut­zer­na­me Han­dy­num­mer
finchen74 0856–90785656
lisa56 0789–45772598
peter.mueler89 0321–56432776
[…] […]

Wenn man bei­de Tabel­len hat – wie wahr­schein­lich ist es dann, dass man Daten zusam­men­füh­ren könn­te? Wie wür­de man das auf Papier lösen? Was hät­te ein Com­pu­ter für Vor­tei­le bei die­ser Arbeit?

Ich bemü­he die­ses Bei­spiel oft in Vor­trä­gen, weil man die Sache mit den Tabel­len schon in der Grund­schu­le machen kann. Das ist im Rah­men eines Grund­schul­pro­jek­tes sogar beforscht wor­den – den Abschluss­be­richt erwar­te ich gera­de sehn­süch­tig.

Ein häu­fi­ges Argu­ment der Anhän­ger des „digi­ta­len Prag­ma­tis­mus“ („Ein­fach mal nut­zen!“) besteht dar­in, dass bestimm­te Rege­lun­gen sich nicht auf Schul­ebe­ne lösen las­sen, son­dern dass dafür poli­ti­sche Lösun­gen her müs­sen. Das ist auch mei­ne Mei­nung. Ich tei­le bloß nicht den Opti­mis­mus, dass dabei in der Haupt­sa­che sinn­vol­le Lösun­gen unter Wah­rung der Nut­zer­rech­te her­aus­kom­men wer­den oder eman­zi­pa­to­ri­sche Bewe­gun­gen auf der Ebe­ne der Nut­zung von z.B. Office365 ent­ste­hen. Wenn ich mir z.B. die jour­na­lis­ti­sche Bericht­erstat­tung zum The­ma Digi­tal­pakt anschaue, wird für mich die Hoff­nung nicht rea­ler, dass hier eine sach­lich fun­dier­te, kon­trol­lie­rend-kri­ti­sche Posi­ti­on ent­ste­hen wird.

Es sind für mich „Nerds“ wie ein David Krie­sel, die die­se Pro­ble­me ange­hen kön­nen. Tat­säch­lich wer­den heu­te schon Daten- und sons­ti­ge IT-Skan­da­le nur durch die Vor­ar­beit von „Nerds“ über­haupt erst mög­lich. Poli­tik ist es nicht, Pres­se ist es in der Haupt­sa­che in die­sem The­men­ge­biet nicht (Sagt David auch ab 46:20 im Pre­digt­teil des Vor­trags). Pres­se kann m.E. sehr viel aus die­sem Vor­trag dar­über ler­nen, wie Bericht­erstat­tung in sei­nen Grund­struk­tu­ren funk­tio­nie­ren könn­te – sich aber wahr­schein­lich so nicht ver­kau­fen lässt.

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https://www.youtube.com/watch?v=0rb9CfOvojk

Mehr von die­ser nerdi­gen Hybris!

Und Nie­der­sach­sen qua­li­fi­ziert gera­de im Bereich infor­ma­ti­schen Bil­dung Lehr­kräf­te extrinsisch moti­viert (Vor­ga­be aus dem Digi­tal­pakt!) – ein Anfang, kei­ne Lösung.

Ein Vor­teil der Nerds: Sie haben eine viel grö­ße­re Chan­ce, die Sei­ten zu wech­seln.

 

Luxusprobleme

Ich habe das viel­leicht auf Dau­er zwei­fel­haf­te Glück, schon seit ein­ein­halb Jah­ren kei­nen eige­nen Unter­richt mehr geben zu müs­sen – aber jeder­zeit zu kön­nen (ich war immer­hin schon ein­mal an einer Grund­schu­le und einer berufs­bil­den­den Schu­le). Ich arbei­te an einem fan­tas­tisch auf­ge­stell­ten Medi­en­zen­trum. Mein Land­kreis schafft gera­de nahe­zu para­die­sisch anmu­ten­de Aus­stat­tungs­sze­na­ri­en:

