Persönliche Verschwörungstheorie

Im letz­ten Arti­kel hat­te ich über Erfah­run­gen aus der Fami­li­en­qua­ran­tä­ne geschrie­ben. Sol­che per­sön­li­chen Arti­kel sind für mich eher unge­wöhn­lich. Des­we­gen mache ich jetzt mal wie­der etwas Krea­ti­ves. Es ist eine rei­ne Fik­ti­on.

Nichts hiervon ist belegbar oder stimmt.

Also ein fik­ti­ver Text, wie ihn Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker schrei­ben könn­ten.

 

Schulöffnungen maßgeblich für zweite Infektionswelle verantwortlich

Politiker:innen hiel­ten wesent­li­che Infor­ma­tio­nen zurück, um Wirt­schaft nicht zu gefähr­den

13.10.2021, Land­kreis Drei­ei­chen. Der Land­kreis Drei­ei­chen zähl­te vor einem Jahr zu den am meis­ten betrof­fe­nen Coro­na-Hot­spots in Deutsch­land. Wie sich in der Rück­schau her­aus­stellt, gin­gen die Infek­ti­ons­ket­ten dabei von Kin­dern und Jugend­li­chen aus. Durch Schlie­ßun­gen von Schu­len und Kin­der­ta­ges­stät­ten hät­te sich das Aus­maß der Epi­de­mie im Land­kreis ver­mei­den las­sen.

Hil­de­gard Kemp­ten (Name geän­dert) steht fas­sungs­los vor dem Grab ihres im letz­ten Win­ter an den Fol­gen einer Coro­na­in­fek­ti­on ver­stor­be­nen Ehe­man­nes. Jeder im Land­kreis kennt jeman­den, bei dem Fami­li­en­mit­glie­der Opfer im Krei­se der Fami­lie zu bekla­gen hat. Der Land­kreis zähl­te bis kurz vor den Herbst­fe­ri­en des letz­ten Jah­res zu den nahe­zu coro­nafrei­en Gebie­ten. Nie­mand hat­te damals mit dem immensen Ein­fluss von Kin­dern und Jugend­li­chen beim Infek­ti­ons­ge­sche­hen gerech­net. Prof. Nobert Ein­haus von der ört­li­chen Kli­nik, Spe­zia­list für Lun­gen­krank­hei­ten, stellt heu­te resi­gniert fest: „Wir waren blind für aty­pi­sche und asym­pto­ma­ti­sche Krank­heits­ver­läu­fe bei jün­ge­ren Pati­en­ten. Das muss man in der Rück­schau deut­lich fest­stel­len.“ Der Land­kreis Drei­ei­chen zählt mit zu den jüngs­ten deutsch­land­weit. Das Virus hat­te sich weit­ge­hend unent­deckt unter jün­ge­ren Men­schen ver­brei­tet, die damals mit einer Ver­zö­ge­rung von weni­gen Wochen das Virus an ihre nähe­ren Ver­wand­ten wei­ter­ge­ge­ben haben. Durch feh­len­de Tes­tun­gen zu Anfang von Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men war die Über­zeu­gung bei den Ver­ant­wort­li­chen ent­stan­den, dass Schu­len und Kin­der­gär­ten bei der Infek­ti­on eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len wür­den. „Da war in der Rück­schau doch mehr der Wunsch der Vater des Gedan­kens“, gibt sich Ein­haus nach­denk­lich: „Nie­mand woll­te sich ernst­lich dem Vor­wurf aus­set­zen, durch erneu­te Schul­schlie­ßun­gen das gesam­te Wirt­schafts­le­ben hier vor Ort zum Erlie­gen zu brin­gen und gro­ße Tei­le der Zivil­ge­sell­schaft über Gebühr zu belas­ten.“

Die wei­te­re Ent­wick­lung in Drei­ei­chen sorg­te genau dafür: Irgend­wann war der Punkt erreicht, dass Schu­len und Kin­der­gär­ten schlicht aus Per­so­nal­man­gel doch die Tore schlie­ßen muss­ten: Erzieher:innen und Lehr­kräf­ten erkrank­ten rei­hen­wei­se oder befan­den sich in behörd­li­cher Qua­ran­tä­ne. Die Aus­wir­kun­gen kamen teil­wei­se einem loka­len Lock­down gleich. Arbeit­neh­mer aus allen Berei­chen des Wirt­schafts­le­bens waren betrof­fen. Gan­ze Pro­duk­tio­nen konn­ten nicht mehr auf­recht erhal­ten wer­den. „Irgend­wann kam der Punkt, an dem wir auch mit unse­rem gan­zen inner­halb des Land­krei­ses quer­ver­setz­ten Per­so­nal die Kon­tak­te nicht mehr nach­ver­fol­gen konn­ten“, sagt Bernd Sief­ke, Lei­ter der loka­len Gesund­heits­am­tes, ein bedäch­ti­ger, in sich gekehr­ter Mann. „Es waren kei­ne Clus­ter­er­eig­nis­se mehr aus­ma­chen wir beim ers­ten Fall inner­halb einer Fami­li­en­fei­er, das Virus war ein­fach über­all, ohne erkenn­ba­res Mus­ter.“ Der Land­kreis Drei­ei­chen hat­te damals früh­zei­tig mit weit schär­fe­ren Ver­ord­nun­gen als vom Land aus vor­ge­se­hen reagiert und damit den ers­ten Infek­ti­ons­herd inner­halb einer Gemein­de im Nord­kreis erfolg­reich bekämpft. Bemer­kens­wert: Es kam im Nord­kreis durch­aus zu behörd­lich ange­ord­ne­ten Schul­schlie­ßun­gen.

