Herausforderungen bei der Nutzung von Sprachmodellen im Bildungssystem

Ich habe erst­ma­lig einen für mich sehr wich­ti­gen Text von Jep­pe Klit­gaard Stri­cker aus dem Eng­li­schen mit Hil­fe von https://www.deepl.com auf Deutsch über­setzt. Dabei habe ich nur eini­ge klei­ne­re Ver­än­de­run­gen vor­ge­nom­men. Ich nut­ze den ursprüng­li­chen Lin­ke­dIn-Post  von Jep­pe in mei­nen Grund­satz­vor­trä­gen zu KI (ab Folie 47), in den er in die­sem län­ge­ren Text wei­ter aus­ge­führt hat. Jep­pe ist seit über zwan­zig Jah­ren beruf­lich in der uni­ver­si­tä­ren Bil­dung unter­wegs und kommt aus Dänemark.

Die stille Revolution: Wie KI das Hochschulwesen auf den Kopf stellt

Wir erle­ben der­zeit tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen in der Art und Wei­se, wie Schü­ler und Stu­den­ten den­ken und ler­nen, doch vie­le die­ser Ver­än­de­run­gen wer­den in Bil­dungs­krei­sen nach wie vor kaum the­ma­ti­siert. Wäh­rend sich Debat­ten über KI im Bil­dungs­we­sen oft auf aka­de­mi­sche Inte­gri­tät und Bewer­tungs­me­tho­den kon­zen­trie­ren, fin­den bereits tief­grei­fen­de kogni­ti­ve und ver­hal­tens­be­zo­ge­ne Ver­än­de­run­gen statt. Dar­über müs­sen wir sprechen.
Man soll­te im Blick haben, dass Stu­die­ren­de mög­li­cher­wei­se bereits unbe­wusst die cha­rak­te­ris­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter der KI über­neh­men – eine Form der intel­lek­tu­el­len Spie­ge­lung, die in unge­zwun­ge­nen Gesprä­chen beginnt und sich dann in den aka­de­mi­schen Dis­kurs ein­schleicht. Dabei geht es nicht nur um das Nach­ah­men von Spra­che; viel­mehr han­delt es sich um eine poten­zi­el­le Ver­än­de­rung in der Art und Wei­se, wie Stu­die­ren­de Ideen ver­ar­bei­ten und formulieren.
Noch beun­ru­hi­gen­der ist viel­leicht, dass wir bereits ers­te Anzei­chen des­sen beob­ach­ten, was man als „digi­ta­le Abhän­gig­keits­stö­rung“ bezeich­nen könn­te – Schüler:innen, die ech­te Angst­ge­füh­le ver­spü­ren, wenn gene­ra­ti­ve KI-Tools vor­über­ge­hend nicht ver­füg­bar sind.