  • jede Schu­le hat die Mög­lich­keit, über Glas­fa­ser mit einer Inter­net­an­bin­dung ver­sorgt zu wer­den – bei man­chen wird es aber schlicht an den Betriebs­kos­ten schei­tern – die müs­sen dann hier meist mit einem „lum­pi­gen DOCSIS3.1‑Vodafone-Anschluss“ vor­lieb neh­men – immer­hin auch 500–1000Mbit/s zumin­dest im Down­stream. Vor­erst ist es noch oft der alte T@School-Anschluss – zumin­dest bei klei­nen Trä­gern.
  • ich bin sehr guter Hoff­nung, dass durch den Digi­tal­pakt hier mas­siv in die digi­ta­le Infra­struk­tur von Schu­len inves­tiert wird. Allem Anschein nach wer­den alle Trä­ger die För­der­mit­tel maxi­mal aus­schöp­fen. Gera­de eben tru­deln hier die ers­ten Bewil­li­gungs­be­schei­de aus den Kom­mu­nen ein, die auch wir dazu bera­ten haben.
  • ich bin fest in der Bera­tung der meis­ten Trä­ger ein­ge­bun­den. Der Digi­tal­pakt ist ein Tür­öff­ner in Gemein­den und Schu­len, die für mich bis­her uner­reich­bar waren.
  • ich kann in Bera­tun­gen ver­schie­de­ne Schu­len – meist in einer Trä­ger­schaft – bün­deln und ganz neben­bei durch Auf­ga­ben­tei­lung die Vor­tei­le des ver­netz­ten Arbei­tens (nicht pri­mär mit Gerä­ten, son­dern mehr im Den­ken) zei­gen oder zumin­dest ein zar­tes Saat­korn set­zen.
  • die Aus­stat­tun­gen in den ver­schie­de­nen Trä­ger­schaf­ten sind durch­aus unter­schied­lich – man­che sind viel wei­ter als ande­re. Aber allen ist sehr klar, dass Kom­pe­ten­zen in einer digi­ta­li­sier­ten Welt ande­re als vor­her sind und ihr Vor­han­den­sein ein immenser Stand­ort­fak­tor ist: Nach lan­gem War­ten auch in der Grund­schu­le.
  • ich kann ganz unter­schied­li­che Fort­bil­dungs­for­ma­te erpro­ben. Man­ches ist der schlich­ten Prag­ma­tik geschul­det (Maik am iPad?), in man­chem steckt viel Herz­blut – z.B. durch den anste­hen­den vor­sich­ti­gen Auf­bau der ers­ten Blen­ded-For­ma­te (Soft­ware­ba­sis: Doku­Wi­ki + Big­Blue­But­ton). Was ich in die­sem Bereich gemein­sam mit mei­nem Team mache, ist offen zugäng­lich. Die Nach­fra­ge ist hoch. Ich kann mit Kolleg*innen arbei­ten, die an ihren Schu­le heu­te Din­ge bewe­gen und das aus­schließ­lich.
  • auf Lan­des­ebe­ne kommt ganz viel zusam­men, was zusam­men gehört, z.B. Medi­en­be­ra­tung, Schul­ent­wick­lungs­be­ra­tung und Bera­tung für Unter­richts­qua­li­tät. Aus Namen wer­den Gesich­ter, in gemein­sa­men Tref­fen ent­steht Ver­trau­en über eins­ti­ge Sys­tem­gren­zen hin­weg, u.a. weil ful­mi­nan­te Ver­net­zer am Werk sind, z.B. die­ser hier.
  • ich habe Ein­bli­cke in nahe­zu jede in Nie­der­sach­sen denk­ba­re Schul­form
  • ich kann mich im Prin­zip zu belie­bi­gen The­men in kur­zer Zeit „auf­la­den“, weil ich Arbeits­zeit recht frei gestal­ten kann.

Es läuft natür­lich nicht alles glatt. Jeden Tag gibt es auch Ent­täu­schun­gen, Unsi­cher­hei­ten, Fra­gen und hin und wie­der sehr erns­te Kon­flik­te, die um Mona­te zurück­wer­fen. Ob z.B. in dem sehr inte­gra­lem Teil der Orga­ni­sa­ti­on von Schul­sup­port Sta­bi­li­tät ein­kehrt, ist für mich immer wie­der zwei­fel­haft. Aber es gibt einen unbe­ding­ten Wil­len auf Sei­ten der Trä­ger und auch ein wenig „Kamp­fes­lust“, über Spit­zen­ver­bän­de mit dem Land noch ein­mal ernst in Klau­sur über z.B. die künf­ti­ge Kos­ten­tei­lung zu gehen.

Ich bin auf sehr vie­len unter­schied­li­chen Ebe­nen unter­wegs. Mei­ne Posi­ti­on ist sehr ein­zig­ar­tig. Ohne Unter­richt fehlt aber auch etwas. Ande­rer­seits macht mich der zuneh­mend ver­lo­ren­ge­hen­de Kon­takt zum All­tags­ge­schäft auch pro­duk­tiv abhän­gig: Wenn ich etwas errei­chen will, muss ich viel zuhö­ren, mich auf Mei­nun­gen der­je­ni­gen stüt­zen, die nicht der­ma­ßen pri­vi­le­giert sind.

Ich glau­be, dass ich mitt­ler­wei­le gar nicht mehr ans Gym­na­si­um gehö­re. Her­aus­for­dern­de Viel­falt gäbe es an einer berufs­bil­den­den Schu­le – da sitzt schließ­lich die gesam­te Gesell­schaft. Oder auf eine Abord­nung zu einer päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le hin­ar­bei­ten? Viel­leicht in ein Aus­bil­dungs­se­mi­nar gehen? Wenn man einen Quer­schlä­ger wie mich da haben will und über­haupt aus­hal­ten kann – die Medi­en­be­ra­tung erträgt mich leid­lich :o)… (und solan­ge blei­be ich dort auch mit einem Groß­teil mei­ner Stun­den). Alles Mög­lich­kei­ten, die ande­re Men­schen viel­leicht gar nicht haben oder für sich nicht sehen.

Über Weih­nach­ten habe ich mir von unse­rer Medi­en­ethi­ke­rin (schaut unbe­dingt mal das Mate­ri­al ihres Arbeits­krei­ses dazu an, z.B. hier und hier) eine Ocu­lus Quest gelie­hen. Zwi­schen den Fei­er­ta­gen wird es hier viel Spaß mit VR geben. Man muss ja schließ­lich über künf­ti­ge poten­ti­el­le Bera­tungs­ge­gen­stän­de infor­miert sein… Man soll­te sich noch klar machen, dass die Sen­so­ren­pha­lanx die­ses Gerä­tes wirk­lich fast alles an Bewe­gungs- und sons­ti­gen Tele­me­trie­da­ten mit hoher Prä­zi­si­on nach Hau­se zu Tan­te Goog­le funkt.

