Herausforderungen bei der Nutzung von Sprachmodellen im Bildungssystem

Ich habe erst­ma­lig einen für mich sehr wich­ti­gen Text von Jep­pe Klit­gaard Stri­cker aus dem Eng­li­schen mit Hil­fe von https://www.deepl.com auf Deutsch über­setzt. Dabei habe ich nur eini­ge klei­ne­re Ver­än­de­run­gen vor­ge­nom­men. Ich nut­ze den ursprüng­li­chen Lin­ke­dIn-Post  von Jep­pe in mei­nen Grund­satz­vor­trä­gen zu KI (ab Folie 47), in den er in die­sem län­ge­ren Text wei­ter aus­ge­führt hat. Jep­pe ist seit über zwan­zig Jah­ren beruf­lich in der uni­ver­si­tä­ren Bil­dung unter­wegs und kommt aus Dänemark.

Die stille Revolution: Wie KI das Hochschulwesen auf den Kopf stellt

Wir erle­ben der­zeit tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen in der Art und Wei­se, wie Schü­ler und Stu­den­ten den­ken und ler­nen, doch vie­le die­ser Ver­än­de­run­gen wer­den in Bil­dungs­krei­sen nach wie vor kaum the­ma­ti­siert. Wäh­rend sich Debat­ten über KI im Bil­dungs­we­sen oft auf aka­de­mi­sche Inte­gri­tät und Bewer­tungs­me­tho­den kon­zen­trie­ren, fin­den bereits tief­grei­fen­de kogni­ti­ve und ver­hal­tens­be­zo­ge­ne Ver­än­de­run­gen statt. Dar­über müs­sen wir sprechen.
Man soll­te im Blick haben, dass Stu­die­ren­de mög­li­cher­wei­se bereits unbe­wusst die cha­rak­te­ris­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter der KI über­neh­men – eine Form der intel­lek­tu­el­len Spie­ge­lung, die in unge­zwun­ge­nen Gesprä­chen beginnt und sich dann in den aka­de­mi­schen Dis­kurs ein­schleicht. Dabei geht es nicht nur um das Nach­ah­men von Spra­che; viel­mehr han­delt es sich um eine poten­zi­el­le Ver­än­de­rung in der Art und Wei­se, wie Stu­die­ren­de Ideen ver­ar­bei­ten und formulieren.
Noch beun­ru­hi­gen­der ist viel­leicht, dass wir bereits ers­te Anzei­chen des­sen beob­ach­ten, was man als „digi­ta­le Abhän­gig­keits­stö­rung“ bezeich­nen könn­te – Schüler:innen, die ech­te Angst­ge­füh­le ver­spü­ren, wenn gene­ra­ti­ve KI-Tools vor­über­ge­hend nicht ver­füg­bar sind.

