Herzensprojekt: medienbildungskonzept.de ist online …

Ich habe ein Teil des­sen, was ich über die Bera­tun­gen zum Digi­tal­pakt über die letz­ten 6–7 Jah­re gelernt habe, in einem Wiki zusam­men­ge­schrie­ben. Mei­ne ordi­nä­re Leis­tung dabei ist das reflek­tier­te Schrei­ben: Die Erfah­run­gen stam­men nicht allein von mir und selbst gehan­delt habe ich dabei auch oft nicht, son­dern sehr oft nur dane­ben gestan­den und beobachtet.

Die Inhal­te hat­te ich auch Ver­la­gen ange­bo­ten, aber durch­weg wur­de „kein Markt“ und „kei­ne Ziel­grup­pe“ dafür gese­hen. Das stimmt ja auch: Außer Medienberater:innen kön­nen – objek­tiv betrach­tet – im Prin­zip wohl nur sehr weni­ge Men­schen etwas damit anfan­gen – kei­ne sehr gro­ße Ziel­grup­pe also.

Wenn, dann müs­se ich die­ses oder jenes strei­chen oder das und das eher für eine spe­zi­fi­sche Ziel­grup­pe zuschnei­den. Das woll­te ich nicht. Das wür­de den Ein­druck erwe­cken, als kön­ne man die Trans­for­ma­ti­on von Schu­le für die Digi­ta­li­tät ein­fach in Arbeits­pa­ke­te zer­le­gen und dann wird schon alles gut, wenn jeder sei­nen Kram macht: Die Didak­ti­ker schrei­ben schlaue Tex­te in Fach­ver­la­gen, die Lehr­kräf­te neh­men das end­lich mal wahr und set­zen das end­lich mal um, die Trä­ger schaf­fen end­lich mal Hard­ware über den Digi­tal­pakt an und war­ten die­se end­lich mal, die Schu­len erfin­den end­lich mal ihren Unter­richt neu, die Ver­la­ge lie­fern end­lich mal das Mate­ri­al und die Poli­tik schafft end­lich mal irgend­wel­che Rahmenbedingungen.

Mei­ne Erfah­rung der letz­ten Jah­re ist, dass das so nicht klappt, weil da The­ma ins­ge­samt viel kom­ple­xer ist und die ein­zel­nen Akteu­re viel­fäl­tig von­ein­an­der abhän­gen, so dass Kom­mu­ni­ka­ti­on und ver­netz­tes Arbei­ten die eigent­li­chen Schlüs­sel sind. Auch die Fähig­keit, die Per­spek­ti­ve des Gegen­übers ein­zu­neh­men, ist dafür unab­ding­bar. Das Gan­ze lässt sich mit Tot­holz schlicht nicht abbil­den, mit Hyper­tex­ten schon eher – und es ist noch immer alles irgend­wie chao­tisch. Da bin ich ein alter Stie­sel und unbe­lehr­bar. Außer­dem ver­liert man bei einer Ver­öf­fent­li­chung über Ver­la­ge so ziem­lich alle Ver­wer­tungs­rech­te für ein paar läp­pi­sche Tan­tie­men und sehr viel Arbeit.

Es sind im Netz auch digi­ta­le Vor­den­ker unter­wegs, die das Ende der Guten­berg-Ära beschwö­ren und Schu­le im Wür­ge­griff einer über­hol­ten Buch­kul­tur sehen. Die­se Vor­den­ker schrei­ben nun Bücher und publi­zie­ren ihre Ideen auf Papier oder PDF (also struk­tu­rel­lem Papier) – eine Form die für mich im kras­sen Wider­spruch zu allem steht, was sie sonst als Kul­tur der Digi­ta­li­tät for­mu­lie­ren. Natür­lich kann und muss man her­vor­he­ben, dass auf die­se Wei­se Men­schen ohne aus­ge­präg­te Netz­af­fi­ni­tät erreicht werden.

Manch­mal muss ich mir auch anhö­ren, dass vor allem Wis­sen­schaft halt so funk­tio­niert und allein die Kri­tik an die­ser offen­bar gott­ge­ge­be­nen Publi­ka­ti­ons- und Repu­ta­ti­ons­struk­tur schon laten­te Wis­sen­schafts­feind­lich­keit impli­ziert. Gleich­zei­tig muss sich das Schul­sys­tem aus die­sen Rei­hen auch so eini­ges anhö­ren – was aber kei­nes­falls abwer­tend oder gar „feind­lich“ sein soll – son­dern eben struk­tu­rel­le, kon­struk­ti­ve Kritik.