Das nächs­te Medi­en­zen­trum-Bas­tel­pro­jekt steht auch an: Alle Inhal­te unse­res Infor­ma­tik­pro­jek­tes neu didak­ti­sie­ren und als fer­ti­gen Ver­leih­kof­fer anbie­ten: Aller­dings – Cal­lio­pe raus (super Gerät, aber nicht für Grund­schu­le) und Blue­Bots rein – dann fällt viel zeit­fres­sen­des Gebas­tel für den glei­chen Zweck weg.

 

 

 

Dagstuhl reloaded – das Frankfurt Dreieck

Das mitt­ler­wei­le weit bekann­te Dag­stuhl-Drei­eck wur­de oft für eine ein­sei­ti­ge tech­no­lo­gi­sche Fokus­sie­rung kri­ti­siert. In der Tat „krei­sen“ die Leit­fra­gen des Modells um eine Mit­te, deren Kern ein tech­ni­scher ist.

Die hier gewähl­te Dar­stel­lung aus dem Rou­ten­pla­ner #digi­tale­bil­dung zeigt die­ses Pro­blem noch­mals ver­schärft durch die Wahl der Pik­to­gram­me. Das Dag­stuhl-Drei­eck wird gele­gent­lich als „Brü­cke“ zwi­schen Medi­en­bil­dung und infor­ma­ti­scher Bil­dung „geframed“. Die­se Brü­cke wird not­wen­dig durch Über­spit­zun­gen bei­der „Lager“.

Ein häu­fig bemüh­ter Ste­reo­typ dafür ist der Auto­ver­gleich:

Man muss ein Auto nicht ver­ste­hen, um es benut­zen zu kön­nen, die Ein­füh­rung in die Benut­zung reicht“ – sagt der ste­reo­ty­pi­sche Medi­en­päd­ago­ge.

Wenn man Grund­zü­ge von auto­mo­bi­ler Tech­nik nicht ver­steht, kann man ein Auto nicht mün­dig benut­zen. Man begibt sich in eine gro­ße Abhän­gig­keit von tech­no­lo­gisch ver­sier­ten Men­schen und Fir­men“ – sagt der ste­reo­ty­pi­sche Infor­ma­ti­ker.

Das Frank­furt Drei­eck löst aus mei­ner Sicht die­ses Pro­blem – und macht ein neu­es auf.

Im Zen­trum steht hier nicht mehr Tech­no­lo­gie, son­dern etwas neu­tra­ler ein Betrach­tungs­ge­gen­stand, der nicht nativ infor­ma­ti­scher Natur sein muss. Die­ser befin­det sich in einem kul­tu­rel­len Kon­text, der auf unter­schied­li­chen Ebe­nen ana­ly­siert wer­den kann. Das Frank­furt Drei­eck hat für mich das Poten­ti­al, die „ste­reo­ty­pe Kluft“ zwi­schen Medi­en­päd­ago­gik und Infor­ma­tik zu schlie­ßen.

Aller­dings opfert man im Frank­furt Drei­eck die ein­leuch­ten­de, kla­re Struk­tur des Dag­stuhl Drei­ecks. Allein die ver­wen­de­ten Begriff­lich­kei­ten – so sehr sie auch von ihrer Prä­zi­si­on her einen Gewinn gegen­über dem Dag­stuhl-Drei­eck dar­stel­len – sind wesent­lich schwie­ri­ger mit „Leben“ und „Bei­spie­len“ zu fül­len. Die Anschluss­fä­hig­keit für Geis­tes­wis­sen­schaft­ler steigt. Der Natur­wis­sen­schaft­ler in mir sieht zu viel Deu­tungs­raum. Zum Glück bin ich bei­des :o)…

 

 

Liebenswerte Störenfriede

Es gibt Hal­tun­gen und Ansät­ze, die mir mei­ne Arbeit als medi­en­päd­ago­gi­scher Bera­ter extrem erschwe­ren.

Wir als Bera­tungs­sys­tem sind stän­dig lob­by­is­ti­scher Ein­fluss­nah­me aus­ge­setzt. Gähn. Ken­nen wir all­mäh­lich. Ich hal­te per­sön­lich z.B. wenig von Cal­lio­pe – da gibt es m.E. eta­blier­te­re Mikro­con­trol­ler (aller­dings ohne Lob­by dahin­ter)  und mehr von inte­grier­ten Ansät­zen. Mei­ne Kin­der bekom­men erst ein Smart­pho­ne ab 12 Jah­ren, ich bin gegen Coding in der Grund­schu­le und ich erzie­he mei­ne Kin­der so lan­ge wie mög­lich außer­halb digi­ta­ler Sphä­ren.