Die gesellschaftlichen Kosten

Die­se Abhän­gig­keit steht im Zusam­men­hang mit einem umfas­sen­de­ren Phä­no­men, bei dem sich Stu­die­ren­de zuneh­mend als Fach­ex­per­ten betrach­ten, nur weil gene­ra­ti­ve KI kom­ple­xe Inhal­te auf schein­bar leicht ver­ständ­li­che Wei­se prä­sen­tiert hat.
Die Illu­si­on, durch das Ver­ständ­nis der KI alles zu beherr­schen, droht tra­di­tio­nel­le Ansät­ze des Deep Lear­ning und des kri­ti­schen Den­kens zu unter­gra­ben, wenn wir nicht auf­pas­sen. Wenn gene­ra­ti­ve KI alles auf den ers­ten Blick ver­ständ­lich erschei­nen lässt, wird der ent­schei­den­de Kampf, der ech­tes Ler­nen oft beglei­tet, umgangen.
Die Aus­wir­kun­gen auf das kol­la­bo­ra­ti­ve Ler­nen sind eben­so besorg­nis­er­re­gend. Die Schü­ler begin­nen, die gemein­sa­me Pro­blem­lö­sung im Team zuguns­ten der effi­zi­en­te­ren, aber iso­lier­ten Ansät­ze gene­ra­ti­ver KI auf­zu­ge­ben. Grup­pen-Brain­stor­ming und gegen­sei­ti­ges Ler­nen – seit jeher ent­schei­den­de Kom­po­nen­ten für die Ent­wick­lung sowohl sozia­ler als auch kogni­ti­ver Fähig­kei­ten – wei­chen der Ein­ga­be von Stich­wor­ten sowie der Bera­tung und Unter­stüt­zung durch KI.
Die­ser Wan­del erfor­dert neue Ansät­ze hin­sicht­lich unse­rer Sicht­wei­se auf die sozia­len Aspek­te der Bil­dung, die tra­di­tio­nell Inno­va­ti­on, Krea­ti­vi­tät und emo­tio­na­le Intel­li­genz geför­dert hat.
Am beun­ru­hi­gends­ten ist jedoch viel­leicht die sich abzeich­nen­de Gefahr, dass Schüler:innen kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen der rea­len Welt auf Auf­ga­ben redu­zie­ren, die ledig­lich opti­miert wer­den müs­sen, anstatt sie als Pro­ble­me zu betrach­ten, die mensch­li­ches Nach­den­ken und ein dif­fe­ren­zier­tes Ver­ständ­nis erfordern.
Wenn Schü­ler begin­nen, die Rea­li­tät durch die Bril­le der Promp­ting-Tech­nik zu betrach­ten, besteht die Gefahr einer grund­le­gen­den Ver­än­de­rung in der Art und Wei­se, wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen an die Pro­blem­lö­sung herangehen.
Dies wirft auch Fra­gen hin­sicht­lich des Ver­trau­ens in Wis­sen auf. Da KI-Sys­te­me zuneh­mend kon­sis­tent klin­gen­de Ant­wor­ten lie­fern, könn­ten Schü­ler anfan­gen, an mensch­li­cher Fach­kom­pe­tenz zu zwei­feln, ins­be­son­de­re wenn die­se im Wider­spruch zu den Ergeb­nis­sen der KI steht.
Der Druck, mit der schein­bar makel­lo­sen Leis­tung der KI mit­hal­ten zu müs­sen, könn­te eine neue Form des Per­fek­tio­nis­mus begüns­ti­gen, die Krea­ti­vi­tät und Risi­ko­be­reit­schaft hemmt. Ganz zu schwei­gen von den Pro­ble­men, die dies hin­sicht­lich der fach­li­chen Auto­ri­tät im Klas­sen­zim­mer und dar­über hin­aus mit sich bringt.

Die Köpfe von morgen formen

Die­se Ver­än­de­run­gen bedeu­ten sicher­lich mehr als nur eine Umstel­lung der päd­ago­gi­schen Metho­den – sie deu­ten auf eine grund­le­gen­de Neu­ge­stal­tung der Art und Wei­se hin, wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen den­ken, ler­nen und Pro­ble­me lösen wer­den. Die eigent­li­che Umwäl­zung liegt nicht dar­in, wie wir unter­rich­ten, son­dern dar­in, wie der Geist unse­rer Schü­ler durch die stän­di­ge Inter­ak­ti­on mit künst­li­cher Intel­li­genz neu geprägt wird.
Tra­di­tio­nel­le Bil­dungs­hier­ar­chien gera­ten ins Wan­ken, da Stu­die­ren­de zuneh­mend auf KI zurück­grei­fen, um Ant­wor­ten zu fin­den, bevor sie ihre Pro­fes­so­ren oder Kom­mi­li­to­nen um Rat fra­gen. Die­ser Wan­del wirkt sich nicht nur auf die Dyna­mik im Unter­richt aus. Er ver­än­dert grund­le­gend, wie Wis­sen vali­diert und Auto­ri­tät in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen eta­bliert wird.
Folg­lich ist die Her­aus­for­de­rung für Päd­ago­gen kom­ple­xer als die blo­ße Anpas­sung von Unter­richts­me­tho­den – sie erfor­dert, die­se tie­fer­ge­hen­den kogni­ti­ven und ver­hal­tens­be­zo­ge­nen Ver­än­de­run­gen zu ver­ste­hen und dar­auf ein­zu­ge­hen. Wir müs­sen sicher­stel­len, dass wir, wenn wir die Vor­tei­le gene­ra­ti­ver KI nut­zen, nicht ver­se­hent­lich zen­tra­le Aspek­te des Ler­nens und der Ent­wick­lung gefähr­den, die seit Jahr­hun­der­ten im Mit­tel­punkt der Bil­dung ste­hen. Oder zumin­dest soll­te es, falls wir dies tun, eine bewuss­te und wohl­über­leg­te Ent­schei­dung sein. Eine Ent­schei­dung, die von Päd­ago­gen getrof­fen wird.
Die heu­ti­gen päd­ago­gi­schen Prak­ti­ken prä­gen nicht nur die unmit­tel­ba­ren Lern­ergeb­nis­se, son­dern auch die kogni­ti­ve Struk­tur künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen. Da künst­li­che Intel­li­genz zuneh­mend in Bil­dungs­pro­zes­se inte­griert wird, müs­sen wir sorg­fäl­tig abwä­gen, wie sich die­se Tech­no­lo­gie nicht nur auf das aus­wirkt, was Schü­ler ler­nen, son­dern auch dar­auf, wie sie den­ken, inter­agie­ren und die Welt um sich her­um verstehen.
Die Ent­schei­dun­gen, die wir heu­te in Bezug auf KI im Bil­dungs­we­sen tref­fen, wer­den noch sehr, sehr lan­ge nach­wir­ken. Ob wir hier die rich­ti­gen (oder fal­schen) Ent­schei­dun­gen tref­fen, wird die kol­lek­ti­ve intel­lek­tu­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit der Gesell­schaft über Gene­ra­tio­nen hin­weg beeinflussen.