Die gesellschaftlichen Kosten

Die­se Abhän­gig­keit steht im Zusam­men­hang mit einem umfas­sen­de­ren Phä­no­men, bei dem sich Stu­die­ren­de zuneh­mend als Fach­ex­per­ten betrach­ten, nur weil gene­ra­ti­ve KI kom­ple­xe Inhal­te auf schein­bar leicht ver­ständ­li­che Wei­se prä­sen­tiert hat.
Die Illu­si­on, durch das Ver­ständ­nis der KI alles zu beherr­schen, droht tra­di­tio­nel­le Ansät­ze des Deep Lear­ning und des kri­ti­schen Den­kens zu unter­gra­ben, wenn wir nicht auf­pas­sen. Wenn gene­ra­ti­ve KI alles auf den ers­ten Blick ver­ständ­lich erschei­nen lässt, wird der ent­schei­den­de Kampf, der ech­tes Ler­nen oft beglei­tet, umgangen.
Die Aus­wir­kun­gen auf das kol­la­bo­ra­ti­ve Ler­nen sind eben­so besorg­nis­er­re­gend. Die Schü­ler begin­nen, die gemein­sa­me Pro­blem­lö­sung im Team zuguns­ten der effi­zi­en­te­ren, aber iso­lier­ten Ansät­ze gene­ra­ti­ver KI auf­zu­ge­ben. Grup­pen-Brain­stor­ming und gegen­sei­ti­ges Ler­nen – seit jeher ent­schei­den­de Kom­po­nen­ten für die Ent­wick­lung sowohl sozia­ler als auch kogni­ti­ver Fähig­kei­ten – wei­chen der Ein­ga­be von Stich­wor­ten sowie der Bera­tung und Unter­stüt­zung durch KI.
Die­ser Wan­del erfor­dert neue Ansät­ze hin­sicht­lich unse­rer Sicht­wei­se auf die sozia­len Aspek­te der Bil­dung, die tra­di­tio­nell Inno­va­ti­on, Krea­ti­vi­tät und emo­tio­na­le Intel­li­genz geför­dert hat.
Am beun­ru­hi­gends­ten ist jedoch viel­leicht die sich abzeich­nen­de Gefahr, dass Schüler:innen kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen der rea­len Welt auf Auf­ga­ben redu­zie­ren, die ledig­lich opti­miert wer­den müs­sen, anstatt sie als Pro­ble­me zu betrach­ten, die mensch­li­ches Nach­den­ken und ein dif­fe­ren­zier­tes Ver­ständ­nis erfordern.
Wenn Schü­ler begin­nen, die Rea­li­tät durch die Bril­le der Promp­ting-Tech­nik zu betrach­ten, besteht die Gefahr einer grund­le­gen­den Ver­än­de­rung in der Art und Wei­se, wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen an die Pro­blem­lö­sung herangehen.
Dies wirft auch Fra­gen hin­sicht­lich des Ver­trau­ens in Wis­sen auf. Da KI-Sys­te­me zuneh­mend kon­sis­tent klin­gen­de Ant­wor­ten lie­fern, könn­ten Schü­ler anfan­gen, an mensch­li­cher Fach­kom­pe­tenz zu zwei­feln, ins­be­son­de­re wenn die­se im Wider­spruch zu den Ergeb­nis­sen der KI steht.
Der Druck, mit der schein­bar makel­lo­sen Leis­tung der KI mit­hal­ten zu müs­sen, könn­te eine neue Form des Per­fek­tio­nis­mus begüns­ti­gen, die Krea­ti­vi­tät und Risi­ko­be­reit­schaft hemmt. Ganz zu schwei­gen von den Pro­ble­men, die dies hin­sicht­lich der fach­li­chen Auto­ri­tät im Klas­sen­zim­mer und dar­über hin­aus mit sich bringt.

Die Köpfe von morgen formen

Die­se Ver­än­de­run­gen bedeu­ten sicher­lich mehr als nur eine Umstel­lung der päd­ago­gi­schen Metho­den – sie deu­ten auf eine grund­le­gen­de Neu­ge­stal­tung der Art und Wei­se hin, wie künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen den­ken, ler­nen und Pro­ble­me lösen wer­den. Die eigent­li­che Umwäl­zung liegt nicht dar­in, wie wir unter­rich­ten, son­dern dar­in, wie der Geist unse­rer Schü­ler durch die stän­di­ge Inter­ak­ti­on mit künst­li­cher Intel­li­genz neu geprägt wird.
Tra­di­tio­nel­le Bil­dungs­hier­ar­chien gera­ten ins Wan­ken, da Stu­die­ren­de zuneh­mend auf KI zurück­grei­fen, um Ant­wor­ten zu fin­den, bevor sie ihre Pro­fes­so­ren oder Kom­mi­li­to­nen um Rat fra­gen. Die­ser Wan­del wirkt sich nicht nur auf die Dyna­mik im Unter­richt aus. Er ver­än­dert grund­le­gend, wie Wis­sen vali­diert und Auto­ri­tät in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen eta­bliert wird.
Folg­lich ist die Her­aus­for­de­rung für Päd­ago­gen kom­ple­xer als die blo­ße Anpas­sung von Unter­richts­me­tho­den – sie erfor­dert, die­se tie­fer­ge­hen­den kogni­ti­ven und ver­hal­tens­be­zo­ge­nen Ver­än­de­run­gen zu ver­ste­hen und dar­auf ein­zu­ge­hen. Wir müs­sen sicher­stel­len, dass wir, wenn wir die Vor­tei­le gene­ra­ti­ver KI nut­zen, nicht ver­se­hent­lich zen­tra­le Aspek­te des Ler­nens und der Ent­wick­lung gefähr­den, die seit Jahr­hun­der­ten im Mit­tel­punkt der Bil­dung ste­hen. Oder zumin­dest soll­te es, falls wir dies tun, eine bewuss­te und wohl­über­leg­te Ent­schei­dung sein. Eine Ent­schei­dung, die von Päd­ago­gen getrof­fen wird.
Die heu­ti­gen päd­ago­gi­schen Prak­ti­ken prä­gen nicht nur die unmit­tel­ba­ren Lern­ergeb­nis­se, son­dern auch die kogni­ti­ve Struk­tur künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen. Da künst­li­che Intel­li­genz zuneh­mend in Bil­dungs­pro­zes­se inte­griert wird, müs­sen wir sorg­fäl­tig abwä­gen, wie sich die­se Tech­no­lo­gie nicht nur auf das aus­wirkt, was Schü­ler ler­nen, son­dern auch dar­auf, wie sie den­ken, inter­agie­ren und die Welt um sich her­um verstehen.
Die Ent­schei­dun­gen, die wir heu­te in Bezug auf KI im Bil­dungs­we­sen tref­fen, wer­den noch sehr, sehr lan­ge nach­wir­ken. Ob wir hier die rich­ti­gen (oder fal­schen) Ent­schei­dun­gen tref­fen, wird die kol­lek­ti­ve intel­lek­tu­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit der Gesell­schaft über Gene­ra­tio­nen hin­weg beeinflussen.