In den letz­ten Tagen ging die­ser Kom­men­tar durch Twit­ter. Die Autorin ver­tritt die Auf­fas­sung, dass Coding­kennt­nis­se im Zeit­al­ter der Arbeits­tei­lung nicht not­wen­dig sind und es wird ein­mal mehr das gute, alte Auto­ar­gu­ment ange­führt: „Man muss kei­nen Motor ver­ste­hen, um Auto zu fah­ren.“ (mit die­sem Argu­ment wären eine gan­ze Rei­he von jet­zi­gen schu­li­schen Inhal­ten übri­gens nicht not­wen­dig). Dann wird noch schnell der Digi­tal­pakt mit dem Coden der­art ver­knüpft, dass damit die Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen wer­den sol­len, das „lob­by­is­ti­sche Coding““ end­lich in die Schu­len zu brin­gen. Und Ste­ve Jobs sprach mit sei­nen Kin­dern über Lite­ra­tur (Sagt das irgend­was dar­über aus, wie in der Fami­lie Jobs mit infor­ma­ti­scher Bil­dung umge­gan­gen wor­den ist?). Und am Schluss wird dann gut­bür­ger­li­cher Stoff­ka­non (dort übri­gens kein Wort über Medi­en­kom­pe­tenz) vor das Coden gestellt, Joseph Krauss ist der Ret­ter des Schul­sys­tems, wenn er for­dert, Com­pu­ter aus Grund­schu­len zu ver­ban­nen  und fer­tig.

Kann man so machen – muss man aber nicht. Von einem „Qua­li­täts­me­di­um“ wie der F.A.Z. erwar­te ich irgend­wie mehr. Ich ver­ste­he außer­dem nicht, woge­gen die Autorin agi­tiert – selbst der Umgang mit dem momen­tan sehr hip­pen Cal­lio­pe hat zunächst nichts mit Coding zu tun – gar nichts, eher mit infor­ma­ti­schen bzw. logi­schen Grund­kon­zep­ten (Ja, man kann mit dem Ding theo­re­tisch logi­sches Den­ken ler­nen, aber eine quell­of­fe­ne Platt­form wie Scratch wür­de es zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch tun.).

Die in dem Kom­men­tar auf­tre­ten­den „Kau­sal­ket­ten“ höre ich dann wie­der und wie­der in Bera­tungs­pro­zes­sen zu Medi­en­bil­dungs­kon­zep­ten. Jahaaa – Lesen, Schrei­ben, Rech­nen, Lite­ra­tur und kri­tisch Den­ken – so unver­meid­li­ches Zeug wie Jugend­me­di­en­schutz sourcen wir dann aus an freie Medi­en­päd­ago­gen und ansons­ten bleibt Schu­le halt so, wie sie bleibt.

Wer für das Coden in der Schu­le ist, der ist dem Lob­by­is­mus ver­fal­len. So ein­fach funk­tio­niert zur Zeit die Den­ke in die Feuil­le­tons und Feuil­le­tons sind immer noch das, was der gebil­de­te Leh­rer von heu­te oft liest.

Für Inter­net­gi­gan­ten und auch tota­li­tä­re Sys­te­me könn­te es nicht bes­ser lau­fen: Je weni­ger das gemei­ne Volk von den Grund­la­gen infor­ma­ti­scher Sys­te­me ver­steht und das „Auto ein­fach nur mög­lichst lust­be­tont fährt“, des­to bes­ser und des­to leich­ter las­sen sich z.B. Algo­rith­men imple­men­tie­ren, die – wie Phil­ip­pe Wampf­ler unlängst schrieb – „Frei­heits­mo­men­te […] in der höchs­ten Qua­li­tät“ anbie­ten. Ich stim­me dem sogar zu, wenn ich von star­ken Demo­kra­tien aus­ge­he, deren poli­ti­sche Sys­te­me für einen Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Daten­samm­lern und Nut­zern sor­gen. Es läuft damit gera­de nicht so super in Chi­na oder der Tür­kei.

Dum­mer­wei­se sind star­ke Demo­kra­tien auf unse­rem Glo­bus nicht unbe­dingt die Regel. Und auch in einer star­ken Demo­kra­tie wäre es für die Beur­tei­lung von Algo­rith­men nicht ganz ver­kehrt, eini­ges dar­über zu wis­sen als sich mit Kom­pe­tenz­ge­sei­er alte Welt­bil­der zu bestä­ti­gen.

Es geht mir als Bera­ter gera­de nicht dar­um, Inter­net­gi­gan­ten kampf­los das Feld zu über­las­sen, son­dern ich den­ke, dass man Poli­tik – ganz gleich ob es z.B. Umwelt‑, Netz- oder Sozi­al­po­li­tik ist – auf Basis von rudi­men­tä­ren Wis­sens­be­stän­den nach­hal­ti­ger betrei­ben kann. Dazu sind Soft­ware und Gerä­te als Hilfs­mit­tel uner­läss­lich und die muss irgend­wer her­stel­len und ent­wi­ckeln. Das sind i.d.R. Fir­men und das ist genau so lan­ge kein Pro­blem, wie eben­die­se kei­nen inhalt­li­chen Ein­fluss auf Schu­le neh­men oder so lan­ge kein Pro­blem, wie die­ser Ein­fluss in Schu­le einen unab­hän­gi­gen Kon­ter­part hat. Es wäre schön, wenn das auf Dau­er nicht allein die Medi­en­be­ra­tung der Län­der wäre, son­dern infor­ma­ti­sche gebil­de­te Schü­le­rin­nen und Schü­ler sowie natür­lich auch Lehr­kräf­te.

Das hal­te ich aber noch für eine län­ge­ren Weg. Das ist ja genau das Pro­blem: Lob­by­is­mus trifft hier auf weit­ge­hend unbe­stell­te Fel­der, an denen der­ar­ti­ge Kom­men­ta­re nicht ganz unschul­dig sind.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich die­ses Pro­blem wirk­lich dadurch lösen lässt, Gerä­te aus den Schu­len her­aus­zu­hal­ten – geht auch gar nicht, weil die in Form von Han­dys und wahr­schein­lich bald auch in Form von Weara­bles schon da sind.