Quel­le: https://jeppestricker.substack.com/p/the-silent-revolution-how-ai-is-slowly

 

Kritisches Denken ohne Fachwissen ist kein Denken. Es ist Raten mit Methode.

Ein wei­te­rer, für mich wich­ti­ger Text kommt von Bar­ba­ra Gey­er aus dem öster­rei­chi­schen Bur­gen­land. Letzt­lich begrün­det sie, war­um kri­ti­sches Den­ken nicht ohne Anbin­dung an kon­kre­te Wis­sens­do­mä­nen funk­tio­nie­ren kann.

Die bri­ti­sche Bil­dungs­for­sche­rin Dai­sy Chris­to­dou­lou beschreibt das Pro­blem seit 2014. Kri­ti­sches Den­ken ist kei­ne Gene­ral­kom­pe­tenz, die man ein­mal lernt und dann auf belie­bi­ge Inhal­te anwen­den kann. Es ist gebun­den an Wis­sen über den kon­kre­ten Gegen­stand. Ohne die­ses Wis­sen grei­fen die bes­ten Check­lis­ten ins Lee­re. Kri­ti­sches Den­ken ohne Fach­wis­sen ist kein Den­ken. Es ist Raten mit Methode.

Quel­le: https://barbarageyer.substack.com/p/ki-fachkompetenzschwelle

Das ist letzt­lich Was­ser auf mei­nen Müh­len, wel­che Rol­le KI im Bil­dungs­sys­tem für mich eigent­lich ein­neh­men sollte.

  1. Was muss ich kön­nen, bevor ich ein Sprach­mo­dell sinn­voll für mei­nen Lern­pro­zess nut­zen kann?
  2. Wenn ich das kann: Wobei kann mir das Sprach­mo­dell kon­kret helfen?

 

Wo ich mir KI im Bildungssystem gut vorstellen kann

Zur­zeit bin ich mit mei­nen Gedan­ken eher in der abo­lu­ten Min­der­heit, weil sehr viel Hoff­nung auf KI im Bil­dungs­sys­tem gesetzt wird. Bei aller kri­ti­schen Betrach­tung: Ich habe bereits Anwen­dungs­fäl­le for­mu­liert, in denen ich KI als gutes Werk­zeug wahr­neh­me. Ich möch­te heu­te noch den Bereich der Inklu­si­on hin­zu­fü­gen – ich sehe in KI vie­le Poten­ti­al, Kom­mu­ni­ka­ti­on inklu­si­ver zu machen und Sprach­bar­rie­ren zu überwinden.

Lernplattformen

Vorbemerkung:

Ich äuße­re hier mei­ne Sicht und mei­ne Mei­nung zum The­ma Lern­platt­for­men, die sich allein auf mei­nem per­sön­li­chen Erfah­rungs­wis­sen grün­det. Auch ich ken­ne Schu­len, an denen es mit einer Lern­platt­form gut läuft und auch ich den­ke, dass in bestimm­ten Kon­stel­la­tio­nen eine Lern­platt­form ggf. hilf­reich für Schul­ent­wick­lung sein kann.

Warum ich Lernplattformen sehr kritisch sehe

Lern­platt­for­men wie Mood­le, Comm­sy oder auch kom­mer­zi­el­le Vari­an­ten wie its­lear­ningWeb­wea­ver, Goog­le Class­room und iTu­nes U stel­len eine vir­tu­el­le Lern­um­ge­bung bereit.