Wie sich in der Rück­schau her­aus­stell­te, war genau die­se Reak­ti­on ent­schei­dend für die loka­le Ein­däm­mung. Da bei eini­gen Rei­hen­tests ca. 5–6 Tage nach Beginn der Schul­schlie­ßun­gen nichts Wesent­li­ches her­aus­kam, war man sich sicher, hier rich­tig gehan­delt zu haben. Heu­te weiß man: Die infek­tiö­se Zeit bei Kin­dern und Jugend­li­chen ist bedeu­tet gerin­ger als bei Erwach­se­nen. Der jun­ge Orga­nis­mus wird mit dem Virus in der Regel weit­aus schnel­ler fer­tig, so dass bereits zwei bis drei Tage nach einer asym­pto­ma­ti­schen Infek­ti­on der dama­li­ge PCR-Test nicht mehr anschlug. Durch die früh­zei­ti­ge häus­li­che Qua­ran­tä­ne konn­te die­se Kin­der das Virus auch in den Fami­li­en kaum wei­ter­ge­ben.

Ganz anders die Ent­wick­lung in der Kreis­stadt: Die Schu­len blie­ben im Wesent­li­chen geöff­net. Das Virus konn­te sich weit­ge­hend unent­deckt in der Schü­ler­schaft ver­brei­ten. Mit einer Ver­zö­ge­rung von ca. 1–2 Wochen erfass­te es Eltern, Groß­el­tern und Freun­de der Fami­lie, aber auch Lehr­kräf­te. Anders als zu Anfang der zwei­ten Wel­le schien das Virus nun aus der Mit­te der Gesell­schaft zu kom­men. Die star­ke Kor­re­la­ti­on zwi­schen der Anzahl der Kin­der und der Anzahl der posi­ti­ven Fäl­le inner­halb einer Fami­lie konn­te ange­sichts der dra­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen nie­man­dem auf­fal­len. Dazu war die Zahl der Kin­der­lo­sen inner­halb der Kreis­stadt auch zu gering.

Der Zug war nicht mehr auf­zu­hal­ten, das Spiel war ver­lo­ren“, stellt Land­rä­tin Simo­ne Peters resi­gniert fest. Die Stra­te­gie wur­de grund­sätz­lich geän­dert. Man setz­te im Land­kreis auf geziel­te Durch­seu­chung, ent­zog Risi­ko­grup­pen dem öffent­li­chen Leben. Alten­pfle­ge­kräf­te zogen in die Alten­hei­me, Kran­ken­pfle­ge­kräf­te ins Kran­ken­haus. Pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge wur­den von ihren Arbeitgeber:innen frei­ge­stellt.

In der Not­fall­ver­sor­gung und auf den Inten­siv­sta­tio­nen inner­halb des Krei­ses kam es zu dra­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen, die an die Zustän­de in Nord­ita­li­en wie am Anfang der Pan­de­mie im Früh­jahr 2020 erin­ner­ten. „Das war der Preis.“ Der Blick von Land­rä­tin Peters wird starr. Im Land­kreis ver­star­ben um die 800 Patient:innen unmit­tel­bar oder mit­tel­bar an den Fol­gen einer Coro­na­in­fek­ti­on. Um die 200 von Ihnen konn­ten auf­grund eines völ­lig über­las­te­ten Gesund­heits­sys­tems nicht die in die­sen Fäl­len vor­ge­se­he­ne The­ra­pie erhal­ten. „Wir konn­ten zwi­schen einem tota­len Lock­down mit der vagen Hoff­nung auf Bes­se­rung und einer Zer­stö­rung gro­ßer Tei­le der loka­len Wirt­schaft oder der geziel­ten Durch­seu­chung mit den abseh­ba­ren Fol­gen ent­schei­den. Bei­des kei­ne hoff­nungs­vol­len Optio­nen.“, sagt Peters. „Mich wird die­se Bür­de mein Leben lang beglei­ten.“

Der Land­kreis Drei­ei­chen zähl­te zu einem der ers­ten deutsch­land­weit, die als durch­seucht gal­ten. Er steht heu­te wirt­schaft­lich ver­gleichs­wei­se gut da. Sta­tis­ti­ken beschei­ni­gen dem Land­kreis wesent­lich gerin­ge­re Ster­be­ra­ten durch Ver­ein­sa­mung bei alten oder depres­si­ven bzw. psy­chisch labi­len Men­schen. Land­rä­tin Peters gilt heu­te als eine der schärfs­ten Kritiker:innen des Kri­sen­ma­nage­ments in den Kul­tus­be­hör­den. Unter­stützt von Per­sön­lich­kei­ten aus dem Land­kreis hat sie ver­schie­de­ne Kla­gen gegen füh­ren­de Minis­te­ri­al­be­am­te initi­iert.

Nichts hiervon ist belegbar oder stimmt. Dieser Text ist eine reine Fiktion mit Fantasieereignissen, Fantasiezitaten und Fantasienamen.

 

 

 

 

Tag 9 der Familienquarantäne – Gedanken zur Epidemie

Ich woh­ne im Land­kreis Clop­pen­burg. Das Infek­ti­ons­ge­sche­hen stellt sich zur Zeit bei uns so da:Die Inzi­denz pen­delt momen­tan so um die 40 Infek­tio­nen pro 100.000 Ein­woh­ner. Clop­pen­burg ist ein Zen­trum der fleisch­ver­ar­bei­ten­den Indus­trie. Auch Gemü­se­an­bau ist hier ein gro­ßer Wirt­schafts­zweig, wobei 1kg Gemü­se ja mitt­ler­wei­le mehr kos­tet als teil­wei­se 1kg Fleisch.