Die Ant­wort dar­auf kann nur Bil­dung sein und dazu gehört für mich im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung auch infor­ma­ti­sche Bil­dung. Mög­lichst früh. Geht auch ohne Gerät und unter­stützt dann sogar Lesen, Schrei­ben, Rech­nen und logi­sches Den­ken.

Es geht dabei – rich­tig ange­packt – also schon um ein wenig mehr als dar­um, der IT-Indus­trie will­fäh­ri­ge Pro­gram­mie­rer zuzu­füh­ren. Lei­der bewegt sich die Debat­te m.E. oft auf unter­kom­ple­xem Niveau.

 

 

 

Pflichtfach Informatik? Ein Streitgespräch.

Informatikunterricht? Muss das sein..!?

Immer wie­der tobt eine Debat­te über ver­pflich­ten­den Infor­ma­tik­un­ter­richt – Rea­li­tät ist er aber nur in drei Bun­des­län­dern. Ver­passt Deutsch­land beim Com­pu­ter­un­ter­richt eine gro­ße Chan­ce? Was ist eigent­lich zeit­ge­mä­ßer Infor­ma­tik­un­ter­richt und… braucht man Pro­gram­mie­ren wirk­lich? Maik Riecken und Jan-Mar­tin Klin­ge strei­ten.

Klin­ge: Maik, du schreibst auf dei­nem Blog, dass du die Fächer Deutsch und Che­mie an einem Gym­na­si­um in Nie­der­sa­chen unter­rich­test. Was hast du mit Infor­ma­tik zu tun?

Riecken: Nichts For­ma­les, d.h. ich habe weder eine Fakul­tas dafür oder noch irgend­ei­nen „offi­zi­el­len“ Kurs auf der Uni dazu besucht. Mit 14 Jah­ren habe ich mei­nen ers­ten Com­pu­ter bekom­men – einen Amiga500. Dar­auf habe ich eigent­lich fast nur gedad­delt, aber auch ers­te Geh­ver­su­che mit Ami­ga­Ba­sic gemacht. Das war schon was, weil man sogar eine GUI mit Maus hat­te und mit Ami­ga­Ba­sic pro­gram­mie­ren konn­te. Spä­ter habe ich dann sogar Din­ge in Assem­bler ver­sucht – ange­regt durch die damals schon sehr akti­ve „Demo­sze­ne“ und die Begrenzt­heit der Hard­ware – aller­dings habe ich es nie geschafft, mei­nem Kum­pel das ver­spro­che­ne Intro zu pro­gram­mie­ren – das ist heu­te noch so ein geflü­gel­ter Spruch zwi­schen uns: „Maik, wo bleibt mein Intro?“ In Kiel gab es spä­ter zu PC-Zei­ten dann eine Keim­zel­le der deut­schen Linux­sze­ne mit einem monat­li­chen Stamm­tisch – von da an ging es ab mit Ser­ver­diens­ten, Shell­script, MyS­QL usw.

Klin­ge: Assem­bler? Shell­script..?! Ich ver­ste­he nur die Hälf­te. Aber der spie­le­ri­sche Aspekt ist mir geläu­fig: Mit mei­nen Freun­den haben wir in den 90ern Com­pu­ter­spie­le mit­tels HEX-Edi­tor zer­legt und ver­än­dert. Wir sahen den Matrix-Code schon lan­ge vor dem Film – aber das war alles Frei­zeit und Spiel. Ist Infor­ma­tik an dei­ner Schu­le ein Pflicht­fach?

Riecken: Nein. Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen das Fach in der Klas­se 10 bele­gen, wenn sie in der 11. Klas­se eine Natur­wis­sen­schaft durch Infor­ma­tik erset­zen wol­len. Dann müs­sen sie dort min­des­tens ein hal­bes Jahr „durch­hal­ten“. In Nie­der­sach­sen kann jeder Leh­rer bis zur Jahr­gangs­stu­fe zehn qua Amt alles unter­rich­ten – ich z.B. Infor­ma­tik. Da schließt sich dann der Kreis.

Klin­ge: Nun, dann sehe ich mich in der Posi­ti­on vie­ler Eltern oder auch fach­frem­der Kol­le­gen: Wenn ich an mei­nen eige­nen Infor­ma­tik­un­ter­richt den­ke, erin­ne­re ich mich an dunk­le Com­pu­ter­räu­me und ers­te Pro­gram­mier­ver­su­che in qba­sic. Mal ehr­lich – nichts, was ich da gelernt habe, hat mir je gehol­fen. Das war Zeit tot­schla­gen. Für mich ist Infor­ma­tik­un­ter­richt über­flüs­sig.

Riecken: Bei mir war es tech­no­lo­gisch noch stein­zeit­li­cher. Ich habe auf einem Apple II gelernt – mit Bern­stein­mo­ni­tor. Ich mei­ne, das war Pas­cal oder auch ein Basi­cdia­lekt. Es war aber eine unglaub­li­che Fas­zi­na­ti­on zu spü­ren – und ein Pio­nier­geist. Text­ad­ven­tures selbst gestal­ten, Nadel­dru­cker ansteu­ern, Flop­py­disks orga­ni­sie­ren (die Flop­py ist heu­te immer noch das Sym­bol zum Spei­chern in den meis­ten Anwen­dun­gen).