Das Prin­zip ist fast immer gleich: Ein zen­tra­les Log­in ermög­licht Zugriff auf bestimm­te Funk­tio­nen, die sich grup­pie­ren und struk­tu­rie­ren las­sen, z.B. kann ich inner­halb von Mood­le soge­nann­te Kur­se anbie­ten, die diver­se Funk­tio­nen bereit­stel­len, etwa ein Forum, Arbeits­ma­te­ria­li­en, ein­ge­bet­te­te Medi­en, Online­tests u.v.m.. Die­se Kur­se kann ich tei­len, expor­tie­ren, wie­der­ver­wer­ten, gemein­sam mit ande­ren Lehr­kräf­ten ent­wi­ckeln. Dar­über­hin­aus wer­den zuneh­mend Kura­ti­ons­tools ein­ge­setzt, etwa bei iTu­nes U: Ich kann ähn­lich wie bei paper.li Web­in­hal­te auf einer spe­zi­el­len Sei­te zusam­men­stel­len – qua­si ein Web­quest auf multimedial.

Das hört sich erst­mal pri­ma an. Ich war in Deutsch­land lan­ge Zeit sehr aktiv in der Mood­le­sze­ne und hat­te als Bera­ter Zugriff auf zahl­rei­che Test­in­stal­la­tio­nen kom­mer­zi­el­ler Pro­duk­te. Ich bin kein Maß­stab, weil ich zen­tra­li­sier­te Din­ge für die Arbeit mit digi­ta­len Medi­en nicht mehr benö­ti­ge, aber kei­ne der Test­stel­lun­gen und kei­ne mei­ner Test­in­stal­la­tio­nen in den letz­ten Jah­ren hat mich in irgend­ei­ner Wei­se dazu gebracht, Spaß oder Freu­de bei der Arbeit mit dem jewei­li­gen Sys­tem zu empfinden.

Das ist ja auch nicht zwin­gend not­wen­dig, aber dazu kam, dass auch der für mich sehr typi­sche prag­ma­ti­sche Zugang auf kei­ner der Lern­platt­for­men mög­lich war: Sie kos­te­ten mich ein­fach nur Zeit durch die kom­pli­zier­te Bedie­nung, die vor­ge­ge­be­nen Struk­tu­ren, das oft haar­sträu­ben­de Datei­ma­nage­ment, die pro­prie­tä­ren Schnitt­stel­len – und ich hal­te mich selbst für einen mit­tel­mä­ßig begab­ten Anwen­der (das ist etwas völ­lig ande­res als ein Tech­ni­ker oder Admi­nis­tra­tor). Es gibt eine Rei­he von Wer­be­aus­sa­gen zu Lern­platt­for­men, die ich im Fol­gen­den ein­mal aufs Korn neh­men möchte:

1. Eine Lernplattform bietet schulweit einen geschützten Raum mit klar definierter Benutzerführung

Das stimmt von einem tech­no­lo­gi­schen Stand­punkt aus. Hypo­the­tisch bie­tet sie das. „Schul­weit“ bedeu­tet für mich, dass alle Lehr­kräf­te in die­se Platt­form ein­ge­wie­sen sind und regel­mä­ßig im Unter­richt mit ihr arbei­ten. Nur so ent­wi­ckeln sich Rou­ti­nen im All­tag. Tat­säch­lich höre ich von Schu­len, in denen Lern­platt­for­men „ein­ge­führt“ sind, ganz oft ganz ande­re Din­ge. „Schul­weit“ bedeu­tet in der Rea­li­tät oft genug „drei oder vier beson­ders akti­ve Lehr­kräf­te mit ihren Lerngruppen“.

Schul­weit“ ist eine Hal­tung, die schon vor­han­den sein muss, bevor eine Lern­platt­form ihr unter­stüt­zen­des Poten­ti­al über­haupt ent­wi­ckeln kann.

Ein­fach mal machen“ führt oft genug ledig­lich dazu, dass eine Lern­platt­form 1:1 die Struk­tu­ren an einer Schu­le abbil­det – somit ist sie für mich dann zwar ein tol­les Bera­tungs­in­stru­ment, aber oft genug sehr bald für die Schu­le selbst eine zusätz­li­che Belastung.

Man sieht das recht hübsch an den Dis­kus­sio­nen im deut­schen Forum auf moodle.org. Immer noch dre­hen sich gefühlt 90% der Fra­gen um Sper­ren, Ein­schrän­ken, Bewer­tungs­ras­ter fein­tu­nen und ähn­li­che Dinge.