Wir alle im Land­kreis haben mit einem Aus­bruch gerech­net. Mit einem Aus­bruch in der Fleisch- oder Agrar­in­dus­trie. Der Aus­bruch, um des­sen Ein­däm­mung sich alle hier red­lich und nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen in der Ver­wal­tung mühen, kommt aber wahr­schein­lich eher aus der Mit­te der Gesell­schaft. Clop­pen­burg ist mit einem Durch­schnitts­al­ter um die 40 Jah­re ein sehr jun­ger Land­kreis. Wir sehen hier gera­de eine Rei­he völ­lig kom­pli­ka­ti­ons­lo­ser Infek­tio­nen unter jun­gen Men­schen und Kin­dern – bzw. sehen wir sie wahr­schein­lich gera­de nicht in dem wirk­li­chen Aus­maß. Dage­gen hel­fen kei­ne Mas­ken und kei­ne Abstand­re­ge­lun­gen im öffent­li­chen Raum oder Schu­len.

Unse­re Fami­lie hat es jetzt erwischt: Eines mei­ner Kin­der ist vor­letz­ten Mitt­woch posi­tiv getes­tet wor­den. Wir hät­ten unter nor­ma­len Umstän­den nicht getes­tet. Der Arzt hat­te eine Tes­tung zunächst abge­lehnt. Trotz Kon­takt mit einer Per­son, die posi­tiv ges­te­tet wor­den war, sind bei unse­rem Kind kei­ne Sym­pto­me auf­ge­tre­ten, die sich in irgend­ei­ner Form einer COVID-19-Erkran­kung zuord­nen lie­ßen. Da muss man dann schon etwas insis­tie­ren und das lang­jäh­ri­ge Ver­trau­en („Wenn die Rieckens kom­men, dann ist da auch was!“) aus­spie­len.

Seit vor­letz­ten Don­ners­tag sind wir als Fami­lie offi­zi­ell, seit dem Diens­tag davor in frei­wil­li­ger Qua­ran­tä­ne. Ich habe mich danach beim Haus­arzt tes­ten las­sen, mei­ne Frau in einem tier­ärzt­li­chem Labor (Ja, das geht hier, schnell und zer­ti­fi­ziert) – bei­de Tests waren nega­tiv. Die Umstän­de waren aber so, dass wir uns bei unse­rem Kind hät­ten infi­zie­ren müs­sen (drei Stun­den Film in einem 7qm Raum ohne offe­nes Fens­ter). Es spricht also eini­ges dafür, dass wir bei­de bereits eine Infek­ti­on durch­ge­macht haben, die aber kom­pli­ka­ti­ons­los ver­lau­fen ist. Das wäre durch einen Anti­kör­per­test abzu­si­chern. Viel­leicht leis­te ich mir selbst den – dann auch wie­der nicht so aus­sa­ge­kräf­ti­gen – Spaß.

Das Infek­ti­ons­ge­sche­hen in unse­rer Fami­lie hat wahr­schein­lich einen Aus­gangs­punkt in einer pri­va­ten Fei­er mit sehr begrenz­ter Per­so­nen­zahl. Aber das ist nicht sicher. Vie­les spricht in der Rück­schau dafür.

Eines ist aber ziem­lich sicher: Wir als Gesell­schaft wis­sen über das Virus und sei­ne Aus­brei­tung eigent­lich noch viel zu wenig. Wir wis­sen nichts über die Dun­kel­zif­fer, die jetzt hier in Clop­pen­burg in Tei­len aus­ge­leuch­tet wird.

Sicher ist auch, wel­che Fol­gen eine bestä­tig­te Infek­ti­on inner­halb eines Jahr­gangs in einer Schu­le hat: Der gesam­te Jahr­gang wird frei­ge­setzt. Alle Schüler:innen müs­sen sich in ihren Haus­hal­ten in Zim­mer­qua­ran­tä­ne bege­ben und z.B. auch getrennt von ihrer Fami­lie essen. Eine Tes­tung zu Anfang die­ser Qua­ran­tä­ne fin­det aus Kapa­zi­täts­grün­den nicht statt. Die übri­gen Fami­li­en­mit­glie­der müs­sen sich ledig­lich von dem Kind in Qua­ran­tä­ne fern­hal­ten, ste­hen selbst aber nicht unter Qua­ran­tä­ne.

Natür­lich fin­den z.B. Rei­hen­tes­tun­gen zum Ende der Qua­ran­tä­ne auch bei Schüler:innen statt. Aber die brin­gen maxi­mal eine Absi­che­rung dar­über, dass mit Auf­nah­me des Schul­be­triebs ein bestimm­ter Per­so­nen­kreis an einem bestimm­ten Tag nicht infek­ti­ös ist. Nach zwei Wochen kann man sich recht sicher sein, dass alle Ergeb­nis­se nega­tiv aus­fal­len.

Ein grö­ße­rer Erkennt­nis­ge­winn über das Infek­ti­ons­ge­sche­hen wür­de aber ein Rei­hen­test zu Anfang einer Qua­ran­tä­ne bie­ten, weil m.E. dann deut­li­cher wür­de, wie weit die Infek­ti­on in der jün­ge­ren Bevöl­ke­rung ver­brei­tet ist. Posi­ti­ve Tes­tun­gen hier wür­den aber wei­te­re Din­ge aus­lö­sen, z.B. Qua­ran­tä­ne für den gesam­ten Haus­halt und Kon­takt­nach­ver­fol­gun­gen. Die Test­ka­pa­zi­tä­ten wären wohl da, nicht aber das Per­so­nal, für das, was danach kom­men könn­te.

Des­we­gen habe ich Freun­den ent­ge­gen mei­ner sonst doch eher nüch­ter­nen Art doch recht fata­lis­tisch fol­gen­des gepos­tet:

Das Spiel ist eigent­lich ver­lo­ren.

Gedreht wer­den kann es nur durch recht dras­ti­sche Maß­nah­men, die auch so ihre Fol­gen nach sich zie­hen. Viel­leicht wer­den das im bes­ten Fall „Wan­der­maß­nah­men“ – dann käme der Land­kreis Clop­pen­burg als einer der ers­ten wie­der aus der Num­mer teil­wei­se her­aus.