Klin­ge: Schaue ich mir mei­ne zwei­jäh­ri­ge Toch­ter an, dann kann sie auf dem Tablet die Dis­play­sper­re über­win­den, ver­schie­de­ne Apps star­ten und in ihrem Lieb­lings­spiel, Dora Explo­rer, Puz­zle lösen, malen und mit den Figu­ren inter­agie­ren. Ich habe in dem Alter Sand geges­sen. Oder Erde. An guten Tagen bei­des.
Ich will damit sagen, dass Kin­der heu­te von früh auf mit Tech­no­lo­gie umzu­ge­hen ler­nen – wozu braucht es da Infor­ma­tik­un­ter­richt?

Riecken: Dann erschließt sich dei­ne Toch­ter ihre Welt in die­sem Bereich medi­al ver­mit­telt. Sie lernt Inter­faces zu bedie­nen, aber eigent­lich nichts über Tech­nik dabei. Da zudem auf Wisch­ge­rä­ten vie­les leicht ist – selbst krea­tiv sein kann man da „ganz ein­fach“ (im Rah­men des­sen, was der jewei­li­ge Pro­gram­mie­rer unter Krea­ti­vi­tät ver­steht), kann die hap­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt dage­gen ger­ne schon­mal als mühe­voll erlebt wer­den. Es hängt sehr stark vom Eltern­haus ab, ob die Wisch­ge­rä­te als „Shut-up-Toy“ ein­ge­setzt wer­den, oder ob ein Aus­gleich geschaf­fen wird und Kin­der auch erle­ben dür­fen, dass sie anders­wo schei­tern und immer neue Stra­te­gien ent­wi­ckeln müs­sen. Kin­der erfah­ren die Welt mit ihren Sin­nen. Gerä­te spre­chen immer nur einen Aus­schnitt der Sin­ne an.

Klin­ge: Nun, mei­ne Infor­ma­tik­erfah­run­gen sind offen­sicht­lich anti­quiert – was beinhal­tet das Fach heut­zu­ta­ge?

Riecken: Ich sage immer, dass Infor­ma­tik das ein­zi­ge Fach ist, bei denen ich Schü­le­rin­nen und Schü­ler beim Den­ken bzw. Ihren Denk­schrit­ten zuschau­en kann. Eigent­lich geht es im Kern oft dar­um, ein Pro­blem in hand­hab­ba­re Teil­pro­ble­me zu zer­le­gen. Ich habe in die­sem Jahr mit mei­nen Schü­lern (sor­ry, war ein rei­ner Jun­gen­kurs) viel zum The­ma Pass­wort­ver­schlüs­se­lung gemacht. Auf­hän­ger waren die unzäh­li­gen gestoh­le­nen Pass­wort­da­ten­ban­ken im letz­ten Jahr (Yahoo, Lin­kedIn etc.). Die Schü­ler wis­sen jetzt z.B. war­um ein Pass­wort eine gewis­se Län­ge und Kom­ple­xi­tät haben soll­te und dass eine siche­re Pass­wort­spei­che­rung unmög­lich ist, son­dern allen­falls eine, die Angrif­fen eine zeit­lang stand­hält. Dann kann man noch dar­über sin­nie­ren, war­um selbst gro­ße Inter­net­fir­men die Grund­re­geln bei der Pass­wort­spei­che­rung nicht befol­gen usw. – und schon ist man ganz schnell bei betriebs­wirt­schaft­li­chen oder gar ethi­schen Fra­gen. Rei­ne Medi­en­kom­pe­tenz­ver­mitt­lung ohne infor­ma­ti­schen Hin­ter­grund ist in die­sem Feld eine rei­ne Black­box: „Mach dein Pass­wort lang und kom­plex!“ „Häh? War­um? Unbe­quem. Gibt doch ’ne App!“

Klin­ge: Umge­kehrt begeg­nen mir in der Schu­le oft Jugend­li­che, die mit 13 Jah­ren noch den Ein- und Aus­schal­ter am Com­pu­ter suchen und über­haupt kei­ne Erfah­rung mit einem sta­tio­nä­ren Com­pu­ter haben. Die­sen Kin­dern fehlt jede Grund­la­ge – ihnen Pro­gram­mie­ren bei­zu­brin­gen scheint her­aus­for­dernd – die müs­sen doch eher ler­nen, mit Office Pro­gram­men umzu­ge­hen. Die bräuch­ten eher einen Schreib­ma­schi­nen-Kurs. Wie begeg­nest du die­sem Spa­gat?