Wenn ich ver­su­che, in Rich­tung  „schul­weit“ zu bera­ten, kommt selt­sa­mer­wei­se am Schluss oft eben nicht die Ent­schei­dung für eine Lern­platt­form dabei her­aus, son­dern erst­mal sowas in die Rich­tung wie Datei­aus­tausch, Ter­mi­ne, E‑Mail – also typi­sche Cloud­funk­tio­nen. Danach ent­wi­ckelt es sich oft eher von dem Grund­kon­strukt „Lern­platt­form“ weg.

2. Eine Lernplattform bietet erweiterte Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften durch z.B. Austausch von Materialien, Aufgabenstellungen und Medien

Das stimmt von einem tech­no­lo­gi­schen Stand­punkt aus. Hypo­the­tisch bie­tet sie das. Ich kann z.B. bestimm­te Struk­tu­ren expor­tie­ren und im nächs­ten Jahr wie­der­ver­wen­den. Wenn ich einen Kurs zum The­ma „Pro­gram­mie­ren mit Ardui­no“ erstellt habe, kann ich die­sen dar­über­hin­aus mit ande­ren Lehr­kräf­ten tei­len. Bei Mood­le kann ich sogar im glei­chen Kurs mit ver­schie­den Grup­pen gleich­zei­tig arbei­ten, ohne dass die­se Grup­pen sich gegen­sei­tig sehen. Ich kann das. Was ist mit mei­nem Kol­le­gen, der nicht ein­mal weiß, wie er das Bild des Note­books auf den Bea­mer bekommt? Der wird schon an der Anmel­dung und der Ein­rich­tung eines Kur­ses in Mood­le schei­tern – ande­re Sys­te­me sind da aber tat­säch­lich ent­schie­den intuitiver.

Wer dar­über­hin­aus schon ein­mal einen Kurs in einer Lern­platt­form gebaut hat, weiß, dass das oft Stun­den dau­ert – für mich völ­lig inef­fi­zi­ent. Zudem will ich ja gera­de nicht nur Inhal­te bereit­stel­len, son­dern ich möch­te mich z.B. im Fach Deutsch mit mei­nem Fach­wis­sen mit den von SuS erstell­ten Inhal­ten aus­ein­an­der­set­zen und sie selbst dar­über ins Gespräch bringen.

Wenn ich hin­ge­gen Inhal­te bereit­stel­len muss (z.B. im Fach Che­mie), dann tue ich das doch nicht auf einer pro­prie­tä­ren Lern­platt­form mit ihren für mich extremst ein­ge­schränk­ten Im- und Export­funk­tio­nen. Mei­ne Inhal­te sind für mich als Leh­rer eine essen­ti­el­le Res­sour­ce, mit der ich mich nicht an ein For­mat bin­den möch­te, was ich nicht selbst kon­trol­lie­ren kann. Wenn eine Schu­le z.B. jah­re­lang bei Anbie­ter x auf Lern­platt­form y gear­bei­tet und der Anbie­ter dann z.B. die Preis­struk­tur mas­siv ändert (das ist kein hypo­the­ti­sches Set­ting, son­dern das kommt vor!) – sage ich dann als Schu­le: „Och, jetzt ist zwar die Arbeit von Jah­ren im Sys­tem, aber den Preis, nö, den zah­le ich nicht und wechs­le jetzt zu Anbie­ter z!“

Mei­ner Mei­nung nach unter­schät­zen vie­le Anbie­ter genau die­sen Aspekt, weil er sel­ten so klar for­mu­liert wird, aber intui­tiv bei vie­len Lehr­kräf­ten eine sehr gro­ße Rol­le spielt. Dazu kommt die Angst, dass Mate­ria­li­en durch die digi­ta­le Prä­senz auf ein­mal auch beur­teil- und eva­lu­ier­bar wer­den. Das kann man kri­ti­sie­ren und doof fin­den. Die Angst bleibt trotzdem.

3. Eine Lernplattform ist ein zentrales Instrument zur Organisation von Kommunikationsprozessen an Schulen und schafft so Transparenz

Das stimmt von einem völ­lig ver­al­te­ten tech­no­lo­gi­schen Stand­punkt aus. Meist funk­tio­nie­ren Lern­platt­for­men so, dass man sich über eine Web­ober­flä­che ein­log­gen muss, um dann auf eine Art Dash­board zu kom­men, was alle rele­van­ten Infor­ma­tio­nen für mich anzeigt. Oder es gibt eine geson­der­te App für ein Mobil­ge­rät (Han­dy, Tablet), die das für mich erle­digt. In mei­ner Welt (und in der Welt der Mobil­ge­rä­te über­haupt) fin­det Daten­aus­tausch aber recht anders statt:

  • E‑Mail über imaps
  • Ter­mi­ne über CalDAVs
  • Datei­en über WebDAVs
  • Nach­rich­ten über XMPP (mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung)
  • Kon­takt­da­ten über CardDAVs
  • Inhal­te über XML
  • […]

Das sind alles offe­ne Protokolle/Formate, wie sie jeder von uns täg­lich nutzt ohne es zu wis­sen, weil irgend­ei­ne App das erle­digt, die wir ent­we­der vom Her­stel­ler des Betriebs­sys­tem über­neh­men oder aber selbst bestim­men. Her­stel­ler von Lern­platt­for­men nei­gen zum über­wie­gen­den Teil dazu, die­se offe­nen, frei­en und ver­schlüs­sel­ten Stan­dards durch irgend­et­was zu erset­zen, das nur zu ihrer jewei­li­gen Lern­platt­form passt.

Schlachtung meiner Thesen durch Anbieter

In der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Anbie­tern, wer­den der­ar­ti­ge The­sen von mir nicht geschlach­tet, son­dern in einer ganz bestimm­ten Art und Wei­se gekontert.

  • pro­prie­tä­re For­ma­te sind für die Kon­sis­tenz der Daten not­wen­dig. Zudem sind tech­nisch kei­ne über­grei­fen­den Aus­tausch­for­ma­te mög­lich (PS: Das XML-For­mat von Mood­le oder Word­Press zeigt, dass das wohl schon irgend­wie geht)
  • die Schul­kul­tur, die zu der von mir gefor­der­ten „schulweit“-Lösung not­wen­dig ist, kann sich ja evo­lu­tio­när durch Unter­stüt­zung mit einer Lern­platt­form bil­den – ohne gin­ge es ja gar nicht – das sei ja gera­de die Ver­ant­wor­tung der Schu­le (PS: Da liegt der Kern der Arbeit, bei dem eine Lern­platt­form gera­de nicht unterstützt)
  • für die meis­ten Schu­len sind die durch Lern­platt­for­men gebo­te­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­er­wei­te­run­gen schon Quan­ten­sprün­ge gegen­über der bis­he­ri­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur (PS: Die Sache wäre wesent­lich nie­der­schwel­li­ger zu bewerk­stel­li­gen ohne den Umweg über Weboberflächen)
  • Lern­platt­for­men las­sen sich durch Zusatz­tools her­vor­ra­gend ergän­zen und in ihren Mög­lich­kei­ten erwei­tern – Mood­le etwa durch das schü­ler­zen­trier­te Maha­ra (PS: Die Inte­gra­ti­on der dabei ent­ste­hen­den Inhal­te in die ursprüng­li­che Lern­platt­form ist dann meist eher recht rudi­men­tär implementiert)
  • Lern­platt­for­men haben als Mit­tel zur Orga­ni­sa­ti­on von instruk­ti­ven Lern­pro­zes­sen eine wich­ti­ge Rolle

Ich sehe das viel zu nega­tiv, weil ich immer mit der „Kun­den­bin­dungs­po­ten­ti­al­bril­le“ auf die ver­schie­de­nen Ange­bo­te schaue: Ein Anbie­ter ist auf Wert­schöp­fung ange­wie­sen – dar­an ist über­haupt nichts Verwerfliches.

Ich hal­te die Kun­den­bin­dung aber auch für ein Motiv, eben z.B. kei­ne anbie­ter­über­grei­fen­den Im- und Export­stan­dards zu imple­men­tie­ren – natür­lich wird das nie­mand so offen nach außen kommunizieren.

 

Wie soll man es denn sonst machen?

Das wäre eine eige­ner Arti­kel. Des­we­gen hier nur zwei Thesen:

  • Identity‑, Grup­pen- und Rol­len­ma­nage­ment gehö­ren nicht in eine Lern­platt­form, son­dern öffent­lich orga­ni­siert. Durch ACLs wird fest­ge­legt, was die Lern­platt­form (oder die jewei­li­ge Appli­ka­ti­on) lesen/sehen darf und was nicht und wel­che Rol­le wer wo im Sys­tem erhält.
  • Die zen­tra­le Ver­wal­tung des Iden­ti­ty­ma­nage­ments gibt jeder Lehr­kraft bzw. jeder Schu­le die Mög­lich­keit, die Tools ein­zu­set­zen, die sie für ihren Unter­richt für not­wen­dig hält: Lern­platt­form, Blog, Wiki, Video­kon­fe­renz­soft­ware – alles wer­den ledig­lich „Apps“, die dar­an anbind­bar sind – auf Knopf­druck instal­liert, mit Nut­zern befüllt.

