Twitter mit Institutionsaccount (na, so halb)

Trans­pa­renz­dis­c­lai­mer:

Die­ser Arti­kel schlum­mert seit etwa drei Mona­ten als Ent­wurf im Blog. Ich habe ihn jetzt her­aus­ge­holt, weil die Kon­flik­te im Twitterlehrer:innenzimmer jetzt wie­der an einer Stel­le sind, an der sie schon vor drei Mona­ten waren und in drei Mona­ten wie­der sein wer­den. Ihr wer­det das Alter des Arti­kels an Ent­wick­lun­gen mer­ken, die schon jetzt nach drei Mona­ten wie­der weit­ge­hend Geschich­te sind.

Und los:

Ich ver­ges­se jedes Jahr wie­der, dass Kon­flik­te auf Twit­ter unter ver­schie­de­nen Grup­pen enorm eska­lie­ren. Eigent­lich müss­te man jedes Jahr im Novem­ber (und in Pan­de­mie­jah­ren wohl zusätz­lich vor den Som­mer­fe­ri­en) eine ent­spre­chen­de Warn­mel­dung herausgeben.

Ich will nicht mehr emo­tio­nal in die­sen Stru­del gezo­gen wer­den – den per­sön­li­chen Account hat­te ich schon im Spät­som­mer 2019 auf­ge­ge­ben. Jetzt ver­su­che ich es mit einem „Institutions“-Account, der bei Lich­te bese­hen eigent­lich kei­ner ist.

Zeit, ein­mal ein Resümée zu ziehen:

  1. Es gelingt mir gut, mich aus öffent­li­chen Meta­dis­kus­sio­nen her­aus­zu­hal­ten. Ich ver­wen­de die­se Ener­gie für Din­ge, die ich für nach­hal­ti­ger hal­te, z.B. für die loka­le Vernetzung.
  2. Ich füh­le mich dar­in bestärkt, dass es ab einer bestimm­ten Reich­wei­te sehr schwie­rig wird, einen vor­her abge­steck­ten Kurs zu hal­ten. Es gibt Effek­te, die man nicht leicht han­deln kann, z.B. den Umgang mit Öffent­lich­keit. Viel Auf­merk­sam­keit bedeu­tet viel Stress und zieht Kraft. Ich bin z.B. nie­mand, der es genie­ßen kann, viel Auf­merk­sam­keit zu bekom­men. Tat­säch­lich habe ich immer wie­der Kon­takt zu z.B. Jour­na­lis­ten, gebe da aber eher Tipps zu Kon­tak­ten oder Ansatz­punk­ten. Das ist eine Form von Auf­merk­sam­keit, die ich ehr­li­cher­wei­se sehr genie­ße. Und: Ich habe tat­säch­lich die Foren­re­ak­ti­on auf Hei­se Online im Kon­text eines Arti­kels rela­tiv unbe­ein­druckt über­stan­den. Da kann man jetzt Schritt für Schritt muti­ger werden.
  3. Ich füh­le mich dar­in bestärkt, dass es sehr schwie­rig ist, ab einer bestimm­ten Reich­wei­te nicht Ver­su­chun­gen zu erlie­gen, z.B. Posts danach vor­zu­fil­tern, wie­viel Reich­wei­te sie womög­lich erzeugen.
  4. Es ist eigent­lich mei­ne erklär­te Absicht, Twit­ter als Bau­stein für eine mehr loka­le­re Ver­net­zungs­stra­te­gie zu nut­zen, um z.B. Lehr­kräf­te aus Nie­der­sach­sen geziel­ter anzu­spre­chen. Das kol­li­diert natür­lich mit der regio­na­len Unge­bun­den­heit von Twit­ter. Aller­dings ist momen­tan das Inter­es­se an Ange­bo­ten zu Digi­krams so groß, dass schon der Ein­trag in die Ver­an­stal­tungs­bank des Lan­des reicht, um Fort­bil­dun­gen an Teilgeber:innen zu bringen.
  5. Twit­ter hat für die „Magie“ hin­ter Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen kei­ner­lei Rele­vanz. Die pas­siert ganz woan­ders, z.B. hier in Nie­der­sach­sen bei einer zuneh­men­den Ver­net­zun­gen von Bera­tungs­sys­te­men über Insti­tu­ti­ons­gren­zen hin­weg. Das ist übri­gens recht har­te Arbeit, umso här­ter, je expo­nier­ter die eige­ne Posi­ti­on im Sys­tem ist. Auch die­se Expo­nie­rung ver­mei­de ich noch. Dar­an wird in der Zukunft noch zu arbei­ten sein.
  6. Twit­ter spielt für die Hil­fe im All­tag unter­ein­an­der eine immense Rol­le. Das funk­tio­niert am aller­bes­ten über zusätz­li­che Bin­dun­gen auf ande­ren Kanä­len. Die Wohl­fühl­bla­sen sind für Außen­ste­hen­de oft weder wirk­lich zugäng­lich noch ohne wei­te­ren Kon­text über­haupt ver­steh­bar. Gleich­zei­tig bie­ten sie aber einen unglaub­li­chen Reiz, dass man sie z.B. aus theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen her­aus kri­ti­siert, z.B. weil man den Ein­satz eines bestimm­ten Tools aus dem eige­nen Ver­ständ­nis von Digi­ta­li­tät bewer­tet bzw. „dif­fe­ren­ziert und kri­tisch dis­ku­tie­ren will“. Das war z.B. mei­ne gro­ße Fal­le, in die ich jah­re­lang getappt bin.
Das Konzept der intendierten Öffentlichkeit aus Konfliktauslöser