Qua­ran­tä­ne ist ein schwe­rer Grund­rechts­ein­griff, der sich zwar als Beam­ter mit Ein­fa­mi­li­en­haus, Gar­ten und funk­tio­nie­ren­dem sozia­len Netz für die Grund­ver­sor­gung gut aus­hal­ten lässt (selbst Bau­ma­te­ri­al kommt hier an), aber natür­lich auch wie­der Schlag­lich­ter auf Schu­le und Fern­un­ter­richt wirft. Sport fällt auch flach – selbst im Lock­down konn­te man zumin­dest allei­ne durch den Wald toben.

Wenn mei­ne Dis­zi­plin und Selbst­be­herr­schung in einer äußerst pri­vi­le­gier­ten Posi­ti­on Krat­zer erlei­den – wie mag es da ande­ren erge­hen? Noch län­ger die­se Maß­nah­men? In der Brei­te der Gesell­schaft? Ohne defi­nier­tes Ende?

Ich ertap­pe mich tat­säch­lich gele­gent­lich dabei, mitt­ler­wei­le eher Rich­tung Durch­seu­chung um den Preis des Aus­schlus­ses gefähr­de­ter Per­so­nen vom öffent­li­chen Leben zu den­ken – qua­si der „opti­mier­te schwe­di­sche Weg“. Aber das wür­de wohl mit ziem­li­cher Sicher­heit zu den ita­lie­ni­schen Ver­hält­nis­sen vom Früh­jahr füh­ren.

Was wer­den wir für Stim­mungs­bil­der nach Weih­nach­ten, nach einem wei­te­ren hal­ben Jahr der Ein­schrän­kun­gen sehen? Was lässt sich tun, um dem zu begeg­nen? Was kann der Anteil von uns dar­an sein?

Zar­ter Anfang:

Ich glau­be, wir brau­chen mehr Daten­qua­li­tät, mehr Tes­tun­gen zu Beginn einer Qua­ran­tä­ne, mehr zivi­les und ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment in der Gesund­heits­äm­tern. Aber das ist nur ein intel­lek­tu­el­ler Anfang. Viel bedeu­ten­der ist der Blick auf die Emo­tio­nen in der Zivil­ge­sell­schaft, die sich nicht opti­mie­ren mit zuneh­men­der Dau­er von Beschrän­kun­gen.

 

Baufehler des Digitalpakts

Domi­nik Schö­ne­berg hat schö­ne Arti­kel rund um die Pro­ble­ma­tik beim Digi­tal­pakt geschrie­ben. Durch Twit­ter und die Medi­en­land­schaft gehen gera­de Arti­kel, die vor­rech­nen, wie viel Geld die ein­zel­nen Bun­des­län­der bis­her aus dem Digi­tal­pakt abge­ru­fen haben. Da das alles nach lang­läu­fi­ger Mei­nung viel zu wenig ist, wird der Feh­ler im kom­pli­zier­ten Antrags­ver­fah­ren gese­hen und nach Ver­ein­fa­chung geru­fen, damit „Gel­der schnel­ler flie­ßen“.

Ich möch­te ger­ne dafür argu­men­tie­ren, dass die­ser Ruf abso­lut schäd­lich für das The­ma Bil­dung ist. Ich bin frus­triert, weil sich nach mei­ner Mei­nung eine durch die Bank schlech­te Recher­che­qua­li­tät selbst von „Qua­li­täts­me­di­en“ hier fort­setzt. Ich gene­ra­li­sie­re hier, weil ich bis­her wirk­lich nichts aus mei­ner Sicht Brauch­ba­res oder Dif­fe­ren­zier­tes gele­sen habe.

Der Digi­tal­pakt hat Bau­feh­ler. Die­ser deckt sich struk­tu­rell mit dem für mich wahr­nehm­ba­ren aktu­el­len Jour­na­lis­mus zum The­ma Digi­tal­pakt: Man hat nicht sorg­fäl­tig auf die ande­re, gro­ße Sei­te des Digi­tal­pak­tes geschaut: Den Schul­trä­ger.

 

Bau­feh­ler 1: Kon­zept für Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten

Der Digi­tal­pakt unter­schei­det in der Bund-Län­der-Ver­ein­ba­rung nicht zwi­schen Infra­struk­tur und End­ge­rä­ten: Bei­des muss eine Schu­le in tech­nisch-päd­ago­gi­schen Ein­satz­kon­zep­ten“ oder ”Medi­en­bil­dungs­kon­zep­ten“ begrün­den. Aber wie begrün­de ich die Not­wen­dig­keit von Stra­ßen und Schie­nen, wenn ich mich zwi­schen Orten mit Ver­kehrs­mit­teln bewe­gen kön­nen will? Infra­struk­tur wird immer benö­tigt und ist in mei­nen Augen päd­ago­gik­neu­tral. Span­nend wird es eigent­lich erst bei der Aus­wahl von Prä­sen­ta­ti­ons­sys­te­men und End­ge­rä­ten – da sehe Schu­len in der Pflicht, sich Gedan­ken zum Ein­satz zu machen, damit sich die Geschich­te der bea­mer­ge­stütz­ten White­board­lö­sun­gen aus vor­an­ge­gan­ge­nen Kon­junk­tur­pa­ke­ten nicht wie­der­holt. Und man hät­te die Zeit, die der Auf­bau von Infra­struk­tur benö­tigt, gut dafür nut­zen kön­nen, um sich dar­um Gedan­ken zu machen. So sind die Schu­len schon vor­ab dazu gezwun­gen. Mei­ne Befürch­tung geht dahin, dass nun Kon­zep­te für den Leit­zord­ner ent­ste­hen, die ähn­lich wie Hygie­ne­plä­ne oder Metho­den­kon­zep­te in der Schu­le nicht gelebt wer­den kön­nen. Dazu bräuch­te es pro­zess­ori­en­tier­te Ansät­ze und ste­ti­ge ver­netz­te Wei­ter­ent­wick­lung – das Netz wird die nächs­ten Jah­re auch nicht ruhen.