Mir scheint es aber zumin­dest gele­gent­lich auch dar­um zu gehen, die Repu­ta­ti­ons­me­cha­nis­men einer Kul­tur zu nut­zen, die man in ande­ren Kon­tex­ten als über­holt bezeich­net. Die­sen Wider­spruch bekom­me ich für mich nicht auf­ge­löst und habe mich daher schluss­end­lich zumin­dest für eine Form ent­schie­den, die die Orga­ni­sa­ti­on der Inhal­te als ler­nen­den Text ermög­licht – zunächst aller­dings nur für mich selbst, aber wer weiß: Viel­leicht arbei­ten ja irgend­wann auch ande­re an den Tex­ten mit. Tech­nisch und lizenz­recht­lich mög­lich ist das ja ohne weiteres.

Viel­leicht ist das alles aber auch so in die­ser Form total sinnlos.

Aber auch dann hat es mir gehol­fen, sehr vie­les für mich klar zu bekom­men. Was ich ein­mal geschrie­ben und selbst for­mu­liert habe, wird mir zu eigen. Das ist im Prin­zip das Glei­che mit die­sem Blog hier. Mal schau­en, ob und was draus wird.

 

 

Weihnachten und Nerdkram

Herumgetracke

Es sind ein­deu­tig Weih­nachts­fe­ri­en – wären das gan­ze Essen und die ruhi­ge Zeit mit der Fami­lie nicht, sähe man es ein den Zugriffs­zah­len im Blog, die ich mit Matomo tra­cken las­se. Tra­di­tio­nell sind Frei­ta­ge immer die schwächs­ten Besuchs­ta­ge. Für den Traf­fic auf riecken.de sind sozia­le Netz­wer­ke recht irrele­vant – das meis­te kommt tat­säch­lich über Goog­le. Matomo kürzt beim Tracking die IP-Adres­sen auf ein erträg­li­ches Maß und wird von mir selbst gehos­tet, so dass anders wie bei Goo­g­le­Ana­ly­tics oder dem stan­dard­mä­ßig bei wordpress.com akti­vem Jet­pack kei­ne Benut­zer­da­ten an Drit­te flie­ßen – lei­der geschieht das hier im Blog zur­zeit indi­rekt in wesent­lich begrenz­te­rem Umfang doch, weil z.B. trotz ent­spre­chen­der Plugins immer noch Goog­le­Fonts nach­ge­la­den wer­den und ich aktu­ell eine Goog­le-Prä­sen­ta­ti­on hier ein­ge­bun­den habe. Da muss ich noch­mal bei … IFrames sind doch böse, PDF-Expor­te dann deut­lich besser.

IPv6

Matomo zeigt auch, dass der Anteil an IPv6-Traf­fic erheb­lich ist und stark ansteigt. Das war der Anlass, genau die­ses The­ma ein­mal für alle mei­ne pri­va­ten Diens­te anzu­ge­hen. riecken.de ist schon seit dem letz­ten Umzug per IPv6 erreich­bar – schwie­rig war das für mei­ne KVM-VSer­ver bei Hetz­ner, weil die Anlei­tung aus deren Wiki so nicht pass­te – aber mit etwa Hil­fe aus dem Forum hat es jetzt end­lich geklappt:

 

Host (VMs hän­gen an br0):

 

iface eth0 inet6 static

address aaaa:bbbb:cccc:dddd::2

 

net­mask 128

 

gate­way fe80::1

 

up sysctl ‑p

 

 

iface br0 inet6 static

address aaaa:bbbb:cccc:dddd::2

 

net­mask 64

 

up ip ‑6 rou­te add aaaa:bbbb:cccc:dddd::/64 dev br0

 

 

Guest:

 

iface ens3 inet6 static

address aaaa:bbbb:cccc:dddd::5

 

net­mask 64

 

gate­way aaaa:bbbb:cccc:dddd::2

 

 

Tools und Dienste

Total begeis­tert bin ich gera­de von kimsufi.com. Mei­ne Daten bewah­re ich eh schon dezen­tral auf, habe dort aber zusätz­lich einen gan­zen Ser­ver für 10,- Euro schie­ßen kön­nen, der 2TB Spei­cher für ruhi­ge Näch­te bereit­stellt – immer­hin 2GB RAM, aber natür­lich ein betag­ter, aber 2011 sehr ange­sag­ter Atom N2800 als CPU. Es ist im Prin­zip OVH – man kann da nicht so viel erwar­ten wie bei Hetz­ner oder Net­cup. Bei einer IPv4- und einer IPv6-Adres­se ist Schluss – also kei­ne Vir­tua­li­sie­rung bzw. nur mit viel Getun­nel und Rum­ge­rou­te. Aber als zusätz­li­cher Teil mei­ner tech­ni­schen Infra­struk­tur abso­lut top.