Quel­le: https://jeppestricker.substack.com/p/the-silent-revolution-how-ai-is-slowly

 

Kritisches Denken ohne Fachwissen ist kein Denken. Es ist Raten mit Methode.

Ein wei­te­rer, für mich wich­ti­ger Text kommt von Bar­ba­ra Gey­er aus dem öster­rei­chi­schen Bur­gen­land. Letzt­lich begrün­det sie, war­um kri­ti­sches Den­ken nicht ohne Anbin­dung an kon­kre­te Wis­sens­do­mä­nen funk­tio­nie­ren kann.

Die bri­ti­sche Bil­dungs­for­sche­rin Dai­sy Chris­to­dou­lou beschreibt das Pro­blem seit 2014. Kri­ti­sches Den­ken ist kei­ne Gene­ral­kom­pe­tenz, die man ein­mal lernt und dann auf belie­bi­ge Inhal­te anwen­den kann. Es ist gebun­den an Wis­sen über den kon­kre­ten Gegen­stand. Ohne die­ses Wis­sen grei­fen die bes­ten Check­lis­ten ins Lee­re. Kri­ti­sches Den­ken ohne Fach­wis­sen ist kein Den­ken. Es ist Raten mit Methode.

Quel­le: https://barbarageyer.substack.com/p/ki-fachkompetenzschwelle

Das ist letzt­lich Was­ser auf mei­nen Müh­len, wel­che Rol­le KI im Bil­dungs­sys­tem für mich eigent­lich ein­neh­men sollte.

  1. Was muss ich kön­nen, bevor ich ein Sprach­mo­dell sinn­voll für mei­nen Lern­pro­zess nut­zen kann?
  2. Wenn ich das kann: Wobei kann mir das Sprach­mo­dell kon­kret helfen?

 

Wo ich mir KI im Bildungssystem gut vorstellen kann

Zur­zeit bin ich mit mei­nen Gedan­ken eher in der abo­lu­ten Min­der­heit, weil sehr Hoff­nung auf KI im Bil­dungs­sys­tem gesetzt wird. Bei aller kri­ti­schen Betrach­tung: Ich habe bereits Anwen­dungs­fäl­le for­mu­liert, in denen ich KI als gutes Werk­zeug wahr­neh­me. Ich möch­te heu­te noch den Bereich der Inklu­si­on hin­zu­fü­gen – ich sehe in KI vie­le Poten­ti­al, Kom­mu­ni­ka­ti­on inklu­si­ver zu machen und Sprach­bar­rie­ren zu überwinden.

Selbstverstärkungsmechanismen und der Wunsch nach Sicherheit

In Nie­der­sach­sen wur­den vor den Oster­fe­ri­en Äuße­run­gen des Kul­tus­mi­nis­ters Ton­ne beklagt, nach denen Fern­un­ter­richt allein auf frei­wil­li­ger Basis statt­fin­den könn­te. Die Lage hat sich mit der zer­schla­ge­nen Hoff­nung, Unter­richt kön­ne wie­der ganz nor­mal begin­nen, wie­der ziem­lich ver­än­dert. Die Lage wird sich wei­ter ver­än­dern, wenn sich die Coro­na­fall­zah­len durch die anste­hen­den Locke­run­gen nicht in die erhoff­te Rich­tung entwickeln.