Phil­ip­pe Wampf­ler hat in einem ande­ren Kon­text auf das Kon­zept der inten­dier­ten Öffent­lich­keit von Anil Dash hin­ge­wie­sen. Ich glau­be, dass dar­in der ers­te Schlüs­sel für vie­le Kon­flik­te liegt.

Ein gar nicht so kon­stru­ier­tes Bei­spiel, wovon für mich immer wie­der Initi­al­zün­dun­gen ausgehen:

Wenn ich dar­auf stolz bin, ein Tool ein­ge­setzt zu haben, besteht die Mög­lich­keit, dass ich nicht „kri­tisch hin­ter­fragt“ wer­den möch­te, son­dern mei­ne Erfah­run­gen nur in einem bestimm­ten Adres­sa­ten­kreis wei­ter­ge­ben zu wol­len. Dass mir z.B. Bil­dungs­in­ter­es­sier­te oder Didak­ti­ker fol­gen, wird mir u.U. erst im Pro­zess deutlich.

Die Kri­tik und die Rück­fra­gen von Außen­ste­hen­den müs­sen dar­über hin­aus einen bestimm­ten Kon­text kon­stru­ie­ren (wohl­wol­lend oder z.b. kri­tisch) – für etwas ande­res ist Twit­ter gene­rell zu begrenzt. Die Beur­tei­lung des Gegen­übers z.B. auf Basis eines iso­lier­ten Tweets ist für mich mit der jour­na­lis­ti­schen Situa­ti­on ver­gleich­bar, in der Zita­te aus dem Zusam­men­hang geris­sen wer­den, um einen bestimm­ten Frame zu set­zen – nur tun das die Twee­ten­den in iro­ni­scher Wei­se im Prin­zip ja durch den Tweet selbst.

Tief­grei­fen­de Dis­kus­sio­nen führt man nicht auf 240-Zei­chen – der neue Trend ist ja auch „Ein Thread“ (qua­si das Pen­dant der Sprach­nach­richt auf Twit­ter). Der Ein­satz eines Tools im Unter­richt in sei­nem Kon­text kann ja nicht öffent­lich sein, sich aber dadurch durch­aus relativieren.

Jeman­dem, der sich schon lan­ge auf Social­me­dia bewegt, sind die Dyna­mi­ken von Online­kom­mu­ni­ka­ti­on bewusst. Die „alten Hasen“ ken­nen teil­wei­se auch die Geschich­te hin­ter der Geschich­te. Neu­lin­ge nicht. Das wird leicht ver­ges­sen. Der Grad zwi­schen der Zuschrei­bung von „man­geln­der Kri­tik­fä­hig­keit“ und „Über­for­de­rung“ ist schmal. „Das ist doch hier schon 100mal widerlegt/geklärt/diskutiert wor­den!“ hal­te ich für einen Aus­druck die­ser Asymmetrie.

Und die ideel­len Macht­ver­hält­nis­se sind nicht nur dadurch asym­me­trisch. Auf Twit­ter und spe­zi­ell im Twitterlehrer:innenzimmer sind nicht alle „gleich“ und „auf Augen­hö­he“. Das ist in mei­nen Augen eine roman­ti­sche und nai­ve Web­fan­ta­sie. Dahin­ter steckt viel­leicht viel­mehr der Wunsch nach einer Platt­form oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne, auf der es so emp­fun­den wird.

