Herausforderungen bei der Nutzung von Sprachmodellen im Bildungssystem

Ich habe erst­ma­lig einen für mich sehr wich­ti­gen Text von Jep­pe Klit­gaard Stri­cker aus dem Eng­li­schen mit Hil­fe von https://www.deepl.com auf Deutsch über­setzt. Dabei habe ich nur eini­ge klei­ne­re Ver­än­de­run­gen vor­ge­nom­men. Ich nut­ze den ursprüng­li­chen Lin­ke­dIn-Post  von Jep­pe in mei­nen Grund­satz­vor­trä­gen zu KI (ab Folie 47), in den er in die­sem län­ge­ren Text wei­ter aus­ge­führt hat. Jep­pe ist seit über zwan­zig Jah­ren beruf­lich in der uni­ver­si­tä­ren Bil­dung unter­wegs und kommt aus Dänemark.

Die stille Revolution: Wie KI das Hochschulwesen auf den Kopf stellt

Wir erle­ben der­zeit tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen in der Art und Wei­se, wie Schü­ler und Stu­den­ten den­ken und ler­nen, doch vie­le die­ser Ver­än­de­run­gen wer­den in Bil­dungs­krei­sen nach wie vor kaum the­ma­ti­siert. Wäh­rend sich Debat­ten über KI im Bil­dungs­we­sen oft auf aka­de­mi­sche Inte­gri­tät und Bewer­tungs­me­tho­den kon­zen­trie­ren, fin­den bereits tief­grei­fen­de kogni­ti­ve und ver­hal­tens­be­zo­ge­ne Ver­än­de­run­gen statt. Dar­über müs­sen wir sprechen.
Man soll­te im Blick haben, dass Stu­die­ren­de mög­li­cher­wei­se bereits unbe­wusst die cha­rak­te­ris­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter der KI über­neh­men – eine Form der intel­lek­tu­el­len Spie­ge­lung, die in unge­zwun­ge­nen Gesprä­chen beginnt und sich dann in den aka­de­mi­schen Dis­kurs ein­schleicht. Dabei geht es nicht nur um das Nach­ah­men von Spra­che; viel­mehr han­delt es sich um eine poten­zi­el­le Ver­än­de­rung in der Art und Wei­se, wie Stu­die­ren­de Ideen ver­ar­bei­ten und formulieren.
Noch beun­ru­hi­gen­der ist viel­leicht, dass wir bereits ers­te Anzei­chen des­sen beob­ach­ten, was man als „digi­ta­le Abhän­gig­keits­stö­rung“ bezeich­nen könn­te – Schüler:innen, die ech­te Angst­ge­füh­le ver­spü­ren, wenn gene­ra­ti­ve KI-Tools vor­über­ge­hend nicht ver­füg­bar sind.