Das Sys­tem Schu­le ist ver­un­si­chert und es gibt eine Men­ge Detail­fra­gen. Die jewei­li­gen Gege­ben­heit vor Ort sind kom­plett unter­schied­li­che Hand­lungs­wei­sen erfor­der­lich. Vie­les dreht sich dabei lei­der um Prü­fun­gen und Beno­tun­gen – bei­des Aspek­te, um die Schu­le jetzt weit­ge­hend beraubt ist. Immer­hin gibt es durch die Umstel­lung von G8 auf G9 in Nie­der­sach­sen zumin­dest nur an sehr weni­gen Gym­na­si­en über­haupt Abiturprüfungen.

Es stimmt mich nach­denk­lich, dass JETZT im Kon­text von Aus­stat­tung und Video­kon­fe­ren­zen das The­ma „benach­tei­lig­te Schüler*innen“ der­art pro­mi­nent wird. Vor­her war wenig davon zu hören, wenn der z.B. mit Nach­hil­fe­stun­den gut ver­sorg­te Sohn aus bür­ger­li­chem Hau­se die glei­che Klau­sur schrieb wie ein „benach­tei­lig­tes Mäd­chen“ aus der Zwei­zim­mer­woh­nung mit Eltern aus bil­dungs­fer­nem Milieu (man ent­schul­di­ge die Ste­reo­ty­pe an die­ser Stelle).

Was es mei­ner Ansicht nach jetzt braucht, sind Ent­schei­dun­gen vor Ort los­ge­löst von wie auch immer gear­te­ten Vor­ga­ben. Da spielt vie­les hin­ein: Schul­trä­ger, Gesund­heits­amt, Orga­ni­sa­ti­on des Schü­ler­tran­ports, Ver­sor­gung mit Des­in­fek­ti­ons­mit­teln, bau­li­che Gege­ben­hei­ten usw.. Minis­ter Ton­ne spricht dabei immer ger­ne von „Fah­ren auf Sicht“. Das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um kann gar kei­ne Vor­ga­ben machen, die für jede Schul­form, jeden Schul­bau, jedes Hygie­ne­kon­zept, jede Risi­ko­grup­pe glei­cher­ma­ßen ver­bind­lich und sinn­voll sein kön­nen. Es ist schlicht nicht mög­lich – auch wenn man durch Pres­se manch­mal den Ein­druck erhält, hier wür­de gezau­dert und die Schu­len allein­ge­las­sen. Was Herrn Ton­ne hoch anzu­rech­nen ist, ist sein kla­res Bekennt­nis dazu, sich im Fall der Fäl­le vor die Ent­schei­der vor Ort zu stellen.

Nur weni­ge Fra­gen, so nach­voll­zieh­bar und wich­tig sie indi­vi­du­ell sein mögen, kön­nen m.E. ein­heit­lich gere­gelt wer­den. Je mehr klein­tei­li­ge Fra­gen kom­men, des­to grö­ßer wird die Ver­zweif­lung auf Sei­ten des Minis­te­ri­ums und der Lan­des­schul­be­hör­de wer­den – es ist schlicht kei­ne Zeit für umfang­rei­che Prü­fun­gen und Fest­le­gun­gen von Ver­fah­ren, weil die momen­ta­ne Lage bei­spiel­los ist.

Das Kon­zept abzu­war­ten, bis alle rele­van­ten Infor­ma­tio­nen und Vor­ga­ben vor­lie­gen, um auf jeden Fall rechts­si­cher agie­ren zu kön­nen, muss fol­ge­rich­tig dazu füh­ren, dass in zen­tra­len Fra­gen schlicht gar nicht oder viel zu spät gehan­delt wird. Letz­te­res birgt die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Wenn man hin­ge­gen jetzt ein­fach han­delt, ist es momen­tan sehr wahr­schein­lich, dass erdach­te Plä­ne immer wie­der obso­let wer­den und der eine oder ande­re in sei­nem berech­tig­ten Wunsch nach Sicher­heit ent­täuscht wird und kri­tisch reagiert. Es ist defi­ni­tiv nicht leicht für Schul­lei­tun­gen. Es ist gene­rell auch nicht leicht für Men­schen, die ein gro­ßes Sicher­heits­be­dürf­nis haben.