Asym­me­tri­sche Macht­ver­hält­nis­se konn­ten his­to­risch schon immer allein durch Soli­da­ri­tät und Grup­pen­bil­dung aus­ge­gli­chen wer­den. Das geschieht auf Twit­ter. Es wird sich in dem Maße ver­stär­ken, in dem asym­me­tri­sche Macht­ver­hält­nis­se igno­riert bzw. weg­ro­man­ti­siert wer­den. Es sind defi­ni­tiv nicht alle gleich. Gefor­dert sind hier vor allem die ideell Mäch­ti­gen – zuneh­mend aber auch im Aus­hal­ten per­sön­li­cher Angriffe.

Wirk­lich gro­ße Accounts wie der von in die­sem Jahr wirk­lich prä­sen­ten Vere­na Paus­der lächeln das nach anfäng­li­cher Ver­wir­rung weg. Da ste­hen oft ein Team und gewis­se Mar­ke­tin­gres­sour­cen zur Reich­wei­ten­er­hö­hung zur Seite

 

Als wäre das nicht schon kompliziert genug

Mit Digi­ta­li­tät und Schu­le lässt sich Geld ver­die­nen. Um Geld ver­die­nen zu kön­nen, braucht es Auf­merk­sam­keit. Auf­merk­sam­keit an sich ist auf Social­me­dia eine begrenz­te Res­sour­ce und eigent­lich auch sowas wie Geld. Geld und Auf­merk­sam­keit ver­dient man momen­tan nicht mit Ent­wür­fen einer refor­mier­ten Schu­le. Man ver­dient es mit Inhal­ten und Mate­ria­li­en, die den Bedürf­nis­sen des Sys­tems Schu­le jetzt und hier maxi­mal ent­ge­gen­kom­men. Fragt man Ver­la­ge, wie das Ver­hält­nis zwi­schen „tech­ni­sier­ten“ und Print­pro­duk­ten bei der Wert­schöp­fung ist, ist die Ant­wort klar, was vie­le Lehr­kräf­te zur­zeit immer noch wün­schen und kau­fen. Das kann mir gefal­len oder nicht.

Ich fin­de immer wie­der Par­al­le­len zu den SUV-Ver­käu­fen: Es gibt kei­ne objek­ti­ven Grün­de, sich einen Stadt­pan­zer zuzu­le­gen. Kri­ti­sche Geis­ter hört man sich ger­ne auf Vor­trags­aben­den zum Kli­ma­wan­del an – dann hat man ja schon etwas getan. Und die sich sowas wie SUVs nicht leis­ten kön­nen, sind ent­we­der nei­disch oder Spaß­brem­sen. Fer­tig. Danach steigt man allei­ne in den eige­nen SUV und fährt nach Hause.

Was errei­che ich dadurch einen SUV-Fah­rer immer wie­der öffent­lich kri­tisch zu hin­ter­fra­gen? Wel­che „Dia­log“ auf Augen­hö­he kann ich erwar­ten ange­sichts mei­ner „mora­li­schen“ / „theo­re­ti­schen“ oder sonst wie gear­te­ten „Über­le­gen­heit“? Erwar­te ich wirk­lich einen Dia­log und möch­te ich mich in mei­ner Argu­men­ta­ti­on bestä­tigt sehen? Weiß ich nicht schon, dass das Gegen­über auf der sach­li­chen Ebe­ne (den emo­tio­na­len Aspekt in Dis­kur­sen kürzt man lie­ber raus) wenig ent­ge­gen­zu­set­zen hat?

Wenn ich Vor­trä­ge an Schu­len zu Digi­ta­li­tät hal­te, ist das im Grun­de struk­tu­rell sehr ähn­lich. Das mache ich mir nichts vor.

Oft gibt es Zustim­mung. Oder alle sind recht platt und baff. Nach einer Wei­le: „Und wie set­zen wir das jetzt im Aus­bil­dungs­gang x in der Ein­heit y um?“ Der (mitt­ler­wei­le still gedach­te)  Satz „Ja das ist doch ihre Kom­pe­tenz als Fachob­frau/-mann!“ hilft da nicht wirk­lich. Eigent­lich stellt er eher bloß.

