Dazu ein Beispiel aus dem Schulalltag: Eine typische Gruppenarbeit im Fach Deutsch könnte z.B. so aussehen, dass ein komplizierter Text in Abschnitte zerlegt wird und jede Kleingruppe jeweils einen Abschnitt zur Bearbeitung erhält. Bei dieser arbeitsteiligen Form ist auf den ersten Blick die Effizienz höher und auch die letzte Gruppe hat etwas zu präsentieren, was für das Gesamtergebnis wichtig ist. In einem Unterrichtsgespräch oder durch eine andere Form werden die einzelnen Gruppenarbeitsergebnisse zusammengeführt. Jetzt werfen wir einmal einen Blick auf den Schaffensprozess innerhalb einer solchen Kleingruppe:
jedes Gruppenmitglied liest seinen Abschnitt zunächst für sich und markiert bzw. fügt Notizen hinzu (Phase 1)
die gewonnenen Erkenntnisse werden zusammengetragen (Phase 2)
er erfolgt in einer Diskussion eine Kategorisierung und Hierarchisierung (Phase 3)
es wird ein Gruppenvortrag auf Basis der gewonnenen Ergebnisse erarbeitet (Phase 4)
der Gruppenvortrag wird im Plenum präsentiert (Phase 5)
Dabei möchte ich folgende Beobachtungen festhalten:
Dokumentiert ist am Ende der Arbeit das Arbeitsergebnis, jedoch nicht der Prozess von dessen Entstehung
Gruppen werden von einzelnen Mitgliedern oft dominiert, während – abhängig von der Gruppengröße – sich auch Rückzugsmöglichkeiten für einzelne ergeben
Was für ein Prozess ist innerhalb einer Wave denkbar?
Nehmen wir an, die obige Aufgabe sei als Wave konzipiert.Nehmen wir ferner an, die Gruppenarbeit liefe im PC-Raum ab. Man muss bei Wave noch wissen, dass das System jeden Tastendruck sofort abbildet (abschaltbar).
„Aufmerksamkeit erhalten nur die lauten Störer. Ich kann auch etwas, bin aber eher leise und brauche Sicherheit, um mich zu äußern. Schule? Ungerecht!“
„Es ist doch ganz einfach: Ein wenig lächeln, hübsche Kleidung, figurbetont und nicht mit zu viel Einblick. Schön bei Reproduktionsfragen melden – aber bitte in jeder Stunde. Die Lehrerinnen honorieren den Fleiß, die Lehrer die Kombination aus Fleiß und dem anderen. Immer locker bleiben, Schule? Nur ein Spiel.“
„Ich kann etwas und weiß das auch. Trotzdem muss ich dauernd warten. Wer tut denn etwas für mich? Immer ist von fördern, fördern, fördern die Rede. Ich möchte auch gefördert werden oder gebt mir wenigsten diesen Papierfetzen früher. Schule? Um mich kümmert sie sich nicht!“
„Maximaler Ertrag bei minimalem Einsatz. Wen juckt den später die Fünf auf dem Halbjahreszeugnis? Der Abischnitt muss ein wenig stimmen, für manche Fächer reicht doch der Fetzen alleine bereits aus. Im ersten Halbjahr volle Stundenzahl bei halbem Einsatz, im zweiten Halbjahr auf jeden Fall zwei Arbeiten so setzen, dass er kein Mangelhaft mehr ziehen kann. Wenn das nicht hilft: Geschichten erfinden. Der Ertrag sechs Wochen vor Schluss ist am höchsten. Schule? Nur kein Stress!“
„Ich gebe mir Mühe, viel Mühe. Trotzdem kommt dabei selten etwas herum. Dümpelei zwischen Drei und Vier. Warum wird eigentlich nur das Fachwissen gesehen und nicht das, was ich sonst noch in meinem Leben an anderen Stellen erreiche? Schule? Kannste was, biste was – aber auch nur, wenn Mami und Papi das notwendige Kleingeld oder Bildungsnähe in der Birne haben!“
Diese Äußerungen entspringen allein meiner Fantasie. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Gedanken wären rein zufällig. Gleichwohl entstand dieser Text schon vor längerer Zeit in der Rückschau von einer von „Rieckens Predigtstunden“, die von sehr großer Ehrlichkeit seitens der SuS geprägt war – das ist ein Erziehungsziel und ein Erfolg gewesen. Ok – für das Fach war es blöd. So what. Muss auch mal sein.
Weiterhin glaube ich, dass der negative Touch in Klassen besonders groß ist, in denen mehr als drei von „Rieckens Predigtstunden“ im Halbjahr fällig sind und dass es auch andere fiktive Äußerungen gibt.
Ich wusste es schon immer: Wir sind Mittlerfiguren, wir stehen in der Tradition des Mondes, von Hermes, der Josephsfigur aus Thomas Manns längstem – und genialstem – Roman. Wir sind Lehrer. Wer es nicht glaubt, kann es hier bei Adorno nachlesen, der wahrlich auch die Herausforderungen beim Namen nennt.