Mei­ne Lösung: Ich stel­le Schu­len für die­sen Punkt Mus­ter­for­mu­lie­run­gen bereit. Aber nur für die­sen.

 

Bau­feh­ler 2: Der Digi­tal­pakt als Ein­mal­feu­er­werk

Der Digi­tal­pakt ver­steht sich als eine ein­ma­li­ge Anschub­fi­nan­zie­rung. Aber es besteht ein kon­ti­nu­ier­li­cher Bedarf an finan­zi­el­len und per­so­nel­len Res­sour­cen in den nächs­ten Jah­ren. Mit einem iso­lier­ten poli­ti­schen Zei­chen ist es nicht getan. Es braucht eine kon­zep­tio­nel­le Ver­ste­ti­gung.

Die Trä­ger sind natür­lich vor­sich­tig mit Inves­ti­tio­nen, weil sie Fol­ge­kos­ten fürch­ten und damit Recht haben.

Mei­ne Lösung: Ich bera­te zunächst(!) ganz strin­gent in Rich­tung digi­ta­le Infra­struk­tur. Die kos­tet im Betrieb wenig, in der Pla­nung viel. End­ge­rä­te sind vor­erst nett. Ohne Infra­struk­tur sind sie tota­ler Mist.

 

Bau­feh­ler 3: Die allein­ge­las­se­nen Trä­ger
Mit der kon­kre­ten Umset­zung ste­hen die Trä­ger allei­ne da. Aus­schrei­bun­gen, Leis­tungs­ver­zeich­nis­se, die Gewähr­leis­tung von Sup­port u.v.m. sind hier die Her­aus­for­de­run­gen. Auf­grund tarif­li­cher Ver­ein­ba­run­gen sind Trä­ger gegen­über der frei­en Wirt­schaft bei der Gewin­nung kom­pe­ten­ter IT-Mit­ar­bei­ter im Nach­teil. Das Arbeits­um­feld Schu­le ist zudem nur für weni­ge ITler attrak­tiv – zu wenig struk­tu­riert gewach­se­ne IT-Land­schaf­ten, sehr anspruchs­vol­le Lehr­kräf­te und sehr indi­vi­du­el­le Anfor­de­run­gen gilt es zu kon­so­li­die­ren. Da sind erheb­li­che kom­mu­ni­ka­ti­ve Kon­se­quen­zen erfor­der­lich. Ent­spre­chend ange­spannt ist die Bewer­ber­la­ge und ent­spre­chend hoch die Fluk­tua­ti­on.

Mei­ne Lösung: Gibt es nicht. Hier müs­sen die Trä­ger fach­li­che Unter­stüt­zung erfah­ren. Nie­der­sach­sen hat Stan­dards für IT-Infra­struk­tur ver­öf­fent­licht. Den dort for­mu­lier­ten Anspruch habe ich mit zu ver­tre­ten. Die Vor­ga­ben nüt­zen aber nichts, da sie in indi­vi­du­el­le Leis­tungs­ver­zeich­nis­se und Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen über­führt wer­den müs­sen. Hier braucht es Erleich­te­run­gen. Im länd­li­chen Bereich ist es üblich, dass Mit­tel­ständ­ler vor Ort Schu­len betreu­en. Sobald die­se aber in Pla­nun­gen invol­viert sind, dür­fen sie sich nicht mehr an Aus­schrei­bun­gen betei­li­gen. Es gibt aber oft in der Flä­che nicht mehr Kom­pe­tenz als die­se Mit­tel­ständ­ler. Also muss ich Gemein­den raten, den lan­gen Weg über Pla­nungs­bü­ros zu gehen, obwohl man es im Klei­nen vor Ort bes­ser lösen könn­te. Das erzeugt immense Trans­ak­ti­ons­kos­ten und Ver­zö­ge­run­gen und Mit­tel­ab­fluss zum Pla­ner.

 

Bau­feh­ler 4: Die (eigent­lich) unlös­ba­re Auf­ga­be der Lehr­kräf­te­qua­li­fi­ka­ti­on
Momen­tan ist so gut wie kei­ne Pha­se der Leh­rer­aus­bil­dung inhalt­lich oder metho­disch hin­rei­chend an eine Schu­le im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung ange­passt. Die Lehr­kräf­te, die die Aus­bil­dung mit hin­rei­chen­den Kom­pe­ten­zen ver­las­sen, haben die­se in gro­ßen Tei­len auto­di­dak­tisch erwor­ben. Gleich­zei­tig besteht die Not­wen­dig­keit für eine Qua­li­fi­ka­ti­on ja nicht nur für Leh­re­rin­nen und Leh­rer in Aus­bil­dung, son­dern für sämt­li­che Lehr­kräf­te im deut­schen Bil­dungs­sys­tem. Genau wie bei den IT-Sup­port­kräf­ten stellt sich hier schnell die Fra­ge, wer das in die­sem gewal­ti­gen Umfang momen­tan leis­ten soll. In eini­gen Bun­des­län­dern scheint man dem Mut der Ver­zweif­lung auf Blen­ded-Lear­ning­an­ge­bo­te im Inter­net zu set­zen. Mul­ti­pli­ka­to­ren ent­wi­ckeln Online­kur­se, in den dann im güns­tigs­ten Fall ein Rah­men für die Kom­pe­tenz­ent­wick­lung der Teil­neh­men­den gesetzt wird. Ver­schär­fend kommt hin­zu, dass Schu­le Men­schen lan­ge Zeit einen Schutz­raum gebo­ten hat: Sie kön­nen heu­te noch VHS-Kas­set­ten weit­ge­hend pro­blem­los in einer Schu­le abspie­len. Allein die Ankün­di­gung, dass auch die DVD auf Dau­er ver­schwin­den wird, kann an man­cher Schu­le vie­le Lehr­kräf­te immer noch erheb­lich irri­tie­ren. Auch das ändert sich, jedoch immer noch lang­sa­mer als der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt mit sei­ner engen Ver­flech­tung mit kul­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen. Wir ste­hen wie­der ein­mal mehr vor einer bei­spiel­lo­sen Situa­ti­on.