Die gesellschaftlichen Kosten

Die­se Abhän­gig­keit steht im Zusam­men­hang mit einem umfas­sen­de­ren Phä­no­men, bei dem sich Stu­die­ren­de zuneh­mend als Fach­ex­per­ten betrach­ten, nur weil gene­ra­ti­ve KI kom­ple­xe Inhal­te auf schein­bar leicht ver­ständ­li­che Wei­se prä­sen­tiert hat.
Die Illu­si­on, durch das Ver­ständ­nis der KI alles zu beherr­schen, droht tra­di­tio­nel­le Ansät­ze des Deep Lear­ning und des kri­ti­schen Den­kens zu unter­gra­ben, wenn wir nicht auf­pas­sen. Wenn gene­ra­ti­ve KI alles auf den ers­ten Blick ver­ständ­lich erschei­nen lässt, wird der ent­schei­den­de Kampf, der ech­tes Ler­nen oft beglei­tet, umgangen.
Die Aus­wir­kun­gen auf das kol­la­bo­ra­ti­ve Ler­nen sind eben­so besorg­nis­er­re­gend. Die Schü­ler begin­nen, die gemein­sa­me Pro­blem­lö­sung im Team zuguns­ten der effi­zi­en­te­ren, aber iso­lier­ten Ansät­ze gene­ra­ti­ver KI auf­zu­ge­ben. Grup­pen-Brain­stor­ming und gegen­sei­ti­ges Ler­nen – seit jeher ent­schei­den­de Kom­po­nen­ten für die Ent­wick­lung sowohl sozia­ler als auch kogni­ti­ver Fähig­kei­ten – wei­chen der Ein­ga­be von Stich­wor­ten sowie der Bera­tung und Unter­stüt­zung durch KI.
Die­ser Wan­del erfor­dert neue Ansät­ze hin­sicht­lich unse­rer Sicht­wei­se auf die sozia­len Aspek­te der Bil­dung, die tra­di­tio­nell Inno­va­ti­on, Krea­ti­vi­tät und emo­tio­na­le Intel­li­genz geför­dert hat.
Am beun­ru­hi­gends­ten ist jedoch viel­leicht die sich abzeich­nen­de Gefahr, dass Schüler:innen kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen der rea­len Welt auf Auf­ga­ben redu­zie­ren, die ledig­lich opti­miert wer­den müs­sen, anstatt sie als Pro­ble­me zu betrach­ten, die mensch­li­ches Nach­den­ken und ein dif­fe­ren­zier­tes Ver­ständ­nis erfordern.
Wenn Schü­ler begin­nen, die Rea­li­tät durch die Bril­le der Promp­ting-Tech­nik zu betrach­ten, besteht die Gefahr einer grund­le­gen­den Ver­än­de­rung in der Art und Wei­se, wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen an die Pro­blem­lö­sung herangehen.
Dies wirft auch Fra­gen hin­sicht­lich des Ver­trau­ens in Wis­sen auf. Da KI-Sys­te­me zuneh­mend kon­sis­tent klin­gen­de Ant­wor­ten lie­fern, könn­ten Schü­ler anfan­gen, an mensch­li­cher Fach­kom­pe­tenz zu zwei­feln, ins­be­son­de­re wenn die­se im Wider­spruch zu den Ergeb­nis­sen der KI steht.
Der Druck, mit der schein­bar makel­lo­sen Leis­tung der KI mit­hal­ten zu müs­sen, könn­te eine neue Form des Per­fek­tio­nis­mus begüns­ti­gen, die Krea­ti­vi­tät und Risi­ko­be­reit­schaft hemmt. Ganz zu schwei­gen von den Pro­ble­men, die dies hin­sicht­lich der fach­li­chen Auto­ri­tät im Klas­sen­zim­mer und dar­über hin­aus mit sich bringt.

Die Köpfe von morgen formen

Die­se Ver­än­de­run­gen bedeu­ten sicher­lich mehr als nur eine Umstel­lung der päd­ago­gi­schen Metho­den – sie deu­ten auf eine grund­le­gen­de Neu­ge­stal­tung der Art und Wei­se hin, wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen den­ken, ler­nen und Pro­ble­me lösen wer­den. Die eigent­li­che Umwäl­zung liegt nicht dar­in, wie wir unter­rich­ten, son­dern dar­in, wie der Geist unse­rer Schü­ler durch die stän­di­ge Inter­ak­ti­on mit künst­li­cher Intel­li­genz neu geprägt wird.
Tra­di­tio­nel­le Bil­dungs­hier­ar­chien gera­ten ins Wan­ken, da Stu­die­ren­de zuneh­mend auf KI zurück­grei­fen, um Ant­wor­ten zu fin­den, bevor sie ihre Pro­fes­so­ren oder Kom­mi­li­to­nen um Rat fra­gen. Die­ser Wan­del wirkt sich nicht nur auf die Dyna­mik im Unter­richt aus. Er ver­än­dert grund­le­gend, wie Wis­sen vali­diert und Auto­ri­tät in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen eta­bliert wird.
Folg­lich ist die Her­aus­for­de­rung für Päd­ago­gen kom­ple­xer als die blo­ße Anpas­sung von Unter­richts­me­tho­den – sie erfor­dert, die­se tie­fer­ge­hen­den kogni­ti­ven und ver­hal­tens­be­zo­ge­nen Ver­än­de­run­gen zu ver­ste­hen und dar­auf ein­zu­ge­hen. Wir müs­sen sicher­stel­len, dass wir, wenn wir die Vor­tei­le gene­ra­ti­ver KI nut­zen, nicht ver­se­hent­lich zen­tra­le Aspek­te des Ler­nens und der Ent­wick­lung gefähr­den, die seit Jahr­hun­der­ten im Mit­tel­punkt der Bil­dung ste­hen. Oder zumin­dest soll­te es, falls wir dies tun, eine bewuss­te und wohl­über­leg­te Ent­schei­dung sein. Eine Ent­schei­dung, die von Päd­ago­gen getrof­fen wird.
Die heu­ti­gen päd­ago­gi­schen Prak­ti­ken prä­gen nicht nur die unmit­tel­ba­ren Lern­ergeb­nis­se, son­dern auch die kogni­ti­ve Struk­tur künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen. Da künst­li­che Intel­li­genz zuneh­mend in Bil­dungs­pro­zes­se inte­griert wird, müs­sen wir sorg­fäl­tig abwä­gen, wie sich die­se Tech­no­lo­gie nicht nur auf das aus­wirkt, was Schü­ler ler­nen, son­dern auch dar­auf, wie sie den­ken, inter­agie­ren und die Welt um sich her­um verstehen.
Die Ent­schei­dun­gen, die wir heu­te in Bezug auf KI im Bil­dungs­we­sen tref­fen, wer­den noch sehr, sehr lan­ge nach­wir­ken. Ob wir hier die rich­ti­gen (oder fal­schen) Ent­schei­dun­gen tref­fen, wird die kol­lek­ti­ve intel­lek­tu­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit der Gesell­schaft über Gene­ra­tio­nen hin­weg beeinflussen.