Des­we­gen habe ich oben auch geschrie­ben, dass Twit­ter für noch recht bedeu­tungs­los bei die­sem gro­ßen The­ma hal­te. Die Ver­bin­dun­gen vom Bil­dungs­jour­na­lis­mus zur Lehr­kräf­te­sze­ne auf Twit­ter ist noch zu schwach. Aber auch die­se Stun­de wird kommen.

Es geht auf Twit­ter und über­haupt in sozia­len Medi­en immer um Auf­merk­sam­keit. Auf­merk­sam­keit für die Ver­mark­tung von Ideen, Kon­zep­ten, Ver­an­stal­tun­gen und Theo­rien. Mei­nen „neu­en“ Account gibt es allein des­halb. Um Auf­merk­sam­keit für mei­ne Ange­bo­te, die Ange­bo­te der Medi­en­be­ra­tung und die Medi­en­zen­tren zu generieren.

 

Kaffeesatzlesen

Twit­ter wird sich in die­sem Jahr noch stär­ker seg­men­tie­ren in Unter­grup­pen. Kom­mu­ni­ka­ti­on über die­se Grup­pen wird sich zuneh­mend ver­kom­pli­zie­ren, weil sich die Wer­te und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­dür­fe die­ser Grup­pen sich immer stär­ker von­ein­an­der unter­schei­den wer­den. Immer weni­ger neue Kolleg:innen wer­den dem gewach­sen sein und sich u.U. rasch wie­der abwenden.

Konflikte bearbeiten

Es gibt eigent­lich an Schu­len kei­ne Instanz, um Kon­flik­te zwi­schen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen oder dem Kol­le­gi­um und der Schul­lei­tung zu bear­bei­ten. Die Rech­te und Mög­lich­kei­ten des Per­so­nal­rats sind gegen­über denen von ande­ren Arbeit­neh­mer­ver­tre­tun­gen m.E. doch eher als „nied­lich“ zu klassifizieren.

Man mag es kaum glau­ben, aber mein Wis­sen über Kon­flik­te zeigt mir mitt­ler­wei­le sehr deut­lich, bei wel­chen Schu­len eine Bera­tung im Hin­blick auf digi­ta­le Medi­en erfolg­reich ver­lau­fen wird und an wel­chen nicht, wenn man das Zeug auch gleich ein wenig als tro­ja­ni­sches Pferd für Schul­ent­wi­ckung mitnutzt.

Das zeigt sich sehr oft an einer Kon­flikt­kul­tur, die sogar schon in Vor­ge­sprä­chen her­aus­schim­mert. Es gibt Schu­len, bei denen ich sage: „Hm. Da ist vor­her noch das ein oder ande­re zu klä­ren, vor­her kön­nen wir hier nicht noch eine Bau­stel­le auf­ma­chen.“ Dafür nut­ze ich für mich zur Klas­si­fi­zie­rung Glasls Modell der Kon­flikt­eska­la­ti­on.

Wäh­rend vie­le Model­le Kon­flik­te über auf­stei­gen­de Model­le klas­si­fi­zie­ren, macht das Glasl etwas anders: Grund­te­nor ist, dass wir mit jeder neu­en Stu­fe einen wei­te­ren Teil unse­rer Mensch­lich­keit bzw. huma­nis­ti­schen Umgang mit­ein­an­der ver­lie­ren. Ab Stu­fe 4 wird es für mich immer kri­tisch und ich hole mir i.d.R. eine zwei­te Mei­nung durch unser Ausbildungsteam.

Viel­leicht habt ihr ja Lust auf eine klei­ne Übung: Ich habe ein­mal vier klit­ze­klei­ne Dia­lo­ge erson­nen. Die kom­men so natür­lich an kei­ner Schu­le vor. Ähn­lich­kei­ten mit tat­säch­li­chen Vor­komm­nis­sen wären also rein zufällig.

Wel­che Stufe(n) von Glasls Kon­flik­tas­ka­la­ti­ons­mo­dell seht ihr in den kur­zen Texten?