Mei­ne Lösung: Coro­na hat hier viel ver­än­dert und ermög­licht Din­ge, die ich bis­her nicht für mög­lich gehal­ten hät­te. Im Team mit der Medi­en­be­ra­tung, ein­ge­kauf­ten Fort­bil­dungs­an­ge­bo­ten und den Kom­pe­tenz­zen­tren haben wir in der Feri­en­zeit über 4000 Lehr­kräf­te erreicht. Die Initia­ti­ve geht hier in Nie­der­sach­sen wei­ter und wird in über 1000 staat­lich getra­ge­nen Ange­bo­ten mün­den. Schon in der kur­zen Coro­na­zeit hat sich enorm viel getan.

 

Das Nadel­öhr im Digi­tal­pakt sind die Trä­ger, weil man sie nicht ange­mes­sen mit­ge­dacht hat. Wenn man jetzt von Grund­prin­zi­pi­en wie „Infra­struk­tur zuerst“ (und par­al­lel dazu Beglei­tung, Schu­lung und Gedan­ken zum Ler­nen mit und über Medi­en) abweicht, hilft man Trä­gern natür­lich auch: End­ge­rä­te aus­zu­schrei­ben ist pil­le­pal­le. Dann noch schön die Auf­la­gen für die Schu­len lockern, dass sie ohne gedank­li­che Vor­be­rei­tung Tablets in Men­gen beschaf­fen kön­nen (so hät­te es ja auch ger­ne der Phi­lo­lo­gen­ver­band) und wir sind wie­der im Jah­re 2009 bei den geschei­ter­ten kom­mu­na­len Kon­junk­tur­pa­ke­ten ange­langt. Das ist das vor­her­seh­ba­re Ergeb­nis von For­de­run­gen nach „Ver­ein­fa­chung des Antrags­ver­fah­ren“.

Was Trä­gern und Bil­dung glei­cher­ma­ßen hel­fen wür­de sind Ände­run­gen bei Aus­schrei­bungs- und Ver­ga­be­ver­fah­ren – das dürf­te aber EU-Recht betref­fen. Was Trä­ger wei­ter­hin hel­fen wür­de, sind Qua­li­fie­rungs­an­ge­bo­te für Mitarbeiter:innen oder bes­ser: Ein Bus vol­ler tol­ler Leu­te, die vor dem Rat­haus aus­stei­gen und den Digi­tal­pakt rocken und gegen­fi­nan­ziert wer­den. Solan­ge die­se Bus­se nicht fah­ren, wird es eben lang­sam gehen. Aber bes­ser so als die zwei­te Wel­le inter­ak­ti­ver Tafel­sys­te­me oder (kli­schee­haf­te) Tablet­klas­sen, in denen (kli­schee­haft) PDF-Doku­men­te mit App­lepen­cils aus­ge­füllt wer­den.

 

Themen in Schule nach den Sommerferien – oder meine Angst vor der Angst

Ich habe letz­tes Wochen­en­de abends drau­ßen an einem lan­gen Tisch vor einer Knei­pe geses­sen. Da war nichts geplant oder reser­viert, ich bin ein­fach in der Stadt gewe­sen und habe spon­tan Bekann­te und Freun­de getrof­fen. Alles inner­halb der Coro­na­re­ge­lun­gen mit Abstand und unter frei­em Him­mel. Aber es ist – nord­deut­scher – Som­mer. Man kann drau­ßen sit­zen, Fens­ter öff­nen und vie­le Din­ge tun, die im Herbst oder Win­ter so nicht mehr funk­tio­nie­ren.

Clop­pen­burg hat nicht vie­le fleisch­ver­ar­bei­ten­de Betrie­be, Clop­pen­burg ist die fleisch­ver­ar­bei­ten­de Gegend über­haupt. Viel hängt wirt­schaft­lich am Funk­tio­nie­ren die­ses Sys­tems. Wenn ein Schlacht­hof auch nur zeit­wei­se geschlos­sen wer­den muss, hat dies immense Aus­wir­kun­gen für die gesam­te durch­ge­tak­te­te Lie­fer­ket­te vom Land­wirt bis zum Ver­brau­cher. Geflü­gel über­schrei­tet genorm­te Gewich­te, die Qua­li­tät des Schwei­ne­flei­sches vari­iert – gan­ze Char­gen könn­ten ver­nich­tet wer­den müs­sen – nicht weil das Pro­dukt schlecht wäre – es kann schlicht nicht mehr genormt ver­ar­bei­tet wer­den. Man kann zur Fleisch­in­dus­trie ste­hen wie man will, aber es wird immense sozia­le Aus­wir­kun­gen auf die gesam­te Regi­on haben, wenn Coro­na zu nen­nens­wer­ten Schlie­ßun­gen der Schlacht­hö­fe führt. Befreun­de­te Steu­er­be­ra­ter, die wirk­lich Ein­bli­cke in die Fir­men­bü­cher haben, rech­nen spä­tes­tens im Herbst mit einer Plei­te­wel­le. Mit­tel­ständ­ler gehen mit eige­nem Ver­mö­gen „all in“ die Fir­ma, um Arbeits­plät­ze und Lebens­wer­ke zu ret­ten. Das fällt an sol­chen Aben­den in Neben­sät­zen, Scher­zen, zyni­schen Über­trei­bun­gen.