PS: Das geht alles schon und ist auch schon so umge­setzt – aller­dings eher auf Firmenebene.

Über das Ausspähen von Daten

Ich nut­ze gera­de infla­tio­när güns­ti­ge WLAN-Rou­ter von TP-Link, die ich mit einer alter­na­ti­ven Firm­ware aus­stat­te, um das WLAN-Netz der Schu­le zu opti­mie­ren. Die Firm­ware ver­fügt über eine SNMP-Funk­ti­on, mit der ich so eini­ges aus den Gerä­ten mit Hil­fe von Cac­ti – einem kom­for­ta­blen Front­end für RRD­Tool – aus­le­sen kann. Da kommt dann z.B. so etwas her­aus (kli­cken zum Vergrößern):

Auf der y‑Achse ist im ers­ten Dia­gramm die Anzahl der in die­sen Acces­s­point ein­ge­buch­ten Cli­ents auf­ge­tra­gen, im zwei­ten der ein- und aus­ge­hen­de Gesamttraf­fic (Daten­ver­kehr). Die x‑Achse bil­det einen Zeit­strahl der zurück­lie­gen­den Woche. Der WLAN-Teil des Rou­ters ist außer­halb der Schul­zeit deak­ti­viert. Was sagen mir die­se Daten?:

  • Die­ser Rou­ter­typ ver­sorgt pro­blem­los elf mobi­le Gerä­te gleich­zei­tig (aus Par­al­lel­mes­sun­gen weiß ich, dass es bis zu 18 sein können)
  • Der Rou­ter hat ein Pro­blem mit der kor­rek­ten Mel­dung der Basis­li­nie (ein Phan­tomcli­ent bleibt auch nach der Abschal­tung des WLAN-Chips)
  • Die­ser Rou­ter ist über einen Zeit­raum x am Leben gewesen
  • Wir haben viel out­bound-Traf­fic (was für das Inter­net eher unge­wöhn­lich ist, sich aber durch die Schul­cloud erklärt, über die der Datei­aus­tausch läuft)
  • Die Daten­men­ge, die die­ser Acces­s­point bewäl­tigt, ist doch eher gering

Die­se Daten brau­che ich, um zu ent­schei­den, wo ein wei­te­rer Aus­bau des WLAN not­wen­dig ist. Ich kann so recht früh­zei­tig Aus­fäl­le von Acces­s­points oder das Auf­tre­ten von merk­wür­di­gen Daten­men­gen iden­ti­fi­zie­ren. Die­se Daten sind über alle Nut­zer des WLAN gemit­telt und daher nicht per­so­na­li­sier­bar, selbst wenn ich es woll­te. Ich kann z.B. sagen, dass zu einem Zeit­punkt x extrem viel „gesaugt“ wur­de, aber nicht von wem oder ob das schlicht und ergrei­fend die ISO-Datei für den Kol­le­gen oder ein aktu­el­ler Kino­film war. Die­se Mes­sun­gen die­nen allein dazu, pro­ak­tiv auf Stö­run­gen und Eng­päs­se reagie­ren zu kön­nen, bevor der Frust mei­ner „Kun­den“ zu groß wird.

Wäre ich die Con­tent-Indus­trie, müss­te ich, um mei­ne Rech­te 100%ig zu schüt­zen, wei­te­re Daten erhe­ben – tech­nisch mög­lich, aber eine gan­ze Ecke auf­wen­di­ger, da ver­schie­de­ne Daten­be­stän­de ver­knüpft wer­den müs­sen (z.B. DHCP‑, Pro­xy- und SNMP-Daten):

  • die MAC-Adres­se des ein­ge­buch­ten Geräts
  • die von die­sem Gerät abge­ru­fe­nen Internetseiten
  • die Inhal­te von jedem Daten­pa­ket, wel­ches zwi­schen Acces­s­point und End­ge­rät aus­ge­tauscht wird
  • usw.

Zu deutsch: Von jedem läge offen, was er/sie wann und wo im Netz gemacht hat. Ich bin froh, dass ich das nicht kann, will und darf. Ich bin froh, dass es im Fal­le von Straf­tat­be­stän­den eine Ermitt­lungs­be­hör­de gibt, die dafür vor­ge­se­hen und hof­fent­lich auch gut aus­ge­bil­det ist, ent­spre­chen­de Foren­sik zu betrei­ben. Die­se kann in einem begrün­de­ten Ver­dachts­fall einen rich­ter­li­chen Beschluss erwir­ken, nach dem ent­we­der ein paar Men­schen mit unse­rem Ser­ver unter dem Arm die Schu­le ver­las­sen oder hier zusätz­li­che Tech­nik auf­stel­len. Das ist nicht mei­ne Auf­ga­be, weil ich sowas wie ein tech­ni­scher Dienst­leis­ter bin – nicht mehr und nicht weniger.