Auch ich in der Medi­en­be­ra­tung habe zur­zeit mit Ent­wick­lun­gen zu tun, die ich nicht gut­hei­ße und in denen ich kei­nen Sinn sehe – trotz­dem muss ich damit umge­hen und als Regio­nal­kon­fe­renz­lei­ter – glück­li­cher­wei­se im Lei­tung­s­tan­dem – Kolleg*innen mit­neh­men. Ich ver­su­che mich dabei vor allem auf die Aspek­te zu kon­zen­trie­ren, die ihren Wert über die Zei­ten der ein­schränk­ten Schul­öff­nun­gen (vor­aus­sicht­lich) hin­aus behalten.

Für mich als Eltern­teil – ein ande­rer Hut als der des Staats­die­ners – gibt es für Schu­len Auf­ga­ben, die so oder so jetzt erle­digt wer­den müs­sen und die orga­ni­siert sein wol­len – los­ge­löst von Vorgaben.

Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung

  1. Ich muss als Schu­le wis­sen, wer zu einer Risi­ko­grup­pe gehört oder mit Ange­hö­ri­gen einer Risi­ko­grup­pe in häus­li­cher Gemein­schaft lebt. Beur­tei­len kann das wahr­schein­lich nur ärzt­li­ches Per­so­nal – es soll­te also mit einer Beschei­ni­gung nach­ge­wie­sen wer­den – ganz gleich ob Eltern, Schüler*innen, Ange­hö­ri­ge in häus­li­cher Gemein­schaft oder Lehr­kräf­te. Bei der Frist­set­zung wäre ich sehr prag­ma­tisch und wür­de eher ver­trau­en, aber den­noch die Nach­wei­se ver­bind­lich einfordern.
  2. Ich muss wis­sen, wie es um die digi­ta­le Aus­stat­tung von Schüler*innen im häus­li­chen Bereich bestellt ist (E‑Mail, Tele­fon, Rauch­zei­chen usw.).
  3. Ich muss mit dem Gesund­heits­amt und dem Trä­ger rück­kop­peln, wel­che Prio­ri­tä­ten bei der Schü­ler­be­för­de­rung gel­ten: Mög­lichst vie­le Schüler*innen aus einer Kom­mu­ne? Mög­lichst viel Abstand von Schüler*innen in den Bus­sen? Maskenpflicht?

Auf Basis die­ser Infor­ma­tio­nen kann ein Über­blick dar­über gewon­nen wer­den, mit wel­chen Res­sour­cen man in der Schu­le über­haupt rech­nen kann und wel­che Schüler*innen auf digi­ta­lem Weg nicht erreicht wer­den oder gar nicht ohne Risi­ko für sie oder Ange­hö­ri­ge zur Schu­le kom­men kön­nen. Das ist für eine Schul­lei­tung allei­ne nicht zu schaf­fen – man wird die­se Auf­ga­ben an Lehr­kräf­te dele­gie­ren und für eine struk­tu­rier­te Zusam­men­füh­rung der Ergeb­nis­se sor­gen müs­sen. Dabei kann natür­lich her­aus­kom­men, dass das mit den vor­han­de­nen Per­so­nal­res­sour­cen nicht zu schaf­fen ist. Das wird dann nicht nur einer Schu­le so gehen und man wird dann kul­tus­po­li­tisch dar­auf reagie­ren müssen.

Sinn­vol­le Ange­bo­te für den Fernunterricht

Par­al­lel zur Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung soll­te sich eine Schu­le mei­ner Mei­nung nach Gedan­ken zur Aus­ge­stal­tung von Fern­un­ter­richt machen. Dabei müs­sen aus mei­ner Eltern­sicht bestimm­te Grund­sät­ze gelten:

  1. Auf­ga­ben müs­sen so gestellt sein, dass Schüler*innen sie eigen­stän­dig bear­bei­ten können
  2. Kor­rek­tur und Bera­tung soll­te soweit mög­lich durch Lehr­kräf­te erfolgen
  3. Lehr­kräf­te müs­sen für Rück­fra­gen zu fes­ten Zei­ten per Tele­fon oder Video­kon­fe­renz erreich­bar sein, wenn Pro­ble­me mit den Auf­ga­ben und Lern­an­ge­bo­ten gibt.
  4. Inner­halb einer Klas­se bedarf es der Abstim­mung unter den Lehr­kräf­ten bezüg­lich des Umfan­ges und der Art der Aufgaben.
  5. Lie­ber weni­ge, durch­dach­te Auf­ga­ben, als vie­le ein Biss­chen ange­ris­sen und nicht abgestimmt.
  6. Nicht nur die ver­meint­li­chen Haupt­fä­cher in den Blick neh­men. Bewe­gung und Krea­ti­vi­tät hal­te ich in der Iso­la­ti­on für sehr wich­ti­ge Elemente.
  7. Schüler*innen, die nicht digi­tal erreicht wer­den kön­nen, müs­sen auf alter­na­ti­vem Wege erreicht wer­den können.
  8. Schüler*innen brau­chen auch Bera­tung in sozia­len Fra­gen. Die Schul­so­zi­al­ar­beit soll­te aktiv Schüler*innen über Kon­takt­mög­lich­kei­ten infor­mie­ren und Ange­bo­te machen.

Dafür haben hier in der Gegend eini­ge Schu­len schon Kon­zep­te gefun­den. Da das gan­ze Pro­ze­de­re sehr anspruchs­voll und vor allem unge­wohnt für vie­le Lehr­kräf­te ist, kann das mei­ner Mei­nung nach nur im Team arbeits­tei­lig erfol­gen – da führt dann u.U. kaum ein Weg an tech­ni­schen Unter­stüt­zungs­sys­te­men vor­bei (Tele­fon- oder Video­kon­fe­renz, ggf. Foren, Chats und E‑Mail).  In Nie­der­sach­sen sind ja die „häus­li­chen Schul­zei­ten“ gegen­über der sons­ti­gen Unter­richts­ver­pflich­tung deut­lich ein­ge­schränkt – ent­spre­chend des Alters der Schüler*innen. Das wird nicht leicht, da sich vie­le Kolleg*innen schon bei ein­fa­chen Bedie­ner­fra­gen sehr schwer tun. Aber Tele­fon- und und Brief­kon­takt sind kei­ne „min­der­wer­ti­gen“ Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men. Alles darf doch ger­ne nebeneinanderstehen.

Prü­fun­gen organisieren

Die Klas­sen­ar­bei­ten wür­de ich inner­lich abschrei­ben. Die Abschluss­prü­fun­gen ste­hen hier in Nie­der­sach­sen noch auf der Agen­da. Dafür braucht es in Abstim­mung mit den loka­len Gesund­heits­äm­tern räum­li­che Lösun­gen. Auch hier ste­hen Turn­hal­len leer – wie in Chi­na. Aber viel­leicht sind ja meh­re­re Klas­sen­räu­me sogar viel bes­ser zu lüf­ten? Das wis­sen Spe­zia­lis­ten, die ein­ge­bun­den wer­den sollten.

Ich glau­be nicht, dass die See­le des deut­schen Schul­sys­tems ohne Prü­fun­gen in der gewohn­ten Form aus­kommt. Ein Sys­tem spürt intui­tiv, wenn es eng wird. Ohne Prü­fun­gen in gewohn­ter Form sind noch ganz ande­re Ele­men­te des Schul­sys­tems infra­ge gestellt. Das erklärt für mich das Fest­hal­ten an Ver­bind­lich­kei­ten, Beno­tung und Prü­fung. Wie sonst soll­te man Schüler*innen schließ­lich zum Arbei­ten bewe­gen? Wenn sich jetzt her­aus­stellt, dass das Stu­die­ren auch ohne Abitur­klau­su­ren nicht bes­ser oder schlech­ter klappt als mit? Was wäre denn dann?

Das hört sich bestimmt alles alt­klug an. Unter Garan­tie habe ich wich­ti­ge Aspek­te ver­ges­sen. Heu­te kam übri­gens der ers­te Brief mit Mate­ri­al von unse­rer Grund­schu­le hier an. Mit Anlei­tun­gen in kind­ge­rech­ter Spra­che und einem Eltern­brief in vor­wie­gend leich­ter Spra­che. Aus die­sem Umschlag kom­men übri­gens eini­ge Ideen in die­sem Artikel.

Update, 19.4.2020:

 

 

 

 

Sollte man Lehrkräfte in Bezug auf die Digitalisierung „beschützen“?