1) Der Rock

A: „Boah, ey, das Teil­chen ist aber echt gewagt. Mit sowas wür­de ich bei der Figur ja nicht unbe­dingt vor der Klas­se aufkreuzen.“

B: „Von der habe ich bis heu­te nicht die Arbeit mei­nes Nach­schrei­bers in mein Fach gelegt bekom­men! – ey und der Schü­ler saß schon vor ’ner Woche bei der drinne!“

C: „Wahrscheinlich hat Sie auch ver­peilt, dass heu­te Fach­kon­fe­renz ist. Aber wenn die da auf­kreuzt und wie­der ihren Scheiß von offe­nem Unter­richt erzählt und so … Ist doch voll durch­schau­bar: Jetzt wo ihre Kin­der in der Schu­le selbst Schwie­rig­kei­ten haben, spült die unse­re gym­na­sia­le Bil­dung weich, damit die eige­ne Brut das dann bei uns schafft.“

D: „Hey, aber die Schul­lei­tung steht doch voll auf deren Ideen!“

A: „Scheißegal, Haupt­sa­che wir kön­nen ihr heu­te mal öffent­lich eins reinwürgen.“

2) Die Abiturarbeit

A: „Mit der Bewer­tung die­ser Abitur­ar­beit bin ich nicht ein­ver­stan­den. Du hast z.B. bei Auf­ga­be 1 den Erwar­tungs­ho­ri­zont nicht berück­sich­tigt und viel zu groß­zü­gig bepunktet.“

B: „Man muss – so den­ke ich – gera­de bei die­sem Schü­ler – aber auch päd­ago­gisch berück­sich­ti­gen, dass er sich enorm ver­bes­sert hat!“

A: „Du kannst aber nicht unter­schied­li­che Maß­stä­be bei jedem Lern­grup­pen­mit­glied anle­gen. Die Leis­tung muss objek­tiv ver­gleich­bar und damit jus­ti­zia­bel sein.“

B: „Ich blei­be trotz­dem bei mei­ner Bewer­tung. Du kannst ja ein Gegen­gut­ach­ten schreiben!“

A: „Du glaubst wirk­lich, dass du dei­nen Wil­len bei mei­nem Stan­ding gegen­über der Schul­lei­tung durch­be­kommst? Versuch’s ruhig!“

3) Das Urgestein

A: „Wenn wir die Maß­nah­me X imple­men­tie­ren, wird sich die Unter­richt­qua­li­tät in unse­rem Fach enorm ver­bes­sern. Dafür müs­sen eini­ge Kol­le­gen aber natür­lich weg von ihrem gewohn­ten Trott und sich auch mal fortbilden!“

B: „Du willst also, dass jeder in der Fach­schaft ver­gleich­ba­re Maß­stä­be anlegt und ver­gleich­ba­re Inhal­te unterrichtet?“

A: „Ja. Das ist doch vor allem für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler gut, weil es dann eben nicht mehr vom Zufall abhängt, wann sie was lernen.“

B: „Ach, ich glau­be, du musst noch viel über Schu­le ler­nen. Ich bin jetzt schon so lan­ge dabei und in der Ver­gan­gen­heit haben wir das auch nie hin­be­kom­men. Du kannst nicht alle mit­neh­men. Aber nun gut – macht ihr jun­gen Leu­te mal.“

A: (denkt still) „Genau das habe ich von dir schon oft gehört. Des­we­gen stim­men wir jetzt doch ein­fach mal ab – also ich habe kei­ne Sor­ge, dass ich das Ding gewin­ne, die meis­ten Kol­le­gen ste­hen hin­ter mir, dafür habe ich im Vor­we­ge gesorgt.“

4.) Beim Maurer

A: „Was die sich da wie­der über­legt haben … Mache ich nicht. Da sit­zen doch eh nur die Lieb­lin­ge der Schul­lei­tung und die, die hier noch was wer­den wol­len. Was soll das denn jetzt wie­der brin­gen? Eska­la­ti­ons­mo­dell? Glasl? Jetzt soll ich hier was ler­nen oder was? Alles ist schlech­ter gewor­den, nur noch Kon­trol­le, kei­ne Frei­hei­ten mehr. Ich mache hier gar nichts mit. Die sol­len mich ein­fach in Ruhe las­sen. Mir kön­nen die eh nix. Ande­re den­ken auch so wie ich. Sol­len sie mal sehen, wie sie ihr Zeug durch­be­kom­men. Mit mir jeden­falls nicht.“

Von Visionären und Praktikern

Die­ser Bei­trag wur­de schon als Gast­bei­trag in Chris­ti­an Span­nagels Blog ver­öf­fent­licht. Ich assi­mi­lie­re ihn jetzt nur noch und füge ihn der Kul­tur die­ses Blogs hinzu. 