In die­sem Jahr bin ich von selbst auf­ge­setz­ten Set­ups zu ISPCon­fig gewech­selt. Es tut, was es soll und auto­ma­ti­siert eine gan­ze Men­ge sonst läs­ti­gem Gedöns (z.B. Mail- oder DNS-Ser­ver­kon­fi­gu­ra­ti­on) ohne dabei über­aus tief ins Sys­tem ein­zu­grei­fen – und es ist sehr leicht zu installieren …

Vie­les pen­delt sich in dienst­li­chem Umfeld auf IServ, Next­cloud mit Only­Of­fice und Doku­Wi­ki ein. Sehr inter­es­sant könn­te 2020 noch Crypt­pad wer­den, weil es eine gan­ze Men­ge löst, wenn es dar­um geht, gemein­sam an sen­si­blen Daten wie z.B. För­der­plä­nen zu arbei­ten. Bei Prä­sen­ta­tio­nen hän­ge ich noch an Goog­le Sli­des fest, aller­dings mehr aus Gewohn­heit und der wirk­lich sehr guten Inte­gra­ti­on in die sons­ti­ge Goog­le­welt. Aber da wer­de ich mir 2020 noch­mal Only­Of­fice anschau­en – auch da braucht man nur einen Brow­ser, um prä­sen­tie­ren zu können.

Inhaltliches

Ich baue pas­send zu mei­nen Fort­bil­dungs­an­ge­bo­ten ein Fort­bil­dungs­wi­ki auf. Den Mas­ter­plan dahin­ter hat­te ich schon an ande­rer Stel­le skiz­ziert. Fort­bil­dun­gen zu Tools (IWB & iPad) lau­fen sehr gut, ande­res eher schlep­pend. Im letz­ten Vier­tel­jahr habe ich allei­ne mit mei­nen Ange­bo­ten ca. 125 Lehr­kräf­te hier aus der Regi­on erreicht. Durch­schnitt­lich hat­te ich um die 12 Teil­ge­ben­de je Ver­an­stal­tung – ich gehe nicht mehr in Schu­len zu Kol­le­gi­en, son­dern bie­te über unser Medi­en­zen­trum und bald auch über das regio­na­le Kom­pe­tenz­zen­trum Ver­an­stal­tun­gen an. Mein Ansatz ist nur ein­mal bei der Kon­zep­ti­on auf­wän­dig – danach ent­wi­ckelt sich das orga­nisch durch Teil­ge­ben­den­feed­back wei­ter. Ich bin nicht nur vor Ort aktiv, son­dern auch bei Mul­ti­pli­ka­to­ren wie z.B. Schulentwicklungsberater*innen oder Berater*innen für Unter­richts­qua­li­tät, auf Schul­lei­ter­dienst­be­spre­chun­gen, auf lan­des­wei­ten Tagun­gen. Mein Ein­druck ist aber, dass man zwar bei sol­chen Lamet­tae­vents viel Bewusst­sein schaf­fen kann, aber nichts den inten­si­ven Aus­tausch vor Ort mit den Men­schen ersetzt, die in der kon­kre­ten Umset­zung sind (das sind näm­lich kom­plett lamet­t­afreie Zonen). Hät­te ich die Wahl, zwi­schen z.B. einem Event wie der #molol oder der Mög­lich­keit, einen Tag inten­siv mit 15 Lehr­kräf­ten aus mei­nem Land­kreis zu arbei­ten, wäre die Ent­schei­dung für mich sehr leicht.