Quel­le: https://jeppestricker.substack.com/p/the-silent-revolution-how-ai-is-slowly

 

Kritisches Denken ohne Fachwissen ist kein Denken. Es ist Raten mit Methode.

Ein wei­te­rer, für mich wich­ti­ger Text kommt von Bar­ba­ra Gey­er aus dem öster­rei­chi­schen Bur­gen­land. Letzt­lich begrün­det sie, war­um kri­ti­sches Den­ken nicht ohne Anbin­dung an kon­kre­te Wis­sens­do­mä­nen funk­tio­nie­ren kann.

Die bri­ti­sche Bil­dungs­for­sche­rin Dai­sy Chris­to­dou­lou beschreibt das Pro­blem seit 2014. Kri­ti­sches Den­ken ist kei­ne Gene­ral­kom­pe­tenz, die man ein­mal lernt und dann auf belie­bi­ge Inhal­te anwen­den kann. Es ist gebun­den an Wis­sen über den kon­kre­ten Gegen­stand. Ohne die­ses Wis­sen grei­fen die bes­ten Check­lis­ten ins Lee­re. Kri­ti­sches Den­ken ohne Fach­wis­sen ist kein Den­ken. Es ist Raten mit Methode.

Quel­le: https://barbarageyer.substack.com/p/ki-fachkompetenzschwelle

Das ist letzt­lich Was­ser auf mei­nen Müh­len, wel­che Rol­le KI im Bil­dungs­sys­tem für mich eigent­lich ein­neh­men sollte.

  1. Was muss ich kön­nen, bevor ich ein Sprach­mo­dell sinn­voll für mei­nen Lern­pro­zess nut­zen kann?
  2. Wenn ich das kann: Wobei kann mir das Sprach­mo­dell kon­kret helfen?

 

Wo ich mir KI im Bildungssystem gut vorstellen kann

Zur­zeit bin ich mit mei­nen Gedan­ken eher in der abo­lu­ten Min­der­heit, weil sehr Hoff­nung auf KI im Bil­dungs­sys­tem gesetzt wird. Bei aller kri­ti­schen Betrach­tung: Ich habe bereits Anwen­dungs­fäl­le for­mu­liert, in denen ich KI als gutes Werk­zeug wahr­neh­me. Ich möch­te heu­te noch den Bereich der Inklu­si­on hin­zu­fü­gen – ich sehe in KI vie­le Poten­ti­al, Kom­mu­ni­ka­ti­on inklu­si­ver zu machen und Sprach­bar­rie­ren zu überwinden.

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