Der Prak­ti­ker

Weißt du Visio­när eigent­lich, woher ich dich als Prak­ti­ker ken­ne? Gar nicht. Aber ich ken­ne dei­ne Pro­duk­te, die z.B. Ein­gang in die amt­li­chen Vor­ga­ben für mei­nen Unter­richt gefun­den haben. Und ich ken­ne dei­ne Ant­wor­ten auf mei­ne Kri­tik an dir. Wer „du“ eigent­lich bist, das weiß ich nicht. Ernst neh­men kann ich kaum eines dei­ner Pro­duk­te der letz­ten Jah­re. Außer­dem kann ich nur ahnen, wie du in Kom­mis­sio­nen dei­ne Ideen durch­setzt. Aber ich den­ke mich dir so: Du Visio­när sitzt an irgend­ei­ner Fach­hoch­schu­le oder Uni­ver­si­tät. Wenn du gut bist, betreust du didak­ti­sche Semi­na­re von ange­hen­den Leh­re­rin­nen und Leh­rern. Wenn du bes­ser bist, hast du seit dei­ner eige­nen Schul­zeit auch hin und wie­der unter­rich­tet – aber das ist eher sel­ten. Als ganz schlimm erle­be ich oft Men­schen aus dei­nen Krei­sen, die selbst ein­mal Leh­rer gewe­sen sind und mei­nen, die Lage an den Schu­len daher zu ken­nen. Das tust du nicht. Das kon­stru­ierst du dir allen­falls aus dei­nen Kon­tak­ten in die Schul­welt. Aber auf jeden Fall weißt du aber, wor­an unse­re Schu­le heu­te krankt. Das bele­gen dir zahl­rei­che Sta­tis­ti­ken und Eva­lua­tio­nen. Des­we­gen ent­wi­ckelst du neue Metho­den und Ansät­ze. Die­se lässt du von wil­li­gen Lehr­kräf­ten oder Prak­ti­kan­ten unter dei­nen Stu­den­ten im Unter­richt erpro­ben. Mit ihren Rück­mel­dun­gen ver­fasst du ein Paper. Vie­le Visio­nä­re wie du tref­fen in Kom­mis­sio­nen der Kul­tus­mi­nis­te­ri­en zusam­men und erar­bei­ten auf Basis von vie­len Papie­ren und gemein­sam mit Lehr­kräf­ten das neue Cur­ri­cu­lum für den neu­en Unter­richt – ach was, für die neue Schule!

Die von dir mit erar­bei­te­ten Vor­ga­ben wer­den in einem Bun­des­land ver­bind­lich und es geschieht – nichts. Im Gegen­teil: Du musst mit anse­hen, wie das Sys­tem Schu­le dei­ne Ideen so in sei­nen All­tag ein­baut, dass sie mög­lichst wenig stö­ren. Das Sys­tem hat dar­in Übung. Es hat vie­le Visio­nä­re vor dir gese­hen. Du fin­dest das Sys­tem Schu­le dar­auf­hin doof. Du sagst, was es machen soll, aber kei­ner tut es. Du weißt, wie man guten Unter­richt erkennt, du kannst aber nicht erklä­ren, wie man ihn macht. Du willst doch nur hel­fen. Du hegst den Gedan­ken, dass es mit­tel­fris­tig ohne Zwang und Aus­tausch von Per­so­nal wohl nicht gehen wird.

Ich pran­ge­re dich an, du Visionär…

… weil du für dich das Recht bean­spruchst, es bes­ser zu wis­sen, aber oft nicht die Not­wen­dig­keit siehst, es sel­ber umzusetzen.

… weil du von Din­gen sprichst, die du misst oder mes­sen las­sen hast ohne zu rea­li­sie­ren, dass dei­ne Stich­pro­ben­grö­ßen sel­ten in den Bereich mathe­ma­tisch fun­dier­ter Aus­sa­ge­kraft kom­men. Das begrün­dest du übri­gens oft mit „feh­len­den Mit­teln“, „wenig Per­so­nal“, „flä­chen­de­ckend unmög­li­cher Durchführbarkeit“

… weil du im Erfolgs­fall die Lor­bee­ren für dich bean­spruchst und im Fal­le des Schei­terns das Sys­tem oder die man­geln­de Bereit­schaft der Prak­ti­ker ver­ant­wort­lich machst.