In den letz­ten Wochen ist es mir im Rah­men mei­ner Bera­tungs­tä­tig­keit mehr­fach pas­siert, dass man mir ent­geg­ne­te, in Bezug auf die Digi­ta­li­sie­rung dür­fe man spe­zi­ell Lehr­kräf­ten nicht zu viel zumu­ten. Das zer­stö­re jed­we­de Arbeits­mo­ti­va­ti­on. Außer­dem käme alles bestimmt nicht so schlimm, wie ich es dar­stel­len wür­de. Kon­kret hat­te ich mich u.a. zu fol­gen­den Äuße­run­gen hin­rei­ßen lassen:

  • phy­si­sche Daten­trä­ger wie z.B. DVDs haben in Zei­ten von Strea­ming­diens­ten kei­ne lan­ge Zukunft mehr (eine sol­che Ent­wick­lung „bedroht“ z.B. momen­tan cur­ri­cu­lar gefor­der­te Inhal­te, wie z.B. Film­ana­ly­se oder Hörverstehensübungen)
  • wer Men­schen zur wis­sen­schafts­pro­pä­deu­ti­schen Arbeit anlei­ten will, muss grund­le­gen­de Aspek­te einer Text­ver­ar­bei­tung und ggf. Tabel­len­kal­ku­la­ti­on beherr­schen und ver­mit­teln kön­nen (z.B. auto­ma­ti­sche Ver­zeich­nis­se, Fuß­no­ten, For­mat­vor­la­gen etc.)
  • Arbeit mit und über Medi­en erfor­dert immer auch ein Nach­den­ken über Schul- und Unter­richts­ent­wick­lung und hängt gera­de nicht allein an Ausstattungsfragen.
  • […]

Aus­sa­gen die­ser Art erzeu­gen in so man­cher See­le Stür­me der Ent­rüs­tung, so dass ich mir sehr genau über­le­ge, wie und zu wel­chem Zeit­punkt ich sol­che Punk­te set­ze – denn das so Gesag­te macht unglaub­li­che Angst.

Du nimmst mir mei­ne Angst vor der Digi­ta­li­sie­rung nicht, son­dern du ver­stärkst sie auch noch, Maik!

… sag­te unlängst eine Kol­le­gin zu mir. Das stimmt natür­lich. Das sehe ich ja auch ein. Mir selbst macht aber auch etwas Angst, was gleich­zei­tig aber auch der Grund für die Lage ist, in der sich die Kol­le­gin wähnt:

Schu­le bewegt sich natür­lich, aber sie ist schlicht zu lang­sam. Das Wachs­tum des Del­tas zwi­schen bei­den Kur­ven ver­läuft expo­nen­ti­ell. Es gibt ers­te Bera­ter­kol­le­gen, die in den Panik­mo­dus verfallen:

Wie müs­sen schnell vie­le Men­schen fit für ein Ler­nen im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung machen. Wir haben kei­ne Zeit, um Din­ge zu dis­ku­tie­ren. Ver­fah­ren müs­sen her und ein­ge­übt werden!

Schaut euch ein­mal die Vide­os des ers­ten Andro­iden mit Staats­bür­ger­rech­ten (in Sau­di-Ara­bi­en) an:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=vtX-qVUfCKI

(eng­lisch, die Situa­ti­on wur­de Sophia nicht ein­pro­gram­miert, die reagiert aus­schließ­lich auf Basis ihrer „Sin­nes­ein­drü­cke“ mit Hil­fe einer KI).

Oder die Vor­trä­ge von Prof. Dr. Chris­toph Igel, den ich auf der Didac­ta im Rah­men einer Tagung des nie­der­säch­si­schen Städ­te- und Gemein­de­ta­ges zum The­ma Bil­dung hören durfte:

Akti­vie­ren Sie Java­Script um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=OK_LxqvIDgc

Ich per­sön­lich glau­be immer mehr, dass ein „Beschüt­zen“ und ein „Mit­neh­men“ von Lehr­kräf­ten ihnen letzt­lich immens scha­den und Ent­wick­lun­gen beschleu­ni­gen wird, die wir als (noch ver­hält­nis­mä­ßig) star­ke Demo­kra­tie nicht wol­len wer­den. Der ers­te, immens wich­ti­ge Schritt dabei wird sein, Digi­ta­li­sie­rung end­lich als gesell­schaft­li­ches Phä­no­men zu begrei­fen und zu ver­in­ner­li­chen. Jed­we­des Gerät ist allen­falls sowas wie ein Gate­way, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

PS: In der prak­ti­schen Bera­tungs­tä­tig­keit neh­me ich Men­schen mit oder ver­su­che es zumindest.