Anfang des Jah­res wird mein bis­her stief­müt­ter­lich behan­del­tes Pro­jekt https://www.medienbildungskonzept.de einen Relaunch auf einer ande­ren, bes­ser goog­le­les­ba­ren Basis bekom­men – viel­leicht knal­le ich da sogar noch Adwords drauf. E‑Book und Print­ver­si­on BoD eines Mach­werks sind schon zu ca. 90% fer­tig. Ver­la­ge sehen bei Büchern zum The­ma „Digi­ta­li­sie­rung und Schu­le“ (Medi­en­ent­wick­lungs­pla­nung & Medi­en­bil­dungs­kon­zep­te) kei­nen Markt. Mich reizt sowas immer zu: „Das wol­len wir doch mal sehen!“. Ich sehe vie­le Pla­nungs­hil­fen und Unter­richts­bei­spie­le zu die­sem The­ma bei Lan­des­in­sti­tu­ten, glau­be aber, dass da nicht das Haupt­pro­blem lie­gen wird – im Lau­fe der nächs­ten Wochen dazu mehr.

Ach ja: Infor­ma­tik und Tech­nik in der Grund­schu­le muss auch noch bespaßt und in sei­nen Erkennt­nis­sen in ein Fol­ge­pro­jekt für Sekun­dar­schu­len über­führt wer­den. Das wird sehr spannend.

 

Und sie waren tatsächlich da …

chemie4kids-pixeled

Von dem Bild bekommt man einen guten Ein­druck von dem Besuch der Kin­der­gar­ten­kin­der bei uns im Che­mie­kurs (rei­ner Abde­cke­r­er­gän­zungs­kurs, kein Cur­ri­cu­lum). Das Bild ist übri­gens mit einer GOPRO-Action­ka­me­ra gemacht (sowas hält unser Medi­en­zen­trum für die akti­ve Medi­en­ar­beit in der Schu­le bereit).  Mein Kurs hat selbst Expe­ri­men­te für Kin­der erar­bei­tet – dabei stand im Mit­tel­punkt, dass es nicht um die lei­der immer mehr didak­ti­schen Raum ein­neh­men­de Phä­no­me­no­lo­gie gehen soll, son­dern um Deu­tun­gen, die für Kin­der ver­steh­bar sind.

Adhä­si­on bei der Chro­ma­to­gra­phie kann man z.B. modell­haft durch Kin­der erklä­ren, die von ande­ren Kin­der gescho­ben wer­den – mal auf einem Bein ste­hend, mal auf zwei Bei­nen ste­hend. Das Lauf­mit­tel (das schie­ben­de Kind) kann das Farb­stoff­teil­chen (das gescho­be­nen Kind) unter­schied­lich gut bewe­gen. In sol­chen ver­meint­li­chen Details steckt sehr viel Denk­ar­beit (nicht mei­ne!): Die Erklä­rung ist nicht über die Maßen sim­pli­fi­ziert, ermög­lich aber trotz­dem eine in Grund­zü­gen kor­rek­te Vor­stel­lung von einem Teil­be­reich der sich tat­säch­lich abspie­len­den Vorgänge.

Neben der Schul­lei­te­rin waren auch Ver­tre­ter der ört­li­chen Lokal­zei­tun­gen zeit­wei­se anwe­send – die Inter­views haben natür­lich die Schü­le­rin­nen und Schü­ler selbst gege­ben. Die resul­tie­ren­den Arti­kel in den Zei­tun­gen haben mir bei­de sehr gut gefal­len. Für mich ist die­se „Ver­mark­tung“ rela­ti­ves Neu­land – die Akti­on selbst ist ja schon ein Remake. Den Schü­le­rin­nen und Schü­lern war die Öffent­lich­keit aber gar nicht so wich­tig – zumin­dest hat das unse­re klei­ne Eva­lua­ti­on hin­ter­her erge­ben. Die Atmo­sphä­re wäh­rend der Ver­an­stal­tung war so, dass fast alle Erwach­se­nen, die von außen kamen, lan­ge geblie­ben sind – es gab unglaub­lich viel zu schau­en, zu hören und zu erle­ben, z.B. sehr fokus­sier­te und gespann­te Kinder.