… weil man dich oft genug zufrie­den­stel­len kann mit irgend­wel­chem unge­leb­ten Kon­zept­ge­sei­er. Man neh­me dei­ne Buz­z­words, set­ze sich einen Nach­mit­tag hin und ver­fas­se mit dem Impe­tus eines Par­odis­ten für dich ein wenig Meta­gesei­er – und schon bist du des Lobes voll.

Der Visio­när

Weißt du Prak­ti­ker eigent­lich, woher ich dich als Visio­när ken­ne? Gar nicht. Aber ich ken­ne dei­ne Pro­duk­te, die sich z.B.  nie­der­schla­gen in deso­la­ten Erfolgs­zah­len von deut­schen Schu­len, die sich nie­der­schla­gen in wach­sen­der sozia­ler Unge­rech­tig­keit in unse­rem Land. Und das in Zei­ten, in denen sich eine Volks­wirt­schaft wie unse­re kein Kind leis­ten kann, was zurück­bleibt – schließ­lich lebt die­ses Land von Krea­ti­vi­tät und Ideen – Boden­schät­ze sind eher rar. Ich schütt­le den Kopf über
dich. Ich stel­le mich dir so vor:

Du Prak­ti­ker sitzt an irgend­ei­ner Schu­le in die­sem Land. Wenn du gut bist, schaust immer wie­der ein­mal über den eige­nen Tel­ler­rand hin­aus und nimmst aus Fort­bil­dun­gen von mir und Kol­le­gen Din­ge mit in dei­nen Unter­richt. Wenn du bes­ser bist, pro­bierst du neue Lern­ar­ran­ge­ments aus, auch auf die Gefahr hin, dass dich irgend­wer sank­tio­nie­ren könn­te – aber das ist eher sel­ten. Du begeg­nest mir mit Skep­sis, du glaubst in der Regel nicht, dass sich durch mei­ne Ideen im Schul­sys­tem etwas bewegt. Du begrün­dest das gebets­müh­len­ar­tig mit „schwie­ri­gen Umstän­den“, „schlech­ter Aus­stat­tung“, zuneh­men­der „emo­tio­na­ler Ver­wahr­lo­sung“ im Eltern­haus oder über­bor­den­der Büro­kra­tie – für die du mich auch noch ver­ant­wort­lich machst und dabei dei­ne eige­ne Ver­ant­wor­tung für das Sys­tem Schu­le ver­gisst. Du bist krea­tiv – krea­tiv im Umge­hen der von mir mit erar­bei­te­ten Vor­ga­ben für guten Unter­richt, ach nein, für eine gute Schu­le! Du struk­tu­rierst dich ein­fach so um, dass du das Neue mög­lichst lan­ge ver­mei­dest. Dabei gerätst du mehr und mehr ins Hin­ter­tref­fen, weil der Berg, den du irgend­wann auf­ho­len musst, immer grö­ßer wird. Eigent­lich tust du mir Leid, weil du dir letzt­end­lich selbst scha­dest, indem du dich der Freu­de und des Spa­ßes an dei­nem Beruf durch dei­ne Schutz­me­cha­nis­men beraubst. Und dann tust du mir nicht Leid, weil du schließ­lich neben dir selbst auch unse­re Kin­der beraubst.

Ich pran­ge­re dich an, du Prak­ti­ker â€¦

… weil du dir in dei­nem zur Schau getra­ge­nen Lei­den gefällst und es oft genug an die wei­ter­gibst, die nichts dafür kön­nen: unse­re Kinder!

… weil du nichts als Miss­trau­en für neue Ideen übrig hast, weil du grund­sätz­lich annimmst, dass etwas undurch­führ­bar sei, ohne es zumin­dest ver­sucht und erlebt zu haben.

… weil du in dei­ner Begrenzt­heit – Redest du auf Par­tys eigent­lich auch über ande­re Din­ge als Schu­le? – gar nicht mehr erken­nen kannst, dass dich vie­le Ideen ganz kon­kret in dei­nem Beruf unter­stüt­zen kön­nen, die du von vorn­her­ein ablehnst.

… weil dein Argu­ment, ich hät­te kei­ne Ahnung, weil ich nicht im Sys­tem Schu­le leb­te, kolos­sal nervt. Man kann Din­ge bes­ser wis­sen, ohne sie selbst zu machen.