Bei mir war es an die­sem Abend eine Mischung aus immensem Unwohl­sein: Die­ser gelo­cker­te Sta­tus Quo wird das Maxi­mum sein, was es in den nächs­ten Mona­ten geben wird. Und ich als Beam­ter bin die­sen Markt­zy­klen und Dyna­mi­ken zumin­dest finan­zi­ell kom­plett ent­zo­gen. Ich habe am aller­we­nigs­ten das Recht, Angst zu haben. Ich ins­be­son­de­re, der ich nicht ein­mal mehr unter­rich­te. Dar­über schreibt zur­zeit kaum jemand, das wird aber zuneh­mend kom­men.

Wäre ich noch Voll­zeit im Unter­richt, wäre es mir bestimmt so ergan­gen: „Bis zu den Som­mer­fe­ri­en schaf­fe ich das schon und danach geht es dann ja rela­tiv nor­mal mit dem Kohor­ten­sys­tem wei­ter. Man kann wie­der Arbei­ten schrei­ben, Noten ver­läss­lich geben (aber vie­le schö­ne Din­ge, die Schu­le aus­ma­chen fal­len auch im aller­bes­ten Fall weg …)“.

Was geschieht aber, wenn es so wei­ter­geht wie vor den Som­mer­fe­ri­en? Schu­le ist dann der ver­meint­li­chen rechts­si­che­ren Mög­lich­keit beraubt, Noten zu geben. Die Orga­ni­sa­ti­on von Prü­fun­gen wird kom­plex. Wie in der Fleisch­in­dus­trie: Man kann zu Noten und Bewer­tun­gen ste­hen, wie man möch­te: Der Weg­fall bzw. die Ein­schrän­kun­gen machen etwas mit Men­schen.

Ich glau­be, es wird einen hohen Bedarf an Lösun­gen für die­ses Dilem­ma geben. Und es wird zuneh­mend Kolleg:innen geben, die Angst haben, weil sie gewohn­ter Arbeits­ab­läu­fe und Sicher­hei­ten beraubt sind, sich in ihren Struk­tu­ren(!) umstel­len müs­sen.

Als digi­ta­ler Kämp­fer habe ich mir lan­ge Zeit immer gedacht: Du musst nie­man­den ändern. Wer sich nicht ändert, wird von den Umstän­den des Kul­tur­wan­dels geän­dert. Aber ich habe dabei nicht an Coro­na gedacht, son­dern eher an zivil­ge­sell­schaft­li­che Impul­se.

Im Twit­ter­leh­rer­zim­mer scheint immer alles so ein­fach und manch­mal schwarz und weiß. „Die Kri­se bie­tet Chan­cen der Schul­ent­wick­lung“ ist z.B. ein gän­gi­ger Satz. Objek­tiv ist das auch so. Aber die Welt funk­tio­niert so nicht. Nicht sach­lich, son­dern bald viel­leicht wesent­lich emo­tio­na­ler als uns lieb ist. Frank­furt, Opern­platz.

Schu­le wird auch nicht zurück­fal­len in alte Struk­tu­ren – zumin­dest bis zur Ent­wick­lung eines wirk­sa­men Impf­stoffs. Es wird wie­der und wie­der zumin­dest loka­le Impacts geben. Es ist nicht sicher, ob ich mei­ne Klas­sen­ar­beit schrei­ben kann. Die­ser Unsi­cher­heit kann man mit agi­lem Han­deln und Den­ken natür­lich begeg­nen, aber nicht ohne vor­he­ri­ge per­so­na­le Ent­wick­lungs­pro­zes­se. Schu­le an sich ist dafür nicht gebaut. Zudem ist das für Lehr­kräf­te noch­mal deut­lich leich­ter als für Schul­lei­tun­gen, die deut­lich mehr sys­te­mi­sche „Gegen­über“ haben (Eltern, Schul­be­hör­de, Lokal­po­li­tik, Gesund­heits­amt, Lehr­kräf­te, Schüler:innen, Gre­mi­en).

Ich grüb­le daher an Fort­bil­dun­gen mit ande­ren Inhal­ten her­um. FoBis zu alter­na­ti­ve Auf­ga­ben­for­ma­ten lau­fen mir regel­mä­ßig voll. Ich habe nie eine Fort­bil­dung 2x gege­ben – das war mir immer zu lang­wei­lig. Das wer­de ich ver­än­dern müs­sen.

Es wird m.E. drin­gend Fort­bil­dun­gen zum The­ma Bewer­tung und Beno­tung beim Distanz­ler­nen geben müs­sen. Nicht, weil das inhalt­lich so erstre­bens­wert ist, son­dern um viel­leicht auch läh­men­de Ängs­te bei man­chen Lehr­kräf­ten zu mil­dern. Angst ist das, was wir zur­zeit am wenigs­ten brau­chen kön­nen.

Ich mer­ke, dass ich den Fokus von Bera­tung mehr und mehr weg hin zu: „Ihr macht das am bes­ten jetzt so und so aus den und den Grün­den!“ ver­schie­be. Die Zeit des krea­ti­ven Ent­wi­ckelns kann wie­der in der Zeit der stei­gen­den Sicher­heit kom­men. Es gibt Kolleg:innen, die sowas hier weder hören noch lesen wol­len und auch durch­aus öffent­lich sehr sau­er reagie­ren.

Für Nie­der­sach­sen wird der August ein Schei­de­punkt. Nord­rhein-West­fa­len und Hes­sen „erpro­ben“ für uns, wie das mit dem Kohor­ten­sys­tem funk­tio­niert. Zumin­dest ist klar, dass wir in der letz­ten Feri­en­wo­che deut­lich mehr wis­sen wer­den als zu Beginn der Kri­se.

Sor­gen machen mir die gesell­schaft­li­chen Lang­zeit­aus­wir­kun­gen der Kri­se. Wirt­schaft­lich und Psy­cho­lo­gisch. In unser aller Umfeld wird es Betrof­fe­ne geben.