Ein Segen ist, dass ich Teil­neh­men­de aus der Video-AG mit in mei­nem Kurs sit­zen habe, die gemein­sam mit zusätz­lich frei­ge­stell­ten Schü­le­rin­nen die Doku­men­ta­ti­on über­nom­men habe. Ver­ti­kal­fahrt? GOPRO auf der Krei­de­ab­la­ge der Pylo­nen­ta­fel. Hori­zon­tal­fahrt? GOPRO auf fahr­ba­rem Over­head­pro­jek­tor (zu etwas müs­sen sie ja gut sein). Wack­ler? „Die GOPRO macht 4K – das kann man genau wie die opti­sche Ver­zer­rung durch den extre­men Weit­win­kel her­aus­rech­nen, Herr Riecken!“

Und wie geht es wei­ter? Zunächst habe ich fast sowas wie einen didak­ti­schen Kaper­brief bekom­men. Das Niveau von vie­len Erklär­vi­de­os (auch kom­mer­zi­el­len) gefällt mei­nen Schü­le­rin­nen und Schü­lern nicht. „Nä, das ist tech­nisch nicht gut gemacht, Herr Riecken!“ „Die Idee ist ja schon nett, aber die dra­ma­tur­gi­sche Umset­zung … !“ Und ich: „Fach­lich stimmt da und da aber etwas nicht!“. Der Kurs hat beschlos­sen, das bes­ser zu kön­nen. Nun denn. Ein neu­es Pro­jekt in einem neu­en Halb­jahr, dies­mal akti­ve Medi­en­ar­beit gepaart mit erhöh­tem fach­li­chen Anspruch. Ich weiß noch nicht ganz genau, wie ich das ange­he. Ich könn­te mir gut vor­stel­len, z.B. im Bereich der Koh­len­hy­dra­te – das eig­net sich sehr gut für Erklär­vi­de­os – zunächst in einen Input­pha­se zu gehen, um inhalt­li­che Ori­en­tie­rung zu schaf­fen, um dann dies­mal die SuS eige­ne Pro­jekt­pla­nun­gen (Zeit­ras­ter, Mile­stones) ent­wi­ckeln zu las­sen. Aber das wird noch bis zum neu­en Jahr reifen.

Projekt mit dem Waldkindergarten (reloaded)

Ich habe in die­sem Jahr wie­der einen poly­va­len­ten Che­mie­kurs. Das ist ein etwas selt­sa­mes Kon­strukt: Pri­mär geht es um Che­mie, jedoch sol­len auch Inhal­te ande­rer Natur­wis­sen­schaf­ten ein­flie­ßen und es darf nichts aus dem Ober­stu­fen­cur­ri­cu­lum Che­mie behan­delt wer­den. Über­haupt ist die­ser Kurs eine kom­plett cur­ri­cul­ums­freie Lehr­kraf­ter­ho­lungs­zo­ne. Er dient ledig­lich dazu, dass SuS, die bestimm­te Ober­stu­fen­pro­fi­le gewählt haben, ihre Bele­gungs­pflich­ten für das Abitur erfül­len kön­nen – wir sagen dazu „Abde­cker­kurs“. Gleich­wohl sind Noten zu erteilen.

Ich habe den SuS vier Inhal­te ange­bo­ten, u.a. eine Wie­der­be­le­bung mei­nes alten Wald­kin­der­gar­ten­pro­jek­tes, wel­ches kon­kur­renz­los von allen prä­fe­riert wurde.

Da ich mit dem Ablauf damals nicht so ganz zufrie­den war, las­se ich in die­sem Jahr eini­ge Ele­men­te aus dem klas­si­schen Pro­jekt­ma­nage­ment und mei­ne Erfah­run­gen mit Wikis aus dem letz­ten Jahr mit ein­flie­ßen, aber nicht zu viel, um die Trans­ak­ti­ons­kos­ten mög­lichst erträg­lich zu hal­ten – so gebe ich z.B. den ange­speck­ten Pro­jekt­ab­lauf­plan weit­ge­hend vor.

Das sieht dann so aus:

Wochen­tag Dop­pel­stun­de Inhalt
Frei­tag 1 Expe­ri­ment­aus­wahl, Projektaufräge
Frei­tag 2 M1: Pro­jekt­auf­trä­ge vor­stel­len, Mate­ri­al- und Gerä­te­lis­te erstellen
Mitt­woch 3 Expe­ri­ment selbst durch­füh­ren, ggf. optimieren
Frei­tag 4 Fei­er­tag
Frei­tag 5 Expe­ri­ment selbst durch­füh­ren, ggf. optimieren
Mitt­woch 6 Beschrei­bung zum Ver­suchs­auf­bau erstellen
Frei­tag 7 Beschrei­bung zum Ver­suchs­auf­bau erstellen
Frei­tag 8 M2: Abga­be Beschrei­bung zum Versuchsaufbau
Mitt­woch 9 Prä­sen­ta­ti­on für den Kurs Grup­pe A
Frei­tag 10 Prä­sen­ta­ti­on für den Kurs Grup­pe B
Frei­tag 11 Prä­sen­ta­ti­on für den Kurs Grup­pe C
Frei­tag 12 Opti­mie­rung und Bezü­ge zu ande­ren Experimenten
Mitt­woch 13 Opti­mie­rung und Bezü­ge zu ande­ren Experimenten
Frei­tag 14 M3: Wald­kin­der­gar­ten­be­such
Frei­tag 15 Aus­wer­tung und Feedback
Mitt­woch 16 Über­ar­bei­tung Beschreibungen
Frei­tag 17 Über­ar­bei­tung, weih­nacht­li­cher Abschluss
Mitt­woch 18
Frei­tag 19
Mitt­woch 20
Frei­tag 21
Frei­tag 22
Mitt­woch 23

 

Zwei Dop­pel­stun­den hat­ten wir schon (nor­ma­ler­wei­se steht da ein Datum). Wer noch nie einen Pro­jekt­auf­trag gese­hen hat, fin­det hier eine Vor­la­ge. In Fett­druck sind die Mei­len­stei­ne bezeich­net – die­se geben mehr oder weni­ger vor, bis zu wel­chen Zeit­punkt ein Zwi­schen­ziel erreicht sein muss. Ein Pro­jekt­auf­trag ist eine gute Grund­la­ge, um sich dar­über klar zu wer­den, was man über­haupt mit einem Pro­jekt errei­chen möch­te. Vor allem die Pro­jekt­ri­si­ken sind dabei für mich von beson­de­rem Inter­es­se – mög­li­che Risi­ken sind z.B.:

  • Moti­va­ti­ons­ver­lust
  • Unter­schied­li­ches Enga­ge­ment in der Kleingruppe
  • fach­li­che Überforderung
  • […]

Man kann dann im Vor­we­ge dar­über reden, wie man den Risi­ken begeg­net (die SuS haben viel Erfah­rung mit gelun­ge­nen und weni­ger gelun­ge­nen Gruppenarbeitsprozessen).

Die in der ers­ten Pha­se zen­tra­le Beschrei­bung des Ver­su­ches besitzt fol­gen­de Struktur:

  • Grup­pen­mit­glie­der
  • Pro­jekt­auf­trag (Ver­lin­kung auf Datei)
  • Benö­tig­te Geräte
  • Benö­tig­te Chemikalien
  • Durch­füh­rung
  • Doku­men­ta­ti­on der eige­nen Durchführung
  • Theo­re­ti­scher Hin­ter­grund (gym­na­si­al)
  • War­um ist das Expe­ri­ment für Kin­der geeignet?
  • Kind­ge­rech­te Erklärung
  • Was kann das Kind bei dem Expe­ri­ment über Che­mie lernen?

Es wird im Unter­richt immer ein fes­tes Ritu­al in Form eines Ple­nums geben, in dem die Grup­pen fol­gen­de Aspek­te berichten:

  1. Was haben wir heu­te erreicht?
  2. Wel­che Pro­ble­me gab es dabei?
  3. Was ist in nächs­ten Zeit zu erledigen?

In der Prä­sen­ta­ti­ons­pha­se schlüpft das Ple­num in die Rol­le von Kin­der­gar­ten­kin­dern und Beob­ach­tern, wäh­rend jeweils ein Expe­ri­ment tat­säch­lich durch­ge­führt wird. Dabei tau­chen erfah­rungs­ge­mäß Pro­ble­me auf, an die auch ich vor­her nicht gedacht hät­te – vor allem auch Koope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten zwi­schen Gruppen.

Nach dem Besuch der Kin­der erfolgt eine letz­te Refle­xi­on, die fol­gen­de Ele­men­te umfasst:

  • Rück­mel­dung der Kin­der (muss auch vor­be­rei­tet werden)
  • Rück­mel­dung der Kurs­teil­ge­ben­den an mich und mei­nen Unterrichtsstil
  • Über­le­gun­gen zur Wei­ter­ar­beit, z.B. mit Grundschulkindern

Gesam­melt und erle­digt wer­den alle Arbeits­schrit­te in einem nicht­öf­fent­li­chen Doku­Wi­ki. Uns ste­hen in der Che­mie acht Lap­tops für die ernst­haf­te Arbeit und eini­ge Nexus7-Tablets für Recher­che und Zuar­beit zur Ver­fü­gung. Natür­lich gibt es LAN- und WLAN-Ver­sor­gung, sodass auf Tot­holz weit­ge­hend ver­zich­tet wer­den kann.