Gekommen bin ich auf den Text durch die Sendung „Lehrer aus Leidenschaft“ aus der Sendereihe „Menschen hautnah“. Die komplette Sendung kann man sich als Podcast herunterladen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass der Redakteur bei der Auswahl der Lehrertypen und der Themen sehr oft in Schwarze trifft. Gerade durch die alleinige Untermalung durch Adornos Gedanken gewinnt diese deskriptive Dokumentation in meinen Augen ungemein.
… denn unser Wissen selbst veraltet so schnell, dass Inhalte mehr und mehr irrelevant werden. Täglich kommt so viel Wissen hinzu, dass wir einmal mehr dieses Wissen niemals beherrschen können – selbst wenn wir wollten. Deswegen müssen wir in der Schule weg von der Kultur der reinen inhaltlichen Wissensvermittlung. Wir müssen hin zu einer Kultur der Kompetenzvermittlung. Wir müssen den SuS Möglichkeiten und Methoden an die Hand geben, damit diese das Wissen der Welt selbst erschließen.Denn wir bilden heute Menschen für Berufe aus, die es in ihrer Profilierung erst noch geben wird.
Grob zusammengefasst höre ich diese Töne gerade im Kontext von Web2.0 sehr oft. Die Bezeichnung durch das Wort „Töne“ impliziert bereits meine Einstellung zu solchen Sätzen. Ich halte den Anspruch – zumindest in bestimmten Alterstufen für sehr gefährlich. Volker Pispers stellt die in meinen Augen möglichen Konsequenzen sehr überzogen und generalisierend dar, trifft aber den Kern meiner Kritik am verabsolutierten Kompetenzkonzept:
Nehmen wir einmal an, es gibt wirklich Unternehmensberater, Investmentbanker usw., die so klischeehaft handeln, wie von Volker Pispers 2004(!) dargestellt. Sie könnten nach meinem Verständnis nicht existieren ohne gewaltige Kompetenzen im kommunikativen und methodischen Bereich. Was müssten sie aber können, um nachhaltige volkswirtschaftliche Werte zu schaffen? Was müssten sie wissen, um Unternehmen erfolgreich zu beraten?
In meinen Augen müssten sie etwas über z.B. Humanismus wissen. Sie müssten etwas über Soziologie und Politik wissen. Sie müssten etwas über geschichtliche Zusammenhänge wissen. Sie müssten etwas über das Produkt der Firma und die Arbeitsbedingungen in der Firma wissen bzw. erfahren haben, was z.B. körperliche Arbeit bedeutet.
Dazu gehört für mich in Ansätzen auch technisches Know-How, das ich so oft auch im Web2.0‑Kontext vermisse. Der Ausdruck von Unwissen im Web2.0 lauten für mich: „Ich will anwenden, das muss bunt sein und die Technik dahinter interessiert mich nicht – das kann man doch nicht alles wissen!“. Dieses Wissen kann z.B. anhand von Beispielen vermitteln werden, die idealerweise prototypische Konzepte vorbereiten/implizieren. Ohne die Beispiele kann ich den prototypischen Charakter nicht abstrahieren, weil ich dazu ja Parallelen finden muss, bzw. auch parallele Beispiele. Das kann in meinen Augen kein Unterstufenschüler in dieser Absolutheit leisten. Er muss z.B. mit verschiedenen Wertesystemen konfrontiert werden – das geht zunächst nur über den Inhalt, woraus dann Kompetenzen erwachsen, die unbedingt zu reflektieren, auf einer Metaebene aufzubereiten und einzuüben sind, indem man die auf neue Sachverhalte projeziert. Das im Kompetenzumfeld entwickelte Akzeptor-/Donatorkonzept in der Chemie finde ich in dieser Beziehung ganz hervorragend.
Das was wir an Wissen nicht haben, werden wir später durch Kompetenzen nicht aufwiegen. Der reine Kompetenzmensch ist in meinen Augen der abhängige Mensch von Morgen. Wie viele Menschen sind z.B. von einer bestimmten Benutzeroberfläche eines Rechners abhängig, weil sie nicht verstehen wollen, was der Rechner für sie macht? Relevantes Wissen im IT-Bereich bedeutet das Erlernen von Konzepten – etwa der Objektorientierung – die es erlauben, jedes Schreibprogramm, welche objektorientiert arbeitet (das tun fast alle) zu bedienen. Das ermöglich mir Freiheit bei der Wahl meines Softwareanbieters. Dazu benötige ich zunächst aber Wissen um die Objektorientierung und ich brauche jemanden, der erkennt, dass die Objektorientierung relevantes Wissen darstellt. Habe ich dieses Wissen nicht, muss ich andere Leute fragen oder für eine Dienstleistung zahlen.
Kompetenzen fangen für mich immer mit dem Inhalt an – nie mit der Methode, nie mit dem Medium. Wir können nicht alles wissen. Das heißt aber nicht, dass wir kein Wissen mehr vermitteln sollten oder dass wir keines mehr brauchen. Junge Menschen wissen naturgemäß weniger oder andere Dinge über das, was man Leben nennt. Geben wir unser Wissen an die Jüngeren weiter – unser relevantes Wissen bzw. das Wissen, welches wir dafür halten.