Riecken: Da gibt es heu­te ganz tol­le Ansät­ze – das Pro­blem haben wir ja nicht nur in Deutsch­land. „Unplug­ged“ begin­nen, über Kli­ckibun­ti (z.B. auf code.org) Grund­kon­zep­te erler­nen und dann erst­mal qua­si per „Online-App“ ers­te For­ma­li­sie­run­gen machen. Dafür braucht es anfangs nur einen Brow­ser und die Datei­en fin­den sich auch immer wie­der an, da die App alles erle­digt. Dann Schritt für Schritt Rich­tung Datei­sys­tem und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on gehen, bevor man dann kom­ple­xe­re Din­ge anfasst – meist aber eher sowas wie die Steue­rung von Model­len oder Robo­tern – dann sieht man auch einen Effekt sei­ner Code­zei­len. Im Zusam­men­spiel von Mecha­nik und Soft­ware braucht man dann Feh­ler­such­stra­te­gien, die bei man­chen Pro­gram­mier­an­sät­zen bes­ser als bei ande­ren grei­fen. So ent­ste­hen nach und nach sehr viel­fäl­ti­ge Anfor­de­rungs- und Arbeits­sze­na­ri­en.
Die Idee, dass Infor­ma­tik etwas mit Tech­no­lo­gie zu tun hat, hal­te ich für falsch. Es gibt genug Bei­spie­le dafür, dass Infor­ma­tik­un­ter­richt voll­kom­men ohne Tech­no­lo­gie („unplug­ged“) funk­tio­nie­ren kann, etwa wenn ich die Lern­grup­pe Ideen ent­wi­ckeln las­se, mit wel­chen Stra­te­gien Men­schen z.B. nach der Grö­ße sor­tiert wer­den kön­nen. „Pro­gram­mie­ren“ heißt dann schlicht „nur“, die­se Stra­te­gie zu for­ma­li­sie­ren – ein­fach in ganz nor­ma­ler Spra­che, spä­ter in for­ma­li­sier­ter – das hilft sogar spä­ter beim Deutsch­auf­satz. Aber im Kern geht es gar nicht dar­um, son­dern um die Kon­zep­te, die z.B. einen Taschen­rech­ner funk­tio­nie­ren las­sen.

Klin­ge: Nun, das klingt sicher für den ein oder ande­ren span­nend – aber letzt­lich haben doch wenig Schü­ler ein Inter­es­se dar­an, eine wei­te­re Fremd­spra­che zu ler­nen: Ob das jetzt fran­zö­sisch ist oder Java oder die Grund­la­gen von Pro­gram­men. Als Leh­rer lei­de ich jetzt schon unter dem vol­len Plan und der weni­gen Zeit. Ein wei­te­res Fach… Die Kin­der haben doch kei­ne Zeit mehr Kin­der zu sein.

Riecken: Infor­ma­tik ist kei­ne Spra­che. Infor­ma­tik ist nicht Pro­gram­mie­ren! Wenn wir den Bogen da kon­se­quent wei­ter span­nen: Was ist denn mit Fächern wie Mathe, Che­mie, Latein? Las­sen wir uns als Gesell­schaft davon lei­ten, ob aus­rei­chend vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler Inter­es­se dafür auf­brin­gen (wol­len) oder ob Lehr­kräf­te dar­un­ter lei­den? Gera­de Latein – die­ses tote Ding? Ich glau­be, dass sehr vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter die­sen Fächern durch­aus lei­den. Trotz­dem dis­ku­tie­ren wir nicht über deren Abschaf­fung, oder ob die­se Fächer frei gewählt wer­den dür­fen. Wenn es damals nach mir gegan­gen wäre, hät­te ich Eng­lisch sofort abge­wählt. Heu­te ist die­se Spra­che für mich unglaub­lich wich­tig gewor­den. Latein hin­ge­gen hat für mich nur eine sehr gerin­ge Bedeu­tung. Ich weiß, dass man mir unter­stel­len wird, mich für einen Kanon ein­zu­set­zen, das neue Ler­nen nicht ver­stan­den zu haben. Wenn ich heu­te in die Welt schaue, sehe ich kaum Beru­fe, die ohne digi­ta­le Kom­pe­ten­zen sinn­voll län­ge­re Zeit aus­zu­üben sind. Ich sehe wei­ter­ge­hend digi­ta­li­sier­te Zah­lungs­vor­gän­ge, weit­ge­hend digi­ta­li­sier­te Ver­wal­tungs­pro­zes­se – auch in Deutsch­land – allen Unken­ru­fen zum Trotz. Ich lese Aus­sa­gen von schlau­en Leu­ten in schlau­en Feuil­le­tons und den­ke oft genug: „Was für ein Depp!“ – auf Anwen­der­ebe­ne mag man wohl auf einen recht ober­fläch­li­chen Niveau Din­ge kom­men­tie­ren und wer­ten kön­nen – eine Ahnung von den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ist oft nicht ein­mal in Sicht ohne Grund­la­gen der Daten­ver­ar­bei­tung zu ken­nen.

Klin­ge: Hast du ein kon­kre­tes Bei­spiel?