 

 

 

Selbständigkeit und Alleinelassen

Ihr sucht euch jetzt ein­mal ein The­ma, wel­ches euch inter­es­siert und macht dar­aus ein Pro­jekt!“ „Ich gebe euch für eure Pro­jekt­grup­pe einen Punk­te­pool und ihr ent­schei­det in der Grup­pe selbst, wie vie­le Punk­te jeder von euch erhält!“ „Du bekommst als Schu­le ein Bud­get, aus dem du zuerst Fahrt­kos­ten und Fort­bil­dungs­kos­ten finan­zie­ren musst. Den Rest darfst du für ande­re Din­ge ein­set­zen!“ „Jede Schu­le muss selbst eige­ne Ver­fah­rens­be­schrei­bun­gen und Nut­zer­ord­nun­gen zum Daten­schutz erar­bei­ten!“ „Dei­ne schu­li­sche Arbeit sam­melst du in einem Port­fo­lio und über­prüfst lau­fend selbst, wel­che Kom­pe­tenz­be­rei­che du bereits abge­deckt hast!“ „Du hast von mir ein Han­dy bekom­men. Jetzt gehe mal ver­ant­wor­tungs­voll damit um!“ „Regen ist kein Grund, dass ich dich zur Schu­le fah­re!“ „Erar­bei­te mal selbst, was für Gerä­te in dei­nem Schul­netz­werk benö­tigt werden!“

Die­se Lis­te lie­ße sich belie­big fort­set­zen. Ich glau­be, dass sie ein päd­ago­gi­sches Grund­pro­blem beschreibt. Bei mir ist das so stark im Fokus, weil ich damit her­um­ex­pe­ri­men­tie­re, mei­nen Unter­richt ein wenig mehr zu öff­nen und damit so mei­ne Erfah­run­gen gemacht habe. Befür­wor­ter des offe­nen Unter­richt gehen nach mei­ner Mei­nung von einem ganz bestimm­ten Men­schen­bild aus, was mehr oder weni­ger stark aus Arti­keln und SoMe-Posts her­aus­schim­mert. Kern­punk­te die­ses Men­schen­bil­des sind:

  • Men­schen wol­len lernen
  • Men­schen wol­len hin­sicht­lich der Aus­wahl des Lern­stof­fes nicht bevor­mun­det werden
  • Men­schen sind von Natur aus neugierig
  • Men­schen wis­sen selbst am bes­ten, was gut für sie ist
  • Men­schen blü­hen auf, wenn man ihnen Frei­räu­me gibt

Schu­le in Deutsch­land wird dage­gen oft als ein fast kom­ple­men­tä­rer Raum dazu auf­ge­fasst, denn

  • Schu­le macht aus dem Wol­len ein Müssen
  • Schu­le bevor­mun­det hin­sicht­lich der Stoffauswahl
  • Schu­le weckt und beför­dert nicht die Neugier
  • Schu­le maßt sich an zu wis­sen, was für einen guten Staats­bür­ger wich­tig ist
  • Schu­le schafft kei­ne Frei­räu­me, son­dern Zwang
  • Und – fast am wich­tigs­ten: Schu­le macht das posi­ti­ve Men­schen­bild von oben kaputt.

Bei­de Ste­reo­ty­pe erle­be ich nicht so, weder das posi­ti­ve Men­schen­bild, noch die Rigi­di­tät und Enge des Schul­sys­tems. Und das ist nicht böse – halt ein­mal mehr nicht Mainstream.