Wel­che Aus­wir­kun­gen hät­te es auf mei­ne Schu­le, wenn bekannt wür­de, dass sys­te­ma­tisch Daten geloggt und aus­ge­wer­tet wer­den – wenn sich nie­mand mehr sicher sein kann, bei einer elek­tro­ni­schen Inter­ak­ti­on mit der Ver­trau­ens­leh­re­rin nicht „belauscht“ oder „auf­ge­zeich­net“ zu wer­den? Wie wäre es dann wohl um den Ein­satz „neu­er Medi­en“ im Unter­richt bestellt?

Wel­che Gesell­schaft hät­ten wir, wenn wir den Ansprü­chen von eini­gen Urhe­bern mit allen uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den tech­ni­schen Mit­teln begeg­nen wür­den? Man kann das tech­nisch lösen. Das Pro­blem ist aber kein tech­ni­sches (wie mein Wunsch noch WLAN-Opti­mie­rung), son­dern ein sozio­lo­gi­sches: Wol­len wir wirk­lich in dem Bewusst­sein leben, dass unse­re gesam­te Kom­mu­ni­ka­ti­on stän­dig nach „Ver­bo­te­nem“ gescannt wird? Wol­len wir Pro­vi­dern und Dienst­leis­tern – als zivi­le Orga­ne – die­se Auf­ga­be wirk­lich über­tra­gen – schließ­lich hät­ten sie dann auch die „Daten­ho­heit“? Ich wür­de die­se Auf­ga­be nicht wol­len. Und die Urhe­ber wür­den bestimmt eine sol­che Gesell­schaft nicht wollen.

Prozessorientierung und Schwellenpädagogik

Glück­li­cher­wei­se kennt ja kein Leh­rer das Pro­blem, dass nicht alle Stun­den 100%ig vor­be­rei­tet sind.

Klar hat man gro­be Stun­den­ab­läu­fe im Kopf, die sich hin und wie­der zu merk­wür­di­gen Zei­ten mani­fes­tie­ren – bei mir hin und wie­der auf der Schwel­le zum Unter­richts­raum, weil im Ange­sicht der kon­kre­ten SuS die Her­aus­for­de­run­gen der letz­ten gehal­te­nen Stun­de deut­lich her­vor­tre­ten und dann die Rou­ti­ne dafür sorgt, dass man das Kind in der Regel gar nicht so übel nach Hau­se schaukelt.

Rich­ti­ger Frust kommt aber dann auf, wenn eine Stun­de wirk­lich exor­bi­tant gut vor­be­rei­tet ist – mit Mate­ria­li­en, metho­di­sche Kon­zep­ten usw. – und dann gar nichts läuft (pas­siert aber auch bei Schwel­len­päd­ago­gik). Noch mehr Frust schafft die Tat­sa­che, dass es dabei kein Sys­tem zu geben scheint.

Des­we­gen gibt es eigent­lich kei­ne Schwel­len­päd­ago­gik, es gibt nur die den SuS gerecht wer­den­de Pro­zess­ori­en­tie­rung! Das war frü­her auf Wochen­end­se­mi­na­ren auch schon so: Man hat sich ja nicht aus Faul­heit vor­her nicht getrof­fen, son­dern des­we­gen, weil man das Wochen­en­de pro­zess­ori­en­tiert gestal­ten wollte.

Ich habe mich heu­te ein­mal mehr dabei ertappt, 30 Minu­ten für eine Klas­se in der Che­mie­samm­lung gestan­den zu haben, und trotz­dem dach­te ich, nicht aus­rei­chend vor­be­rei­tet zu sein – irgend­wie blöd: Wenn man nicht min­des­tens eine hal­be Stun­de nach­ge­dacht und zwei DINA4-Sei­ten mit Gekra­kel gefüllt hat, hält man eine Stun­de für nicht gut vor­be­rei­tet. Ach, ich weiß gar nicht, was denn nun schi­zo­phre­ner ist.

Übri­gens lief die­se Che­mie­stun­de gut, wäh­rend in den vor­be­rei­te­ten Ober­stu­fen­stun­den wie­der alles nicht schlech­ter, aber ganz anders kam…