Riecken: Das smar­te Haus ist ein Para­de­bei­spiel für mich. Ein Haus ist ja etwas, in dem man län­ger lebt. Es gibt zur­zeit unzäh­li­ge Gad­gets und Spiel­zeu­ge, um das Leben in Eigen­heim beque­mer zu machen: Elek­tro­ni­sche Schließ­sys­te­me, Hei­zungs­re­ge­lun­gen, Beleuch­tungs­ar­ti­kel, schalt­ba­re Steck­do­sen, Alarm­an­la­gen etc.. Das Wenigs­te ist zuein­an­der kom­pa­ti­bel (oder man benö­tigt spe­zi­el­le Zwi­schen­ge­rä­te, die doch wie­der eine Men­ge Wis­sen erfor­dern) und kaum eine Lösung ist so lang­le­big, dass Updates der Firm­ware auch über län­ge­re Zeit gewähr­leis­tet wären. Damit ist das Haus oft in kür­zes­ter Zeit ohne Zutun des Besit­zers mani­pu­lier­bar. Die Alter­na­ti­ve ist, sich immer wie­der neue Gad­gets mit den immer wie­der glei­chen Pro­ble­men zu kau­fen oder von Anfang an auf Sys­te­me zu set­zen, die auf dem ers­ten Blick viel mehr kos­ten, auf lan­ge Sicht jedoch sowohl soft­ware­tech­nisch als auch kon­zep­tio­nell und von Zusam­men­spiel der Kom­po­nen­ten her über­zeu­gen. Mit infor­ma­ti­scher Bil­dung wüss­te man in Grund­zü­gen, wie ein Pro­dukt, wel­ches mög­lichst lan­ge ein­ge­setzt wer­den soll, prin­zi­pi­ell desi­gned sein soll­te (bei Hand­werks­zeug und Mes­sern weiß man das ja im Prin­zip auch). Und man wüss­te, was „kos­ten­ef­fek­tiv“ ist und was inner­halb weni­ger Mona­te auf irgend­ei­ner Müll­hal­de in Afri­ka lan­den wird – weil z.B. die zuge­hö­ri­ge App für das neue Smart­pho­ne nicht mehr ent­wi­ckelt wird.

Klin­ge: Ich muss geste­hen: Das kann ich kom­plett nach­voll­zie­hen.

Riecken: Und, klar kann ich die Welt ein­fach so benut­zen – auch ohne Bio­lo­gie, ohne Che­mie oder Phy­sik und Mathe. Aber irgend­was fehlt dann viel­leicht. Und ein recht neu­er Teil von Welt scheint mir dann doch der digi­ta­le Raum zu sein. Infor­ma­tik ist die Grund­la­gen­wis­sen­schaft die­ses Rau­mes. Kom­men nicht vie­le poli­ti­sche Regu­lie­rungs­lü­cken auch durch Unwis­sen und sehr leich­te Beein­fluss­bar­keit der Ver­ant­wort­li­chen?

Klin­ge: Auch das kann ich nach­voll­zie­hen. Umge­kehrt drängt die Wirt­schaft dar­auf, ein gleich­na­mi­ges Fach ver­pflich­tend über­all ein­zu­bin­den. SoWi, Erd­kun­de.. es gibt einen gewal­ti­gen Fun­dus an Din­gen, die wir unse­re Kin­der ger­ne leh­ren möch­ten. Wo soll man da beschnei­den?

Riecken: Wie haben wir als Gesell­schaft eigent­lich „ent­schie­den“, was wir in Deutsch oder Geschich­te „leh­ren“? Auch dar­über lässt sich treff­lich strei­ten. In der Tat ist es ein immenses Pro­blem, wenn die Wirt­schaft Inhal­te infor­ma­ti­scher Bil­dung bestimmt. Im Fal­le von Infor­ma­tik hat die­ses „Drän­gen der Wirt­schaft“ des­we­gen einen Geschmack, weil wir Ein­fluss­nah­me ver­mu­ten und gleich­zei­tig oft­mals kei­ne Ideen haben, was denn da gelehrt wer­den soll – denn das wür­de infor­ma­ti­sche Kom­pe­ten­zen eben­so erfor­dern wie medi­en­ethi­sche Fra­ge­stel­lun­gen – Phy­sik­un­ter­richt über Atom­ener­gie dürf­te in den 70ern anders aus­ge­se­hen haben als heu­te. Der che­mi­schen Indus­trie wer­fen wir das Fach Che­mie auch nicht vor, eben weil es da Stra­te­gien gibt, lob­by­is­ti­sche Ten­den­zen mehr oder weni­ger effek­tiv zu kom­pen­sie­ren. Mit rei­nem Anwen­der­wis­sen wird das im Bereich Infor­ma­tik eher weni­ger gut klap­pen. Ich hal­te es da mit Gün­ter Dueck: „Man muss nicht über­le­gen, was man für Infor­ma­tik denn weg­strei­chen soll­te – das muss man eben auch noch machen!“ Weil die Welt sich eben dahin­ge­hend ändert, dass sie kom­ple­xer und digi­ta­ler wird.

Klin­ge: Ganz kon­kret: Fin­dest du, alle Schü­ler soll­ten grund­sätz­lich Infor­ma­tik­un­ter­richt erhal­ten?

Riecken: Ja.

Klin­ge: War­um?

Riecken: Weil zukünf­tig Din­ge wie Teil­ha­be, Sou­ve­rä­ni­tät und neu­tra­le Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung immer mehr von infor­ma­ti­schen Kom­pe­ten­zen abhän­gig sein wer­den. Ich hät­te aber auch kein Pro­blem damit, wenn das nicht so kommt. Dann wechs­le ich halt die Sei­ten und ver­die­ne ganz viel Geld mit der infor­ma­ti­schen Unmün­dig­keit gro­ßer Tei­le der Gesell­schaft. Ange­sichts der Ent­wick­lung der Alters­vor­sor­ge auch kei­ne schlech­te Per­spek­ti­ve :o)…

Klin­ge: Nun, zumin­dest mein Bild von Infor­ma­tik­un­ter­richt ist nun nicht mehr so anti­quiert wie vor­her! Mir fällt nichts kri­ti­sches mehr ein, aber viel­leicht mag der ein oder ande­re Leser sich in den Kom­men­ta­ren noch dazu äußern – ich dan­ke dir erst­mal für die­ses Gespräch!

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