Ich sage:

Die Visi­on ist kei­ne Arbeit im Ver­gleich zum Manage­ment des Chan­ge. Wenn wir unse­re Rol­len bei­de ernst neh­men, dann ver­wen­den wir 10% unse­rer Zeit auf die Visio­nen und 90% auf das Chan­ge-Manage­ment, weil das die Arbeit ist, bei der der Prak­ti­ker Hil­fe braucht und der Visio­när zei­gen kann, dass auch er Beton­sä­cke zu schlep­pen vermag.

Living in perfect harmony

Es ist wie­der so weit: Noten müs­sen ver­ge­ben wer­den – hier in Nie­der­sach­sen geschieht das vor der Zeug­nis­ver­ga­be. Die Noten müs­sen mit den SuS bespro­chen wer­den. In Schles­wig-Hol­stein war das unter­sagt  – das hat­te Vor­tei­le. Noten­ge­bung gibt immer Ärger. In Regel läuft es auf eini­ge Grund­fra­gen heraus:

  • Was muss stär­ker gewich­tet wer­den: Qua­li­tät oder Quantität?
  • Hat ein Schü­ler oder eine Schü­le­rin, die sich aktiv am Unter­richt betei­ligt ein „Befrie­di­gend“ ver­dient, auch wenn die fach­li­che Leis­tung nicht stimmt?
  • Darf eine stil­le Schü­le­rin (sor­ry Mädels), die alle zwei Stun­den ful­mi­nan­te Bei­trä­ge lie­fert und ansons­ten 14 Punk­te schreibt, ein „Sehr gut“ erhalten?
  • Dür­fen Unter­richts­stö­run­gen (Ober­stu­fe) mit bei der münd­li­chen Note berück­sich­tigt werden?
  • usw.

SuS hal­ten hier­bei „münd­li­che Noten“ für beson­ders kri­tisch, obwohl man im schrift­li­chen Umfeld auch treff­lich hin­sicht­lich der Objek­ti­vi­tät strei­ten kann.

Oft besteht ein Aus­weg dar­in, mas­siv zu doku­men­tie­ren, d.h. z.B. nach jeder Stun­de Noti­zen anzu­fer­ti­gen. Dann ste­hen da Plus- und Minus­zei­chen, die genau so sub­jek­tiv sind wie die Gene­ral­ab­rech­nung nach meh­re­ren Wochen. Da kann das zitier­te stil­le Mäd­chen schnell bei doku­men­tier­ten Null Punk­ten ste­hen – aber das wenigs­tens objek­tiv, oder?

Die Plus- und Minus­zei­chen ste­hen – da bleibt kein päd­ago­gi­scher Spiel­raum für den­je­ni­gen, der sich durch har­te Arbeit bemüht und in der alles ent­schei­den­den Klau­sur die ret­ten­de Vier erreicht. Die geht dann im Minussumpf unter und trotz­dem kommt dann der Unter­kurs. Motivierend.

Die Zei­ten wer­den här­ter. Die Stu­di­en­an­for­de­run­gen höher. Der NC droht selbst Eins­er­kan­di­da­ten in z.b. dem Bereich Medi­zin. Die Ner­ven wer­den dün­ner. Bei SuS. Bei LuL, die aus der Schlacht zie­hen. Es wird ver­gli­chen, gera­de bei den Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen, die aus Grün­den der Trans­pa­renz ihre Noten öffent­lich vor der Lern­grup­pe bespre­chen. Da kom­men natür­lich auch Kon­flik­te offen zuta­ge. Gut so. Schwie­rig wird es, wenn es dabei Mit­schü­ler trifft, wo ich doch die ZIel­schei­be sein soll­te, weil ich die Noten gebe – es ist mein Job.

Fazit:

Wie man es macht, man macht es immer irgend­wo falsch. Man tut immer irgend­wo irgend­wem Unrecht. Am wenigs­ten Ärger wird man wahr­schein­lich haben, wenn man die Schwa­chen nicht berücksichtigt.

Das dicke Fell, dass mir das rein gar­nichts aus­macht, besit­ze ich bis heu­te nicht. Und wenn sich in mir kein Gewis­sen regt, kämp­fe ich immer noch dage­gen an.

Und:

Mich freut jeder Schü­ler und jede Schü­le­rin, die mich in die­ser Bezie­hung sach­lich und offen kri­ti­siert, denn bei allen Unanehm­lich­kei­ten zeugt es von einem gewis­sen Maß an Ver­trau­en und – Mün­dig­keit (die wol­len wir auf einem huma­nis­ti­schen Gym­na­si­um ja auch).