Ein Bei­spiel aus mei­nem Ardui­no­ex­pe­ri­ment die­ses Jahr in der letz­ten Pha­se („Pro­jekt­pha­se“). Es gibt Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die nicht wis­sen, was sie inhalt­lich inter­es­siert und die man schon bei der Fin­dung die­ser Idee beglei­ten muss. Eini­ge sind sogar froh, wenn ich sage: „Mach’s mal so – so schaffst du das!“. Anders­her­um gibt es groß­ar­ti­ge Ideen, die sich aber mit dem Wis­sen und den Mög­lich­kei­ten des jewei­li­gen Schü­lers gar nicht umset­zen las­sen – wo er ohne Len­kung und Hil­fe in den Wald lie­fe und eben kein Erfolgs­er­leb­nis hät­te. Wo ver­läuft also die Gren­ze zwi­schen Allei­nelas­sen und Selbst­stän­dig­keit? Wahr­schein­lich indi­vi­du­ell und mein Job als Lehr­per­son ist es, die­se Gren­ze zu zie­hen, weil ich ver­dammt noch­mal auf­grund mei­ner Erfah­rung manch­mal eben bes­ser weiß, was klap­pen könnte.

Ein wei­te­res Bei­spiel aus dem Bereich der Pro­jekt­ar­beit: Man gibt der Grup­pe aus fünf Mit­glie­dern 30 Punk­te, die sie dann selbst auf die Grup­pen­mit­glie­der ver­tei­len sol­len, weil die Grup­pe ja am bes­ten weiß, wer sich wie ein­ge­bracht hat. Das ist ver­lo­ckend, weil man so die unan­ge­neh­me Beno­tungs­an­ge­le­gen­heit in die Grup­pe ver­schiebt. Dadurch bleibt die Ange­le­gen­heit nur immer noch unan­ge­nehm (die Bewer­tung steht ja immer­hin im nicht refor­mier­ten Raum „Schu­le“) – nur ich als Lehr­per­son bin aus dem Schnei­der, weil ich den schwar­zen Peter ver­la­ge­re. Mich unbe­liebt zu machen, ist ggf. mein Job. Ich gebe die Note und orga­ni­sie­re die Grup­pen­ar­beit und mich  ggf. so, dass ich das kann. Alles ande­re wäre für mich kei­ne Selbst­stän­dig­keit, son­dern ein Allei­nelas­sen. Tat­säch­lich ist das ziem­lich ein­fach, da ich nach mei­nen bis­he­ri­ge Erfah­run­gen in indi­vi­du­el­len Bera­tungs­si­tua­ti­on bei Pro­jek­ten sehr viel mehr mit­be­kom­me als im sons­ti­gen klas­si­schen Unterricht.

Als Dienst­herr könn­te ich auf die Idee kom­men zu sagen, dass ab jetzt Schu­len in bestimm­ten Berei­chen selbst­stän­dig sind. Hört sich zunächst pri­ma an. Dass damit so Din­ge ein­her­ge­hen, u.U. selbst Arbeits­ver­trä­ge mit Anbie­tern für den Ganz­tags­be­reich aus­ar­bei­ten zu müs­sen, Ver­fah­rens­be­schrei­bun­gen zum Daten­schutz zu erstel­len usw., ist eine ande­re Sei­te der Medail­le. Damit dürf­ten Schu­len schlicht über­for­dert sein, da ihnen dazu die Rechts­ab­tei­lung fehlt, die ein Dienst­herr zwangs­läu­fig hat. Ok – das Know-How kann sich jede Schu­le ja ein­kau­fen – nur ist das effek­tiv, wenn das jede Schu­le ein­zeln macht, und mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln rea­li­sier­bar? Zum Glück käme der Dienst­herr ja gar nicht auf sol­che Ideen.

Mei­ne Hypo­the­se ist, dass so man­che selbst­stän­di­ge Arbeits­form Schü­le­rin­nen und Schü­ler schlicht über­for­dert – allein die Auf­ga­be her­aus­zu­fin­den, was mich – mich ganz allein und per­sön­lich – wirk­lich inter­es­siert, ist schon ein Anspruch. Ande­rer­seits emp­fin­de ich es so, dass wir an ande­re Stel­len Schü­le­rin­nen und Schü­lern Erfah­run­gen an Stel­len neh­men, die sie durch­aus machen dür­fen. Man stirbt z.B. nicht, wenn man in Regen­ja­cke zur Schu­le fährt und man stirbt auch nicht dar­an, ein Fahr­rad mit einem Plat­ten nach Hau­se zu schie­ben. Es ist zumut­bar, Essen vor­ge­setzt zu bekom­men, was nicht Mami gekocht hat.

Wo las­sen wir als Gesell­schaft jun­ge Men­schen allei­ne und wo trau­en wir ihnen Selbst­stän­dig­keit zu?

 

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