 

 

 

Von uns Gralshütern – oder wie Beratung in sozialen Medien scheitern muss

Es gibt auf Twit­ter bestimm­te Plots, die immer wie­der ablau­fen:

  1. Jemand gibt bekannt, das er/sie eine Klas­se mit Gerä­ten neu über­nimmt und fragt nach Pro­gram­men, Tipps und Res­sour­cen
  2. Das wird dann kom­men­tiert mit Hin­wei­sen wie: „Aber so oder so muss das doch schei­tern, es gibt ja kein Kon­zept!“
  3. Dann schal­ten sich Twit­ter­au­to­ri­tä­ten ein und ver­wei­sen auf Theo­rie­ar­ti­kel und beschrei­ben, inwie­fern die­se oder jene Vor­ge­hens­wei­se alte Struk­tu­ren zemen­tie­ren wür­de.
  4. Viel­leicht erbarmt sich noch irgend­wer und gibt eine lösungs­ori­en­tier­te Ant­wort.

Ich habe mich oft genug in den Schrit­ten 2–3 ein­ge­schal­tet und in Kon­zept- und Visi­ons­blind­heit dabei flei­ßig mit­ge­macht.

Ich habe mitt­ler­wei­le Fra­gen zu sol­chen Abläu­fen, die oft genug fast schon reflex­haft sind:

  1. Für vie­le Lehr­kräf­te ist es eine Über­win­dung, sich in sozia­len Netz­wer­ken anzu­mel­den. Meist hören sie dann zunächst nur still mit.
  2. Für vie­le Lehr­kräf­te ist es eine Über­win­dung, sich zu trau­en eine Fra­ge zu stel­len, die im Kern eigent­lich auf ihr eige­nes Unwis­sen zurück­ver­weist. Sie ver­trau­en impli­zit – in Unkennt­nis der Dyna­mi­ken auf Social­me­dia dar­auf, dass nur Men­schen reagie­ren, die lösungs­ori­en­tiert agie­ren. Sie bekom­men aber Meta­ana­ly­sen, die sie und ihr Han­deln infra­ge stel­len.
  3. Vie­le Lehr­kräf­te befin­den sich hin­sicht­lich ihrer Ent­wick­lung in Bezug auf den Ein­satz digi­ta­ler Gerä­te oder gar im Hin­blick auf eine ver­än­der­te Schul­kul­tur ganz am Anfang.

Das Ziel von uns Medi­en­fuz­zi­es ist ja irgend­wie, einen Rah­men zu schaf­fen Kom­pe­ten­zen inner­halb der Leh­rer­schaft zu ent­wi­ckeln. Indem auch ich mich lan­ge Zeit so ver­hal­ten habe, habe ich die­ses Ziel oft genug aus den Augen ver­lo­ren. „Pap­per­la­papp – wer sich öffent­lich so äußert, muss sich mit sach­li­cher Kri­tik aus­ein­an­der­set­zen!“ Vor einer Grup­pe öffent­lich in die­sem Real­li­fe wie sach­lich auch immer kri­ti­siert zu wer­den, ist schon nicht leicht – man braucht gute Reframing-Tech­ni­ken, um nicht auf die per­sön­li­che Ebe­ne zu rut­schen. In der völ­lig schutz­lo­sen Social­me­dia-Öffent­lich­keit ist das bestimmt noch viel schwie­ri­ger.

Daher ent­glei­sen Dis­kur­se: „Du stellst mich infra­ge, das muss ich mir hier nicht bie­ten las­sen!“ vs. „Sach­li­cher Kri­tik muss man sach­lich begeg­nen, das gehört zum Erwach­sen­sein!“. Hin­ter­her sind bei­de muksch – wie man hier im Nor­den sagt und gewon­nen ist auch so ziem­lich gar nichts – denn: Die „sach­li­chen Grals­hü­ter“ wer­den ledig­lich in „Son­derbla­sen“ iso­liert, igno­riert, ent­folgt. Und das in einem Umfeld, das an sich schon eine win­zi­ge Bla­se in der Leh­rer­schaft ist. Ins­be­son­de­re der Ver­hält­nis zwi­schen Schu­le und uni­ver­si­tä­rer Didak­tik ist mei­ner Auf­fas­sung nach ein Mus­ter­bei­spiel für die­se Art von struk­tu­rel­ler Ver­här­tung. Ein guter Kon­takt zur Infor­ma­tik­di­dak­tik in Olden­burg hat mich gelehrt, dass es ganz anders gehen kann.

Ich mag Theo­rie sehr, sehr ger­ne und ich fin­de Kri­tik wich­tig. Aber Sach­lich­keit ist ledig­lich ein not­wen­di­ges Kri­te­ri­um von Kri­tik und kein hin­rei­chen­des. Ich möch­te zukünf­tig mehr aner­ken­nen, dass es bei mei­ner Ent­wick­lung Pha­sen der unre­flek­tier­ten Tech­ni­k­nut­zung gab und gibt. Und die­se Pha­sen sind auch wich­tig! Ent­schei­dend waren für mei­ne Ent­wick­lung per­sön­li­che Begeg­nun­gen und Rah­men­be­din­gun­gen, in denen Kri­tik mich auch errei­chen konn­te. Social­me­dia ist dafür über­haupt kein guter Rah­men. „Mis­sio­nie­ren“ kann man anders­wo impli­zit viel bes­ser. Und das soll­te man mei­ner Mei­nung nach ger­ne tun.

Gera­de Twit­ter führt oft genug in Ver­su­chung, eine Per­son auf Basis einer ein­zi­gen Äuße­rung zu bewer­ten. Das ist mir selbst auch schon pas­siert. Sys­te­misch ist das kom­plett falsch und es kann nicht auch nur zu irgend­was füh­ren.

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